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Schuhmacher Axel Gemmels wichtige Arbeit für die Füße

Wiesbadener Schuhmachermeister fertigt mit Hingabe Schuhwerk.

Axel Gemmels wichtige Arbeit für die Füße
Ein Himmel voller Leisten: Axel Gemmel in seiner Werkstatt. -

Ausgetretene Pfade verlassen, darin ist er Meister. Früher stemmte er Wände auf, um Elektroleitungen zu verlegen. Heute näht er Nähte zu, fertigt maßgeschneiderte Schuhe, repariert ausgeleiertes Schuhwerk, fixiert lockere Absätze. In der Werkstatt von Schuhmachermeister Axel Gemmel im Wiesbadener Stadtteil Dotzheim scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Die Nähmaschine hat ein Jahrzehnt mehr auf dem Buckel als der im Jahr 1960 geborene Gemmel, auch die Poliermaschine stammt aus dem letzten Jahrhundert.

Hammer, Zange, Täcksheber, Querahle und Putzholz hat er in Griffweite. Kühl und schattig ist es in der Souterrain-Werkstatt, die er 1985 von Willy Usinger übernommen hat. Seit 29 Jahren residiert der Kölner in der Wiesbadener Straße. Unnachahmlich, der rheinische Singsang. Gemmel ist Schuhmachermeister mit Haut und Haaren. Seit Jahren geht er mit seinen eigenen maßgefertigten Schuhen inklusive Einlagen durchs Leben, ebenso seine drei mittlerweile erwachsenen Töchter. Etwa 500 Paare hat er gefertigt. Bisher.

Laufkundschaft kommt für die Reparatur in den Keller

Er liebt sein Handwerk. Spricht die Buchenholzleisten, die in großen Bündeln von der niedrigen Decke baumeln, mit den Namen der Besitzer dran. Gemmel hat vor allem Stammkunden. Die Laufkundschaft schaut nur für die schnelle Reparatur hinein. Die Stammkunden haben ihre Fußabdrücke hinterlassen. Auf Papier zeichnet Gemmel die Umrisse der Füße. Am liebsten mittags und abends, dann hat der Fuß seine größte Ausdehnung erreicht, Garant dafür, dass der Maßschuh später auch wie angegossen passt. Zwei- bis dreimal vermisst er die Füße, bildet aus den Zahlen einen Mittelwert und macht sich dann an die Leistenherstellung. Besonderheiten der Füße werden auf Papier notiert, Einlagen fertigt er auf Wunsch gleich mit. Einen Computer braucht Gemmel nicht für sein altes Handwerk. Maßschuhe sind Handarbeit von A bis Z.

Einige treue Kunden begleiten ihn schon viele Jahre, vor allem Männer lassen sich Schuhe auf Maß anpassen. Damenschuhwerk ist viel kniffliger. Mit der gewünschten Absatzhöhe steigt der Schwierigkeitsgrad. Ein paar Schuhe mal schnell so zurechtschustern? Pustekuchen! 30 bis 40 Stunden sitzt der Meister an der Herausforderung. Maßnehmen, Leisten herstellen, Leder zuschneiden, Sohlenaufbau überdenken, Einlagen fertigen. Verzwickt wird es beim Aufzwicken des Leders, also beim Formen des Oberteils über den Leisten. Makellos und faltenfrei lautet hier die Devise, wenn das Endprodukt die Gnade Gemmels finden will. Schließlich werden Oberteil und Sohle zusammengenäht.

1.200 Euro – mindestens – muss derjenige/diejenige anlegen, wer ein Paar Maßschuhe sein eigen nennen will. Einen Luxus, den sich nur wenige Menschen leisten. Dabei wird laut Gemmel umgekehrt ein Schuh draus: Wer sich maßgefertigte Schuhe gönnt und an ihnen bei richtiger Pflege viele Jahre etwas hat, spart die jährlichen Ausgaben für neue Schuhe, für ständige Reparaturen, neue Sohlen und Absätze. „Er gewinnt auf jeden Fall Komfort und Zufriedenheit.“

Als junger Mann zog Gemmel in den Rheingau, hatte den Gesellenbrief als Elektriker in der Tasche. Wohnte mit Freunden in einer Wohngemeinschaft im Rheingau und wusste nur eines: Als Elektriker wollte er nicht länger arbeiten. Irgendwie war der zündende Funke nicht zu ihm übergesprungen. In der Scheune des Anwesens richtete er sich eine Schuhmacherwerkstatt ein und trat in die Fußstapfen von Anton Weinl, dem langjährigen Obermeister der Schuhmacherinnung Wiesbaden. Bei ihm ging er in die Lehre, bevor er 1986 die Meisterprüfung vor der Handwerkskammer ablegte. „Das Schäftemachen und das Modellieren habe ich bei ihm gelernt. Er hatte echt was drauf“, schwärmt Gemmel noch heute über seinen Lehrmeister und den erfolgreichen Wissenstransfer von Alt zu Jung.

Weinl hatte, obwohl damals schon weit über 70 Jahre alt, Zeit für seinen wissbegierigen Lehrling. Er hat Fragen beantwortet und immer wieder gefordert: „Stell dir vor, wie der Schuh später auszusehen hat.“ All das hat Gemmel beherzigt und sich so einen Ruf als Maßschuhmacher in der Landeshauptstadt erworben.

Kunststoffe brachten Absatzprobleme mit sich

Nur sechs Schuhmacherlehrlinge gibt es derzeit in den 55 Schuhmacherbetrieben in Ober-, West- und Mittelhessen – dem Gebiet der Handwerkskammer Wiesbaden. Auch ohne Meisterbrief dürfen Schuhmacher einen Laden eröffnen, sie führen überwiegend einfachere Reparaturen aus, gravieren zusätzlich noch Schilder oder vervielfältigen Schlüssel.

Auch Schuhmachermeister Gemmel kann nur vom Gewinn seiner Maßschuhanfertigung nicht leben. „Mein wichtigstes Standbein sind die Reparaturen und Ausbesserungen.“ Er, der Leder, Kork und andere Naturstoffe so schätzt, musste sich durch die vielen Kunststoffe, die mittlerweile in der Schuhproduktion verwendet werden, in ein völlig neues Metier hineinarbeiten, um Schuhe vernünftig kleben und reparieren zu können. Auf leisen Sohlen hat sich die Veränderung in den vergangenen Jahren eingeschlichen. Und Gemmel hat materialbedingte Absatzsorgen durch stundenlanges Experimentieren mit verschiedenen Klebstoffen lösen gelernt.

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