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Viele Deutsche schimpfen im Auto Autofahren: Hilft Fluchen gegen Stress?

Autofahren ist stressig, das produziert auch immer wieder Ärger. Laut einer Forsa-Umfrage aus dem Jahr 2016 flucht rund ein Drittel der Deutschen beim Autofahren. Aber was bringt das Schimpfen, wenn es keiner hört?

Fast alle Deutschen tun es: Sie fluchen und schimpfen beim Autofahren. Wie eine Forsa-Umfrage aus dem Jahr 2016 ergab fluchen nur vier Prozent der Befragten nie am Steuer, ein Drittel schimpft hingegen regelmäßig. Das Fenster bleibt bei den meisten geschlossen, die Deutschen fluchen lieber im Schutz ihres Autos. Vielleicht auch aus Vorsicht, um sich durch wüstes Schimpfen nicht noch mehr Ärger mit den anderen Verkehrsteilnehmern einzuhandeln.  

Warum ist das Auto ein beliebter Ort zum Fluchen?

Das Auto ist ein privater Raum und dennoch mitten in der Öffentlichkeit. Er bietet dem Fahrer eine Blase, alles was darin passiert ist abgeschirmt von der Außenwelt. Im Auto kann man seinem Ärger unmittelbar und ungefiltert freien Lauf lassen. Das ist wichtig, denn Schimpfen und Fluchen ist gesellschaftlich verpönt. Gerade Schimpfwörter sind oft obszön, vulgär oder bösartig. "Ein solcher Tabubruch verstößt gegen die soziale Etikette, was in den meisten gesellschaftlichen Kreisen und Situationen dem eigenen Ansehen schadet", sagt der Psychologe Ralf Buchstaller von TÜV Nord. Wie alles was verboten ist, übt das Fluchen deshalb einen gewissen Reiz aus – vor allem im geschützten Raum des eigenen Autos, ohne ins soziale Abseits zu geraten. Der Fluchende tut auf diese Weise kund, dass er sich gerade wenig um soziale Gepflogenheiten und drohende Folgen schert. Und kaum eine Alltagssituation bietet so viel Anlass zum Fluchen wie der Straßenverkehr.

Autofahren erzeugt Stress

Jeder kennt das, je dichter der Verkehr, desto mehr brenzlige Situationen gibt es. Nicht selten liegt das am vermeintlichen Fehlverhalten der anderen Verkehrsteilnehmer. Wenn wir aber heil an unserem Ziel ankommen möchten, sind wir unweigerlich darauf angewiesen, dass sich die anderen ebenso wie wir selbst an die Regeln und Gesetzte im Straßenverkehr halten.

Nimmt der Verkehr zu, steigt natürlich auch die Wahrscheinlichkeit, dass jemand die Regeln verletzt – das Stresslevel steigt. Eine Befragung von 2.500 Menschen in Großbritannien, Finnland und Niederlanden ergab, dass man sich allerorts über dieselben Dinge aufregt. Dichter Verkehr geht offenbar überall an die Nerven.

Bei einer Studie der der Colorado State University ließen Jerry Deffenbacher und sein Forscherteam 1.500 Versuchspersonen über mehr als 50 unangenehme Situationen im Straßenverkehr urteilen. Dabei kristallisierten sich sechs Situationen heraus, die uns besonders frustrieren: illegale Fahrweise, feindselige Gesten, unhöfliches Verhalten, Verkehrskontrollen, langsames Fahren sowie andere Verkehrsbehinderungen.

Fluchen hilft nur scheinbar gegen den Stress

Doch warum fluchen viele Menschen in solchen Situationen? "Die meisten meinen, sie könnten auf diese Weise Dampf ablassen", erklärt Ralf Buchstaller. "In der psychologischen Forschung spricht man von Katharsis, der emotionalen Reinigung durch Abbau von inneren Spannungen und aggressiven Impulsen."

Zehn Gesten, die im Urlaub Ärger bringen

In einem anderen Experiment, konnte der Psychologe Richard Stephens jedoch feststellen, dass Schmerzen sich fluchend besser ertragen lassen. Er ließ die Versuchspersonen ihre Hände in eisiges Wasser halten. Ein Teil von ihnen durfte dabei fluchen – und hielt auf diese Weise länger durch als die Kontrollgruppe. Nicht nur die Widerstandskraft steigt. Versuchspersonen brachten an einem Handkraftmessgerät mehr Körperkraft auf, wenn sie beim Zudrücken schimpften.

Wer flucht fühlt sich stärker

Eine körperliche Erklärung für den Effekt gibt es nicht. Stephens ging zunächst davon aus, dass sich der Körper während aggressiver Äußerungen auf Kampf oder Flucht vorbereitet. Eine Veränderung bei Herztätigkeit und Blutdruck konnte allerdings nicht nachgewiesen werden. Wahrscheinlicher ist ein psychologischer Effekt: Wer flucht, fühlt sich stärker und beflügelt damit wiederum seine physischen Kräfte.

Das Gefühl des Tabubruchs nutzt sich aber offenbar ab: Je öfter wir fluchen, desto mehr schwindet der Effekt. "Zwei Drittel der Deutschen machen es demnach richtig, indem sie nur gelegentlich im Auto schimpfen", resümiert Ralf Buchstaller von TÜV Nord. "Aber bitte immer bei geschlossenen Fenstern." sm

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