Meinung -

Zum neuen Ausbildungsjahr Azubis verzweifelt gesucht

Jugendliche müssen besser aufs Berufsleben vorbereitet werden. Sonst werden die Ausbildungszahlen weiter sinken. Ein Kommentar.

Tausende Lehrstellen sind zum neuen Ausbildungsjahr noch offen, gleichzeitig sind tausende Jugendliche weiter ohne Stelle. Das klingt paradox, ist aber Realität auf dem deutschen Ausbildungsmarkt.

Burkhard Riering
© Zeichnung: Kasia Sander

Die Gewerkschaften sind nun schnell mit Schuldzuweisungen zur Hand: Die Betriebe bildeten nicht genug aus, sie „fliehen aus der Ausbildung“. Die IG Metall fordert gar einen Rechtsanspruch auf eine Lehrstelle für jeden Jugendlichen.Die Betriebe auf der anderen Seite sind in der Not, überhaupt geeignete Bewerber zu finden, und beklagen die mangelnde Ausbildungsreife. Mit einem Rechtsanspruch, ist sich die Wirtschaft sicher, lasse sich das Problem daher nicht aus der Welt schaffen.

Unterschiede in den Regionen

Fakt ist, dass früher mehr Betriebe ausgebildet haben. Aber was sind die Gründe dafür? Die Probleme sind vielschichtig: Erstens gibt es deutliche regionale Unterschiede auf dem Ausbildungsmarkt. Die Chancen für Bewerber in Bayern oder in Teilen Sachsens sind besser, weil dort allgemein Nachwuchsmangel herrscht. In Ballungsräumen wie Berlin oder in Teilen Nordrhein-Westfalens gibt es dagegen viele Anwärter für weniger Stellen.

Zweitens sinken die Schulabgängerzahlen insgesamt. Um diese Gruppe, die immer kleiner wird, buhlen Industrie und Handwerk gleichermaßen. Dennoch wählen sie oft den Weg zur Hochschule – und bleiben damit dem Arbeitsmarkt für weitere Jahre fern.

Novelle der Handwerksordnung hat Lage verschlechtert

Und drittems wäre da noch die Politik: Die Novelle der Handwerksordnung von 2004 hat dazu geführt, dass die Meisterpflicht in mehr als 50 Berufen weggefallen ist. In der Folge wurde in diesen Gewerken viel weniger ausgebildet als früher.

Doch trotz dieser Probleme gibt die deutsche Wirtschaft jedes Jahr mehr als einer halben Million Jugendlicher eine Lehrstelle. Maßnahmen für schwächere Schulabgänger wie die Einstiegsqualifizierung funktionieren, wo Betriebe die An­wärter an das Fach heranführen und Meister Nachhilfe in Deutsch und Mathe geben. Azubi-Aktionen und Kampagnen der Kammern und Verbände kommen hinzu. Orientierungswochen an Schulen, am besten von Praktikern, sind ebenso wichtig. Sicherlich geht noch mehr.

Mindestlohn für Lehrlinge?

Gleichzeitig dürfen diese bisherigen Erfolge nicht gefährdet werden. Beispiel Mindestlohn: Wenn Auszubildende 8,50 Euro einheitlich und flächendeckend bekommen sollen, könnte ihnen das am Ende ein vergiftetes Geschenk sein. Weil sie dann nicht mehr Geld in der Tasche haben, sondern womöglich ihr Ausbildungsplatz in Gefahr ist.

© deutsche-handwerks-zeitung.de 2020 - Alle Rechte vorbehalten