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Kfz-Gewerbe und Elektromobilität "Autohäuser müssen Mobilitätsdienstleister werden"

Manfred Wiemer vom Heinz-Piest-Institut rät dem Kfz-Gewerbe zu mehr Engagement bei der E-Mobilität und zu Alternativangeboten.

Manfred Wiemer hat einen Arbeitskreis mit dem Ziel ge­gründet, die Verbreitung der Elektromobilität zu fördern. Ziel ist es, die Aufgeschlossenheit der Entscheidungsträger in den Autohäusern und Kfz-Werkstätten zu steigern. Im Kfz-Gewerbe sieht er Nachholbedarf.

Manfred Wiemer, Heinz-Piest-Institut

DHZ: Hat das Kfz-Handwerk Berührungsängste beim Thema Elektromobilität?
Wiemer: Es gibt kein einheitliches Bild. Mein persönlicher Eindruck ist, dass viele Betriebsinhaber bei dem Thema zurückhaltend sind. Einige Betriebe sind fit und innovativ. Viele andere allerdings sind noch nicht auf diese Technik eingestellt. Da herrscht Handlungsbedarf.

DHZ: Woran fehlt’s Autohäusern?
Wiemer: Viele Betriebsinhaber und Entscheidungsträger sehen die Beschäftigung mit dem Thema als noch nicht notwendig an. Im Moment können sie ihr Geschäftsmodell weiter so betreiben wie es derzeit läuft. Der Verkauf von Elektroautos und der Werkstattservice für diese Antriebstechnik rechnen sich zurzeit tatsächlich noch nicht. Das muss man so offen sagen.

"Wer seinen Betrieb über die nächsten zehn, 15 Jahre hinaus betreiben will, sollte sein Geschäftsmodell überdenken."

DHZ: Was wäre die Alternative?
Wiemer: Die Autohäuser müssten sich in Richtung Mobilitätsdienstleister entwickeln – das Angebot sollte verschiedene Mobilitätskonzepte umfassen. Beispiel: Die Kunden kaufen sich für den täglichen Bedarf ein Elektrofahrzeug und wenn sie für den Urlaub oder besondere Einkäufe ein größeres Auto benötigen, dann stellt das Autohaus ein Fahrzeug zu guten Konditionen zur Verfügung. Die Hersteller praktizieren so etwas seit langem. Die Autohäuser sollten in diese Richtung denken.

DHZ: Ein Autoverkäufer kann sich doch aber auf den Standpunkt zurückziehen: Mit herkömmlichen Fahrzeugen verdiene ich das meiste Geld. Warum soll ich das ändern?
Wiemer: Kurzfristig gedacht ist das richtig. Wer seinen Betrieb jedoch über die nächsten zehn, maximal 15 Jahre hinaus betreiben will, sollte sein Geschäftsmodell überdenken.

DHZ: Viele Autohäuser argumentieren mit der schlecht ausgebauten Infrastruktur und dem fehlenden Netz an Ladesäulen.
Wiemer: Das ist ein vorgeschobenes Argument. Viele Leute, vor allem Pendler, laden ihre Fahrzeuge zu Hause. Die brauchen in der Stadt keine Ladesäulen. Für Autofahrer, die längere Strecken fahren, wird mittlerweile viel getan. Es gibt das Bundesförderprogramm Ladeinfrastruktur. Bundesweit sollen 15.000 Ladesäulen aufgebaut werden. Größere Energieversorger wie Innogy oder auch regionale Anbieter wie enercity bieten, häufig in Zusammenarbeit mit dem örtlichen Elektrohandwerk, eine Grundladestruktur an. Das geht alles zügig voran.

DHZ: Thema Ausbildung. Kann jeder Kfz-Mechatroniker mit der Antriebsart umgehen?
Wiemer: Den Elektroantrieben liegt ein anderes physikalisches Prinzip zugrunde. Der klassische Mechatroniker hat eine grundlegend andere Herangehensweise. Das ist aber nicht das Problem. Am 1. August 2013 ist die Ausbildungsordnung angepasst worden. Die seitdem ausgebildeten Gesellen sind dazu befähigt, ein Elektrofahrzeug zu warten, unabhängig von ihrer Fachrichtung. Für die Spezialisten gibt es die Fachrichtung System- und Hochvolttechnik, die die komplette Reparatur eines solchen Fahrzeugs vornehmen können. Das darf halt nicht jeder.

"Der klassische Kfz-Mechatroniker, der nicht eingewiesen worden ist, darf an einem Elektrofahrzeug nicht einmal einen Radwechsel vornehmen."

DHZ: Hätten die Werkstätten dann ein Fachkräfteproblem?
Wiemer: Der klassische Kfz-Mechatroniker, der nicht eingewiesen worden ist, darf an einem Elektrofahrzeug nicht einmal einen Radwechsel vornehmen. Das wissen auch viele Betriebsinhaber nicht. Sie brauchen also eine entsprechend ausgewiesene Fachkraft. Diese ist verantwortlich für die Gefährdungsbeurteilung und die Einhaltung der Sicherheitsvorschriften. Für die Techniker, die heute ausgebildet werden, ist das kein Problem, aber es gibt einen riesigen Weiterbildungsbedarf.

DHZ: Herstellergebundene Autohäuser werden alle Antriebsarten nebeneinander bedienen müssen. Erfordert das nicht irgendwann einen zu großen Aufwand?
Wiemer: Meiner Meinung nach nicht. Es ist zwar sinnvoll, einen speziell für die Reparatur und Wartung von Elektrofahrzeugen ausgelegten Werkstattplatz einzurichten, das ist aber nicht zwingend erforderlich. Bereits mit Investitionskosten im niedrigen fünfstelligen Bereich kann ein Werkstattplatz für entsprechende Reparaturen ausgerüstet werden. Benötigt werden hierzu neben der sicherheitstechnischen Ausrüstung sowie speziellen Werkzeugen eine Ladestation und gegebenenfalls eine Hubvorrichtung zum Austauschen des Batteriepacks.

Diplom-Ingenieur Manfred Wiemer begleitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Heinz-Piest-Instituts (HPI) für Handwerkstechnik an der Leibniz Universität Hannover das Thema alternative Antriebsarten.

Weiterbildung ganz entscheidend

Wolfgang Christl, Berater für E-Mobilität an der Handwerkskammer für München und Oberbayern, unterstreicht, wie wichtig Weiterbildung ist, sowohl für den Vertrieb als auch für den Service. Eine Elektroauto sei mehr als einfach nur ein neues Modell. Der Kunde akzeptiere nicht, was der Händler nicht erklären könne. Ebenso laufen ungeschulte Vertragswerkstätten Gefahr, dass bestimmte Serviceangebote, wie etwa die Prüfung des Batteriezustands, unterlassen werden. Die Berater der Handwerkskammern helfen gerne weiter.

Wie viele Autohäuser ein Angebot an E-Autos und entsprechendem Service bieten, hat der Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK) nicht erfasst. Der ZDK bietet jedoch einen Leitfaden für Betriebe, die sich in diesem Segment stärker engagieren möchten. Innungsbetriebe können sich den Leitfaden unter www.kfz-gewerbe.de im internen Bereich herunterladen.fm

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