Konjunktur Baumaterial, Dachfenster und Wärmepumpen werden Mangelware

Die Hoffnungen auf ein gutes Geschäftsjahr 2022 schwinden. Engpässe bei wichtigen Materialien drohen die Branchenkonjunktur abzuwürgen, warnt das baden-württembergische Handwerk. Auch der Ifo-Geschäftsklimaindex für Kleinstunternehmen und Soloselbständige stürzt ab.

Aufgrund der Unterbrechung von Lieferketten haben Fliesen, Ziegel, Dachfenster oder Wärmepumpen aktuell sehr lange Lieferzeiten. - © Sven Böttcher - stock.adobe.com

Rund 92 Prozent der baden-württembergischen Handwerksbetriebe beklagen deutliche Preissteigerungen. Das ist das Ergebnis einer Konjunkturumfrage des Baden-Württembergischen Handwerkstags (BWHT), an der sich 1.500 Betriebe beteiligt hatten. "Die Sorge wächst, dass sich dieser Trend fortsetzt“, so Landeshandwerkspräsident Rainer Reichhold.

Geschäftsklima stürzt ab

Auch bundesweit trübt sich die Stimmung bei Kleinstunternehmen und Soloselbständigen ein. Wie das Münchener Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung mitteilt, ist der Geschäftsklimaindex auf minus 10,0 Punkte abgestürzt (nicht saisonbereinigt) – nach plus 2,6 im Februar. "Die aufkeimende Hoffnung vom Februar ist aufgrund des russischen Angriffs auf die Ukraine in sich zusammengefallen", sagt Klaus Wohlrabe, Leiter der ifo-Umfragen. Jedes zweite Unternehmen mit weniger als neun Mitarbeitern berichte mittlerweile von Preiserhöhungsplänen.

"Die Händler verlangen zwischenzeitlich exorbitante Preise – beispielsweise für Holz, Stahl, Aluminium, Kunststoffe, Dämmstoffe oder Fliesen. Selbst Silikon wird hochpreisig gehandelt", berichtet Peter Friedrich, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Region Stuttgart. Für viele Betriebe wird das Kalkulieren von Angeboten schwierig. Erschwerend komme hinzu, dass aufgrund der Unterbrechung von Lieferketten manche Güter sehr lange Lieferzeiten hätten. So würden Fliesen, Ziegel, Dachfenster oder Wärmepumpen zur Mangelware.  Ein konjunkturell gutes Jahr 2022 hält Friedrich für zunehmend unwahrscheinlich.  

Importierte Energie rund 130 Prozent teurer als im Vorjahresmonat

Ein Grund hierfür ist auch der Preisschock bei Energie. Wie das Statistische Bundesamt mitteilt, war importierte Energie im Februar 2021 rund 130 Prozent teurer als im Vorjahresmonat, im Inland erzeugte Energie kostete 70 Prozent mehr. "Das Energieentlastungspaket der Bundesregierung enthält nicht die Entlastungen, die in der aktuellen Lage notwendig sind, damit die Betriebe diesen Energiepreisschock verkraften können", so Friedrich. Erfreulich seien zwar die Pläne zur temporären Entlastung bei den Kraftstoffpreisen. Diese Maßnahmen sollten jedoch sinnvollerweise ergänzt werden durch eine Absenkung der Verbrauchssteuern bei Strom und Gas. 

Stark von Corona betroffene Gewerke optimistisch

Die aktuelle Geschäftslage bewerten 52 Prozent der Betriebe noch als gut, 29 Prozent als mittel und 18 Prozent als schlecht. Das ist zwar eine deutliche Verbesserung zum Vorjahr, die Zufriedenheitswerte sind jedoch noch weit von den Werten vor der Pandemie entfernt. Beim Blick in die Zukunft nahmen insbesondere die Geschäftserwartungen im Bauhauptgewerbe und im Ausbaugewerbe deutlich ab. Dieser Rückgang verdeutliche, wie sehr die Betriebe mit der aktuellen politischen und wirtschaftlichen Situation und den Materialpreissteigerungen zu kämpfen haben, so der BWHT. Bei den stark von Corona betroffenen Betrieben im Dienstleistungsbereich, Kfz-Gewerbe sowie in den Nahrungsmittel- und Gesundheitshandwerken erwartet hingegen knapp die Hälfte eine bessere wirtschaftliche Lage.

Preisgleitklauseln: "Erwarten, dass auch die Kommunen diese nutzen"

"Positiv stimmt uns, dass die derzeitige Lage noch keine Auswirkungen auf die Fachkräftesuche hat. Alle Handwerksbereiche wollen im zweiten Quartal Beschäftigung aufbauen", sagt BWHT-Präsident Reichhold. Um die Materialkrise zu stemmen, müssten sowohl Lieferanten, Auftraggeber als auch die Betriebe ihren Teil beitragen. "Dass bei Bundes- und Landesausschreibungen nun Preisgleitklauseln und Ausnahmeregelungen genutzt werden sollen, ist ein erster Schritt. Aber wir erwarten, dass auch die Kommunen diese nutzen", so Reichhold weiter.

Letztlich gehe es darum, die Betriebe leistungsfähig zu erhalten, die unverschuldet und aufgrund widriger Umstände unter Druck geraten seien, so Friedrich von der Handwerkskamme Region Stuttgart. "Es sind genau diese Betriebe, die die in den Oster- und Sommerpaketen geplanten Maßnahmen zur Energiewende des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie umsetzen sollen." fre