Konstanz -

Interview Ausbildung ist oberste Pflicht

Kammerpräsident Gotthard Reiner zieht Bilanz und geht davon aus, daß die angespannte Fachkräftesituation auch Auswirkungen auf das Wachstum haben wird.

DHZ: Herr Reiner, zum Jahreswechsel steht das Handwerk in der Region gut da. Die Auftragsbücher sind voll, aber viele plagt die Sorge, wie es mit immer weniger Fachkräften weitergehen soll. Wie sieht es hier im Kammergebiet aus?
Gotthard Reiner: Rund ein Fünftel der Betriebe ist derzeit zu mehr als 100 Prozent ausgelastet. Um die Aufträge abzuarbeiten, müssen schon jetzt viele Überstunden gemacht werden, was auf Dauer nicht gutgehen kann. Ich gehe davon aus, dass die angespannte Fachkräftesituation auch bei uns im Wachstum Bremsspuren hinterlassen wird. Einfache Lösungen gibt es hier nicht. Ausbilden ist oberste Pflicht, aber auch der nun beschlossene Entwurf des Fachkräftezuwanderungsgesetzes kann helfen, um unseren zukünftigen Fachkräftebedarf zu sichern.

„Das Fachkräftezuwanderungsgesetz kann helfen, ­unseren Fachkräftebedarf zu sichern.“

DHZ: Was erhoffen Sie sich konkret von diesem Fachkräftezuwanderungsgesetz?
Reiner: Wir freuen uns in erster Linie, dass im neuen Entwurf nun endlich der Fokus auch auf beruflich Qualifizierte und nicht nur Akademiker gelegt wurde. Das war mehr als überfällig. Wir brauchen Anlagenmechaniker oder Elektriker doch mindestens so dringend wie Ingenieure! Auf dem heimischen Markt sind diese nicht ausreichend zu finden, also müssen wir jenseits der Grenzen Menschen anwerben. Im neuen Gesetz ist auch vorgesehen, die Ausbildungs- und Beschäftigungsduldung zu verbessern. Das ist ein wichtiges Zeichen für unsere Handwerks­betriebe, denn sie brauchen Rechtssicherheit für die vielen bereits gut integrierten Mitarbeiter und Auszubildenden. Geflüchtete machen ja mittlerweile schon rund sieben Prozent der Auszubildenden im Kammergebiet aus.

DHZ: Das Handwerk war einst Ausbilder der Nation, tut sich nun aber immer schwerer. Wie haben sich die Ausbildungszahlen im Kammergebiet entwickelt?
Reiner: Ich sehe das Handwerk immer noch als wichtigen und vor allem zuverlässigen Ausbilder, gerade auch in eher ländlichen Räumen, wo sich die Industrie zurückzieht. Bei uns im Kammergebiet ist die Ausbildungsbilanz stabil, je nach Branche und Landkreis aber recht heterogen. Insgesamt haben wir mit 1.653 neuen Auszubildenden 3,3 Prozent weniger als im Vorjahr. Betrachten wir aber die einzelnen Landkreise, so gibt es aktuell in Rottweil einen Zuwachs von 6,6, in Tuttlingen von 6,1 Prozent. Dafür hat sich der Landkreis Konstanz in diesem Jahr mit neuen Auszubildenden schwerergetan und musste ein Minus von über acht Prozent verkraften.

DHZ: Welche Branchen boomen im Bereich der Ausbildung, welche tun sich eher schwer?
Reiner: Der kammerweite Rückgang zeigt sich vor allem im Bau- und Ausbaubereich. Dahingegen waren die kaufmännischen Berufe in diesem Jahr erfreulicherweise wieder gefragter als im Vorjahr.

DHZ: Wie kann die Politik dabei unterstützen, mehr Menschen ins Handwerk zu bringen?
Reiner: In der Gesellschaft muss ein Umdenken stattfinden, das die Politik maßgeblich beeinflussen kann. Eltern müssen vom Wert eines handwerklichen Berufs überzeugt sein. Die Attraktivität des Handwerks könnte sicher noch gesteigert werden, wenn die Karrieremöglichkeiten noch offensichtlicher wären. Die Ausbildung ist ein erster Schritt, der Meister die Krönung. Die könnte noch vergoldet werden, indem Baden-Württemberg endlich eine Meisterprämie einführt. In vielen Bundesländern werden junge Handwerkerinnen und Handwerker schon mit rund 1.500 Euro beim Meisterkurs gefördert. Es wäre schade, wenn wir die willigen und bestens ausgebildeten Nachwuchskräfte in die benachbarten Bundesländer verlieren würden. Und eine Meisterprämie wäre ein wichtiges Zeichen dafür, dass die berufliche und die akademische Bildung als gleichwertig angesehen werden. Ein Studium ist schließlich gratis zu haben.

DHZ: Mehr Geld für angehende Meister – reicht das aus, um Fachkräfte fürs Handwerk zu gewinnen?
Reiner: Nein, aber es kann ein wichtiger Baustein sein. Wenn wir interessante Perspektiven aufzeigen, gewinnt doch auch unser Image deutlich. Und mir ist klar, dass weder die Landesregierung noch unsere hervorragenden handwerklichen Bäcker uns die fehlenden Fachkräfte backen können. Wir müssen weiter gemeinsam kreativ sein. Und da möchte ich dem Land auch einmal ein dickes Lob aussprechen: Das Landesprojekt „Strategie und Perspektive Handwerk 2025“ ist die richtige Antwort auf viele Zukunftsfragen. Dank der Landesmittel aus dem Projekt konnten wir beispielsweise eine neue Personalberaterin einstellen und eine gemeinsame Infoplattform zu Fragen rund um die Personalfindung und -führung erstellen.

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