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Handwerksordnung Barbershops: Über illegale Haarschnitte und fehlende Anerkennung

Ein Barbier rasiert, trimmt und pflegt Bärte. In vielen Fällen bieten Barbershops zudem auch Herrenhaarschnitte an – einige auch illegal. Der Baden-Württembergische Handwerkstag rief jetzt zu engmaschigeren Kontrollen auf. Einzelne Vertreter der Barberszene fordern indes eine Neuordnung der Friseurausbildung.

"Immer wieder bieten Barbershops Friseurleistungen an, obwohl sie dies nicht dürften", schildert Rainer Reichhold, Präsident des Baden-Württembergischen Handwerkstags (BWHT), die derzeitige Situation der Friseurbranche in Baden-Württemberg. Er spricht damit eine Entwicklung an, die schon seit längerem im gesamten Bundesgebiet, vor allem in den Städten, gesehen wird.

Wie verbreitet das Problem ist, hätten zuletzt erneut Kontrollen in der Region Stuttgart gezeigt. Ordnungsamt, Zoll, Polizei und Handwerkskammer überprüften dabei zehn Barbershops. Ergebnis: in sieben Läden wurden nicht nur Bärte, sondern verbotenerweise auch Haare geschnitten.

Eine Leistung, die gemäß der Handwerksordnung zulassungspflichtig ist. Das heißt, sie darf nur dann angeboten werden, wenn der Betriebsinhaber einen Meistertitel besitzt. In Einzelfällen sind auch Ausnahmegenehmigungen möglich (siehe Kasten). Das reine Schneiden und Pflegen von Bärten wird von den meisten Handwerkskammern hingegen als sogenanntes Minderhandwerk gewertet – und darf daher auch ohne Meisterqualifikation ausgeübt werden. Die Grenze zieht der Brillenbügel, wie die Handwerkskammer Region Stuttgart erklärt.

Billig-Barbiere schaden dem Friseurhandwerk

In der Praxis mag sich so mancher Barbier an diese Beschränkung jedoch nicht mehr erinnern. Mit Folgen für die rechtschaffenden Betriebe am Markt. "Wird der Barbershop nicht von einem Meister geführt, gilt auch der Tarifvertrag für das Friseurhandwerk nicht. Damit werden meist deutlich niedrigere Löhne und weniger Sozialabgaben gezahlt", so Reichhold. Da die Betriebsinhaber außerdem weder Zeit noch Geld in eine Meisterausbildung investieren mussten, können sie Haarschnitte oftmals für zehn Euro oder weniger anbieten. "Das ist kein fairer Wettbewerb", kritisiert er. Hier seien auch die Kunden gefragt, die nicht nur auf den billigsten Preis, sondern auch auf Arbeitsbedingungen und Qualifikation achten sollten.

Wie viele Barbershops derzeit ohne Meistertitel betrieben werden, ist unbekannt. Die Gewerbeanmeldung erfolgt in diesen Fällen bei der jeweils zuständigen Industrie- und Handelskammer (IHK). Dort werden Barbershops nicht systematisch erfasst, da es sich um keine offizielle Bezeichnung eines Gewerbes handelt. Wird ein Barbershop von einem Friseurmeister geführt, ist er hingegen bei der zuständigen Handwerkskammer gemeldet. Doch auch hier wird er nicht gesondert, sondern als Friseursalon gelistet.

Ausnahmen von der Meisterpflicht im Überblick

Die Handwerksordnung (HwO) beinhaltet mehrere Regelungen, die eine Betriebsgründung ohne eigene Meisterprüfung möglich machen. Bei den Handwerkskammern wird jeder Antrag im Einzelfall geprüft. Mögliche Ausnahmen sind:

