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Abitur Ausbildung oder Studium? – Wege, die ins Handwerk führen

Es muß nicht immer ein Studium sein: Zwei Abiturienten erzählen, warum ihre Entscheidung für eine Ausbildung genau richtig war.

Du hast Abi und gehst nicht studieren?“ Diese Frage hört Julika Weller immer wieder. „Da steh ich drüber“, sagt die Auszubildende. Vielmehr bedauere sie, dass es diese zunehmende Erwartungshaltung überhaupt gebe: „Denn mit dieser Tendenz wird es immer weniger gutes Fachpersonal geben“, ist die 24-Jährige überzeugt. Für sie gab es mehrere Gründe, im Handwerk eine Ausbildung zu beginnen.

Zum einen hatte sie „keine große Lust mehr aufs Lernen“, erzählt sie mit einem Lachen – sie habe direkt in die Praxis einsteigen und ihr eigenes Geld verdienen wollen. Die Liebe zum Handwerk hat sie zudem in die Wiege gelegt bekommen: Ihre Eltern betreiben eine Holzofenbäckerei im Welzheimer Wald. Eine Ausbildung als Bäckerin hat sie aber ausgeschlossen: „Selbstständigkeit kam für mich nie in Frage – denn ich habe mitbekommen, wie wenig Zeit für die Familie bleibt.“

Ausbildung trotz Abitur

Bis die junge Frau bei Ortema in Markgröningen eine Ausbildung zur Orthopädie-Mechanikerin begann, war sie eine ganze Weile unentschlossen. „Nach der Realschule wusste ich nicht, was ich machen soll – aus diesem Grund hab ich wie viele andere aus meiner Klasse Abitur gemacht.“ Danach zog es sie für zehn Monate nach Gambia zu einem Missionseinsatz, wo sie Kinder in einer Schule unterrichtet hat.

Ausbildung oder Studium? – Wege, die ins Handwerk führen

„Danach wusste ich, dass ich keine Lehrerin werden will“, sagt sie lachend. Nach ihrer Rückkehr habe sie sich „ohne sicheres Gefühl“ für zwei Studiengänge beworben: Heilpädagogik und Medizintechnik. Nach einem Praktikum im Krankenhaus war klar: „Das ist es auch nicht.“ Lediglich ihr einziger im OP verbrachter Tag habe sie fasziniert. „Deshalb hab ich einfach mal nach Berufen mit Medizintechnik gegoogelt und wurde fündig!“

Durchs Praktikum zum ­Traumberuf

Nach einem spannenden Praktikum wusste sie: Das ist ihr Traumberuf. Heute ist sie im dritten Lehrjahr und liebt den Mix: „Es macht viel Spaß, ich gehe in diesem Beruf auf, bin ganz nah in Kontakt mit Menschen und kann ihnen helfen, ein besseres Leben zu führen.“ Spezialisiert hat sie sich bewusst für die Prothestetik – denn damit böten sich in der Entwicklungshilfe die besten Chancen.

„Man sucht ja die Herausforderung“

Als kleiner Bub hat er in der Werkstatt seines Vaters schon die Schrauben sortiert. Vor allem die alten Mercedes-Klassiker aus den frühen 1970er-Jahren haben ihn schon früh fasziniert. „Es war allerdings nie in Stein gemeißelt, dass ich am Ende auch hier lande“, erzählt der 27-jährige Clemens Frobeen, der seit Ende 2018 seinen Bachelor Fachrichtung Handwerk in der Tasche hat. Bis es so weit war, musste er wichtige Entscheidungen treffen.

Erst Ausbildung, dann Studium

Nach der Realschule ließ er sich bei einem Mercedes-Vertrags­partner in Filderstadt zum Karosserie-Fahrzeugbauer ausbilden. Wenige Monate nach seinem Abschluss hat er an der technischen Oberschule sein Abitur nachgeholt, um dann zunächst ein Studium im Wirtschaftsingenieurwesen in Rosenheim zu beginnen. „Doch nach dem Grundstudium wurde mir das Studium zu theoretisch – mir fehlte einfach der praktische Teil“, erklärt der heutige Betriebswirt. Rückblickend ist er froh: „Es war gut, mir rechtzeitig einzugestehen, dass das nicht mein Weg war!“ Die vier Semester empfindet er aber keinesfalls als verschenkte Zeit: „Die Ingenieurfächer bringen mir jetzt auch im Beruf etwas.“

Ausbildung oder Studium? – Wege, die ins Handwerk führen

Die richtige Mischung

Das Angebot seines Vaters Wolfgang Frobeen (64), ein duales Studium an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Kooperation mit dem eigenen Familienbetrieb in Neckartenzlingen aufzunehmen, kam dann wie gerufen. Denn studieren wollte der junge Mann auf jeden Fall: „Man sucht ja die Herausforderung“, sagt er mit einem Lachen, „Ich möchte Verantwortung übernehmen und mitgestalten, was im Handwerk viel ausgeprägter möglich ist als in der Industrie.“

Zuvor eine Ausbildung gemacht zu haben, ist für Clemens Frobeen allerdings genauso wichtig – nur so wisse man, wie der Arbeitsalltag wirklich funktioniert. „Man bekommt auch mal eine auf den Deckel. Als Azubi durchläuft man einfach viele verschiedene Stufen im Arbeitsumfeld und weiß später als Führungskraft, wovon man spricht.“ Heute sitzt er nicht nur im Büro und kümmert sich um die Projektplanung, Rechnungen und die Buchhaltung – sondern schraubt und klopft auch an den alten Schmuckstücken. „Diese Abwechslung macht das Handwerk so ­besonders.“

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