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Studium abgebrochen, um Konditorin zu werden Ciao Hörsaal, hallo Ausbildung: Nanetta Ruf hat´s gemacht

Nanetta Ruf kehrte dem Hörsaal den Rücken, um Konditorin zu werden. Heute ist sie Meister. Ihr Weg, ihre Ziele und warum Studieren manchmal die leichtere Option ist.

Im Konditorei-Technikum der gewerblichen Schule "Im Hoppenlau" steht Nanetta Ruf. Vor ihr ein Cottbuser Baumkuchen, den sie sorgfältig mit einem Pinsel glasiert. In den Fachräumen der Stuttgarter Schule backt sie an zwei Tagen der Woche Cremetorten, überzieht Pralinen mit feiner Kuvertüre oder gibt ihrem Schaustück für die Meisterprüfung den letzten Schliff. Die anderen drei Tage verbringt sie mit theoretischem Unterricht. Fachtheorie, Rechnungswesen, Arbeitspädagogik.

Vor ein paar Jahren sah ihr Alltag noch ganz anders aus. Da saß sie mit ihren Kommilitonen im Hörsaal und büffelte für ihr Geoökologie-Studium. Vorlesungen wie Bodenkunde, Zoologie und Botanik oder Geo­logie waren an der Tages­ordnung. "Ich hatte eine falsche Vorstellung von dem Studiengang", begründet Nanetta Ruf ihren da­maligen Entschluss, nach dem Abitur mit Note 1,8 eine akademische Ausbildung an der Universität zu beginnen. Schon bald musste sie feststellen: Das Studium war nicht das, was sie wirklich wollte.

Bei den Professoren "nur eine Nummer"

Statt in der Natur Proben zu nehmen, schrieb sie schriftliche Ausarbeitungen. "Die wanderten dann auf den Schreibtisch der Professoren und von da aus in die Tonne", schildert Ruf. Die Universität gab ihr das Gefühl, "nur eine Nummer" zu sein. Doch nicht nur das. Je weiter sie im Studium voranschritt, desto mehr erkannte sie, wie ihr Arbeitsalltag nach dem Studium aussehen würde. "Im Endeffekt ist es so, dass in der Praxis drei bis sechs Wochen Proben genommen werden und anschließend wird ein Jahr lang im Labor ausgewertet", erklärt sie. Ein Bürojob eben. Und einen solchen wollte Ruf noch nie.

Heute hat Nanetta Ruf ihren Meisterbrief als Konditorin in der Tasche. Erst Anfang letzten Jahres hat sie ihre Gesellenprüfung abgelegt. "Als Innungsbeste", wie die 26-Jährige stolz verkündet. Die Idee einer handwerklichen Ausbildung wurde in den Semesterferien im Sommer 2013 geboren. "Zwischen dem dritten und vierten Semester war ich zuhause und half im Betrieb meiner Eltern mit", erklärt sie. Mutter und Vater der Konditorin sind beide gelernte Gärtner. Sie betreiben eine Bioland-Rosenschule im hessischen Bad Nauheim.

Studium abbrechen und Ausbildung im Handwerk machen - doch welche?

Damals in den Semesterferien begann sie ihr Studium bewusst zu hinterfragen. "Ich möchte etwas mit meinen Händen herstellen und ein Endprodukt sehen", dachte sie sich. Auch ein bisschen kreativ sollte es sein. "Handwerksberufe wie Heizung und Sanitär hätten mich nicht gereizt", meint die Meisterschülerin. Eine Alternative musste also her. Den Gedanken an eine Ausbildung im Handwerk pflanzte ihr ihre Mutter ein. "Ich habe ab und an herumgesponnen, dass ich vielleicht einmal ein eigenes Café eröffnen möchte", erinnert sich Ruf. Ihre Mutter riet ihr daraufhin, sich eine Konditorei anzuschauen.

Gesagt, getan: Ruf absolvierte zwei Praktika in zwei unterschiedlichen Konditoreien. Dazu schnupperte sie in den Bäckerberuf und schaute sich nach Praktika in einer kreativen Schreinerei um. Auch die Berufe Hufschmied und Sattler waren kurzzeitig ein Thema. Nach der zweiten Konditorei hatte Ruf jedoch die Gewissheit: Die Arbeit als Konditorin macht ihr Spaß. Und das nicht nur der Kollegen, sondern vor allem der Tätigkeit wegen.

Nanetta Ruf traf eine Entscheidung, die sie bis heute keine Sekunde bereut hat: Sie brach ihr Studium ab und begann eine Lehre als Konditorin. Ohne großes Vorwissen wie sie sagt: "Meine Backerfahrungen beschränkten sich hauptsächlich auf Streuselkuchen und Marmorkuchen – die esse ich selbst am liebsten."

Reaktionen aus dem Freundeskreis: "Du hast Besseres verdient"

Die Reaktionen aus dem Freundeskreis waren gemischt. "Ich musste mir oft die Frage anhören, warum ich mein Studium geschmissen habe", schildert Ruf. Sie hätte Besseres verdient, hieß es von mancher Seite. Andere wiederum lobten ihren Mut. Rückenwind erhielt die damalige Studentin von ihren Eltern. Sie boten ihr auch finanzielle Unterstützung an. Denn eines war klar: Gerade in der Ausbildung wird man als Konditorin nicht reich. "Im letzten Lehrjahr habe ich um die 580 Euro brutto verdient – da bekommen manche mehr Bafög und arbeiten keine 40 Stunden die Woche", weiß sie.