  •   Fachlicher Betriebsleiter: Der Gründer stellt einen Friseurmeister als Betriebsleiter an. Dieser muss so gestellt sein, dass er den Betrieb in handwerklicher Hinsicht verantwortlich leiten kann. Zudem muss er in Vollzeit beschäftigt sein.
  •   § 7a HwO: Der Gründer ist bereits mit einem anderen Handwerk in die Handwerksrolle eingetragen und kann die erforderlichen Kenntnisse und Fertigkeiten im Friseurhandwerk durch Berufserfahrung oder eine Sachkundeprüfung nachweisen.
  •   § 7b HwO: Friseurgesellen, die mehrere Jahre und in leitender Stellung in ihrem Beruf gearbeitet haben, können ebenfalls die Eintragung in die Handwerksrolle beantragen.
  •   § 8 HwO: Eine Ausnahmebewilligung ist möglich, wenn es für den Antragsteller eine unzumutbare Belastung bedeuten würde, die Meisterprüfung abzulegen. Die erforderlichen Kenntnisse und Fertigkeiten muss er anderweitig nachweisen.
  •   § 9 HwO: Der Antragsteller ist Bürger der EU, des Europäischen Wirtschaftsraums oder der Schweiz und kann nachweisen, dass er in seinem Heimatland bereits mehrere Jahre einen Betrieb im Friseurhandwerk geleitet hat.
  •   Minderhandwerkliche Tätigkeit: Als nicht wesentliche Tätigkeiten sind solche zu werten, die innerhalb von drei Monaten erlernbar, für das betreffende Handwerk nebensächlich oder nicht aus dem Friseurhandwerk entstanden sind. fre

Mehr Kontrollen und härtere Strafen notwendig

Ob ein Gründer an die IHK oder Handwerkskammer verwiesen wird, entscheidet das Gewerbeamt. Aufgrund der dünnen Personaldecke wird dort aber oftmals nicht geprüft, ob es sich bei der geplanten Tätigkeit um ein zulassungspflichtiges Handwerk handelt oder nicht. Reichhold fordert deshalb: "Die Mitarbeiter in den Gewerbeämtern müssen beim Thema Barbershops sensibilisiert werden und einen Gründer zunächst an die Handwerkskammer zur Prüfung verweisen."

Auch die Einhaltung des gesetzlichen Mindestlohnes müsse flächenendeckend kontrolliert werden. Gleichzeitig sollten die Bußgeldbehörden zeigen, dass sich Schwarzarbeit nicht lohnt. "Wir fordern hierzu eine deutliche Erhöhung der Kontrollen und eine entsprechende Personalausstattung der verantwortlichen Behörden", so Reichhold.

Auf politischer Ebene setzt sich das Handwerk dafür ein, dass Schwarzarbeit zur Straftat hochgestuft wird. Solange sie lediglich als Ordnungswidrigkeit verfolgt wird, können die Verfolgungsbehörden nach pflichtgemäßem Ermessen entscheiden, ob sie Ermittlungen aufnehmen. Wäre Schwarzarbeit hingegen eine Straftat, müssten die Verfolgungsbehörden von Amts wegen Ermittlungen aufnehmen.

Barbiere warnen vor pauschaler Verurteilung

Einzelne Barbiere warnen indes vor einer Pauschalverurteilung des Barbierhandwerks. "Ich verstehe schon, dass den Friseuren das mit den Zehn-Euro-Läden nicht gefällt", sagt Alexandros Vellios, Inhaber des Torreto Barbershops in Frankfurt am Main. Nicht in Ordnung findet er jedoch, dass sich die Kritik auch auf Barbiere auswirkt, die vernünftige Löhne zahlen und angemessene Preise verlangen.

Vellios, der selbst 36 Euro für einen Haarschnitt nimmt, beklagt die fehlende Anerkennung innerhalb der Branche und kritisiert, dass das Barbierhandwerk in der Friseurausbildung noch immer eine untergeordnete Rolle spielt. Dirk Schlobach, Geschäftsführer der Barber House GmbH, pflichtet ihm bei: "Es ist symptomatisch für das Friseurhandwerk in Deutschland, dass es bei uns den Ausbildungsberuf Barbier nicht gibt. Der Mann spielt einfach keine Rolle – weder in der Ausbildung noch später im Berufsalltag"

Ausbildung zum Barbier gefordert

Geht es nach Vellios, sollten Jugendliche und junge Erwachsene wählen können zwischen einer umfassenden Friseur- und einer auf das Herrenfach beschränkten Barbierausbildung. Zudem müsse auch der Meisterkurs reformiert werden – mit einem auf das Barbierhandwerk angepassten fachtheoretischen und -praktischen Teil.

Ein Angebot, das seiner Meinung nach auch Zuwanderer und Geflüchtete aus dem arabischen Raum abholen könnte. "Es ist ja oftmals so, dass diese Menschen das Barbierhandwerk in ihrem Heimatland gelernt haben, hier in Deutschland aber keine Möglichkeit besteht sich zu integrieren, da es das reine Barbierfach bei uns nicht gibt."

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