Ausbildung -

Mehr Stellen im Handwerk besetzt Ausbildung: Bewerbermangel bremst Betriebe aus

Das Handwerk hat im Ausbildungsjahr 2015 mehr neue Ausbildungsverträge abgeschlossen als 2014. Die positive Entwicklung kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass 62 Prozent aller Unternehmen in Deutschland nicht mehr ausbilden. Einer ihrer Gründe ist der Bewerbermangel. Über 11.600 Ausbildungsstellen sind im Handwerk derzeit unbesetzt.

Die neuesten Zahlen klingen positiv. Im Vergleich zum Vorjahr konnten 2015 im Handwerk genau 279 Stellen mehr besetzt werden - ein Zuwachs um 0,2 Prozent auf insgesamt 141.513 Lehrstellen. Das geht vor allem zurück auf einen Anstieg der Zahl der Neuverträge in Ostdeutschland um 513 (+2,8 Prozent). In den alten Bundesländern ging die Zahl der Neuverträge dagegen leicht zurück auf 234 Neuverträge (-0,2 Prozent). Zu den beliebtesten Ausbildungsberufen zählten Kraftfahrzeugmechatroniker, Elektroniker, Anlagenmechaniker SHK, Friseur und Tischler, meldet der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH).

"Die Zahlen zeigen: Trotz des demografischen Wandels und des hohen Trends zum Studium interessieren sich wieder mehr junge Menschen für die attraktiven Ausbildungsmöglichkeiten im Handwerk", so ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer. Diese Steigerung, so klein sie auch ist, sticht vor allem auch deshalb hervor, weil es der Gesamtwirtschaft nicht gelungen ist, mehr junge Menschen in Ausbildung zu bringen. Zwar ist auch hier die Zahl der Ausbildungsangebote erstmals seit 2011 um 3.800 Plätze auf 563.100 gestiegen (0,7 Prozent). Doch aufgrund von Passungsproblemen blieben 41.000 Stellen unbesetzt, so dass sich an der absoluten Zahl der besetzten Stellen im Vergleich zu 2014 nichts geändert hat, meldet das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB).

Schwierigkeiten bei der Bewerbersuche

Auch das Handwerk konnte nicht alle Lehrstellen besetzen. Hier blieben bis November zwölf Prozent , das sind 11.600 Stellen, unbesetzt. Gleichzeitg sind immer noch 80.800 junge Menschen in Deutschland ohne Ausbildungsplatz.

Das Problem, einen passenden Bewerber zu finden, ist einer der Gründe, weswegen sich von 2011 bis 2014 immer mehr Betriebe aus der Ausbildung zurückgezogen haben. Eine Betriebsbefragung des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB-Qualifizierungspanel) zeigt, dass 17 Prozent von insgesamt 3.500 befragten Betrieben in diesem Zeitraum entweder weniger Ausbildungsverträge neu abgeschlossen oder keine neuen Auszubildenden mehr eingestellt haben.

Neben dem Bewerbermangel nannten sie auch fehlenden Bedarf an Nachwuchskräften, schlechte Erfahrungen bei der Bewerbersuche, das Kosten-Nutzen-Verhältnis von Ausbildung sowie veränderte betriebliche Rahmenbedingungen als Gründe für ihren Rückzug.

Zu den betrieblichen Rahmenbedingungen gehören auch die Veränderungen in der Handwerksstruktur. Seit der Aufhebung der Meisterpflicht in 53 Berufen im Jahr 2004 ging hier die Ausbildungsleistung stark zurück. Die Zahl der abgeschlossenen Prüfungen in den zulassungsfreien Gewerken sank um fast 55 Prozent, hat Gerhard Bosch, Professor am Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen, herausgefunden.

Besonders stark betroffen sind die Fliesenleger. Bundesweit brachen hier die Ausbildungsabschlüsse zwischen 1995 und 2014 um 77 Prozent ein. In den Gewerken mit Meisterpflicht fiel der Rückgang mit 36 Prozent deutlich geringer aus.

Viele Bewerber ungeeignet

Bei den von Betrieben mit geringerer Ausbildungsleistung genannten Begründungen lassen sich Muster erkennen. Von den Betrieben, die ihre Ausbildungsleistungen reduziert oder eingestellt haben, gaben 43 Prozent an, sie hätten mittlerweile keinen Bedarf an selbst ausgebildeten Nachwuchskräften. Jeder vierte Betrieb berichtete, er schließe wegen fehlender Übernahmemöglichkeiten weniger beziehungsweise keine Ausbildungsverträge mehr ab. Knapp ein Drittel (29 Prozent) bildete weniger aus, weil bereits fertig ausgebildete Fachkräfte benötigt würden.

Zwei von fünf Betrieben verringerten ihre Ausbildungsbeteiligung, weil sie weniger oder keine Bewerbungen mehr erhielten. Fast jeder dritte Betrieb beklagte in diesem Zusammenhang, von den zuständigen Vermittlungsinstanzen zumeist ungeeignete Bewerber vermittelt zu bekommen, und rund 30 Prozent wiesen auf die mangelnde Attraktivität ihrer Ausbildungsangebote für Jugendliche hin.

Die Suche nach geeigneten Bewerbern ist anspruchsvoll geworden. Jeder fünfte Befragte gab an, er bilde weniger aus, weil ihm diese Suche zu zeit- und kostenintensiv geworden ist. Dennoch gibt es Mittel und Wege, den eigenen Bewerberradius auszuweiten. Lesen Sie hierzu das Interview mit Sebastian Bußmann vom IW-Köln.

Ausbildung wird immer teurer

Auch die Kosten der Ausbildung sind in den vergangenen Jahren gestiegen - an zwei Stellschrauben. Die Ausbildung selber ist kostenintensiver, außerdem sind die Ausbildungsvergütungen erhöht worden. Jeder vierte Betrieb verwies in seinen Angaben auf diese Posten.

Jeder fünfte bildete außerdem weniger oder nicht mehr aus, weil er Auszubildende nicht produktiv einsetzen konnte. Jeder achte Betrieb verringerte seine Ausbildungsbeteiligung wegen des hohen Betreuungsaufwandes, und etwa jeder zwölfte Betrieb antwortete, er könne nicht mehr alle Ausbildungsinhalte vermitteln.

Weitere Informationen im Bibb-Report. dhz

© deutsche-handwerks-zeitung.de 2020 - Alle Rechte vorbehalten