Nanetta Ruf ging ihren Weg - und zwar bewusst Bio

Nanetta Ruf - süße Zukunft ohne Studium

Der Weg führte sie in die Konditorei eines biologisch geführten Bauernhofs mit Café in Bad Vilbel. "Eine bewusste Entscheidung", wie sie sagt. Denn Bioqualität liegt ihr am Herzen. Das zeigt sich auch bei den Vorbereitungen für ihre praktische Meisterprüfung. Nanetta Ruf möchte diese komplett in Bioqualität ablegen. Genauso wie sie ihre Gesellenprüfung ausschließlich mit Bioprodukten bestanden hat. Sie sieht dies als Marktlücke. "Anders als bei Bäckereien gibt es fast keine Biokonditoreien", erklärt die Gesellin. Dass vieles auch in Bioqualität geht, weiß Ruf aus ihrer Ausbildung. "Warum also nicht machen", meint die 26-Jährige. Teils stößt sie aber auch an ihre Grenzen: "Gerade im Bereich der Lebensmittelfarben wird es schwierig", sagt die Konditorin.

Nach der Ausbildung den Meister - trotz der finanziellen Belastung

Die dreijährige Ausbildung konnte Ruf aufgrund ihres Abiturs und der guten Zwischenprüfung verkürzen. Nach knapp 20 Monaten schloss sie die Lehre mit sehr gutem Erfolg ab. Bereits während der Ausbildung hatte Nanetta Ruf den Entschluss gefasst, den Meistertitel an ihre Lehre anzuhängen. Trotz aller finanziellen Schwierigkeiten, die dieser Weg mit sich bringt.

Die Kosten für den Meisterkurs liegen im unteren vierstelligen Bereich. Studenten zahlen für ein Studium meist deutlich weniger. Doch nicht nur das: Vergünstigte Fahrkarten für den öffentlichen Nahverkehr bekommt sie als Meisterschülerin ebenfalls nicht. Die Meisterschule wird als Weiterbildung gewertet. Von Vergünstigungen für Schüler kann sie also nicht profitieren. Teils auch altersbedingt. "Als Student kann viel einfacher Bafög beantragt werden, es gibt total viele Rabatte, oder auch das Studententicket bei der Bahn", bemängelt die 26-Jährige.

Gleichstellung von Studium und beruflicher Ausbildung muss her

Es gehe so weit, dass sich eine Freundin an der Universität eingeschrieben habe, damit sie das Semesterticket für die Fahrt zu ihrem Lehrbetrieb nutzen kann. "Das Azubiticket ist teurer als die Semestergebühren inklusive Studententicket", sagt die Gesellin. Dazu gelte das Azubiticket nur für die Strecke zum Ausbildungsbetrieb, während mit dem Studententicket im gesamten Bundesland gefahren werden könne.

Es verwundert die Konditorin daher nicht, dass viele junge Menschen ein Studium einer Ausbildung vorziehen. "Es muss eine Gleichstellung von allen Bildungswegen gewährleistet werden", fordert sie. Nur so könne ein fairer Wettbewerb zwischen Ausbildung und Studium funktionieren.

Bloggen für die Handwerkskammer

Ruf findet aber nicht nur kritische Worte für die Rahmenbedingungen einer beruflichen Ausbildung. In den Genuss einer Förderung kam sie schließlich auch schon. Nach einem halben Jahr in einem Biocafé in der Sächsischen Schweiz, für das Ruf nach ihrer Lehre arbeitete, interessierte sich die junge Konditorin für ein Auslandspraktikum in Frankreich.

"Von einer Freundin habe ich erfahren, dass man sich Auslandspraktika über ein Erasmus-Stipendium finanzieren lassen kann", erinnert sich Ruf. Nach einem Anruf bei der Handwerkskammer stellte diese den Kontakt zu den Erasmus-Verantwortlichen sowie zur Handwerkskammer in Bordeaux her. "Ich bekam alles von der Praktikumsstelle bis zur Unterkunft organisiert", freut sich die Konditorin. Die Erlebnisse während ihrer vier Wochen in einer französischen Patisserie und Chocolaterie schrieb sie damals in einem Blog auf der Seite der Handwerkskammer Kassel nieder, ehe sie den Meisterkurs begann.

Mit dem Meisterbrief in der Tasche: Führt der Weg zum eigenen Café?

Aktuell feiert Nanetta Ruf ihre bestandene Abschlussprüfung. Diese hat sie vor ein paar Tagen erfolgreich abgelegt. Mit dem Meisterbrief im Gepäck plant sie, vielleicht bei einer klassisch-konventionellen Konditorei anzuheuern. "Ich habe noch nie in einem solchen Betrieb gearbeitet", sagt die angehende Konditormeisterin. Sie hat sich aber auch höhere Ziele gesteckt: Ein eigenes Café, angeschlossen an den Betrieb der Eltern, das sie gemeinsam mit ihrem Bruder betreiben will. "Ein Traum, den ich mir vielleicht irgendwann einmal erfülle", so Ruf.

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