Für Ausbilder -

Digitales Handwerk verlangt nach Kooperation Ausbildung 4.0 – nichts für Einzelkämpfer

Die Digitalisierung rast voran und verändert die Anforderungen auch an Handwerker. Doch es ist ein schwieriger Prozess, das neue Wissen und digitale Arbeitstechniken in die Ausbildung junger Menschen zu integrieren. Drei Beispiele zeigen, wie es gehen kann.

Paul Bacher ist ein Netzwerker. Der Tischlermeister aus Leverkusen hatte im Jahr 2000 eine CNC-Maschine für seine Firma Feinschnitt gekauft. Relativ schnell erkannte er: Es wäre wichtig, die Azubis intensiver in CAD- und CNC-Technik auszubilden. "Aber im betrieblichen Alltag ist das kaum zu bewältigen“, gibt er zu.

Jahrelang leistete der Lehrlingswart und stellvertretende Obermeister der Tischlerinnung Bergisches Land Überzeugungsarbeit, um die Digitalisierung in die überbetriebliche Ausbildung zu bekommen. Heute sorgt das daraus entstandene Projekt digiTS bundesweit für Aufmerksamkeit.

Bei DigiTS arbeiten alle einander zu

Darin haben Bildungszentrum, Innung, Berufskolleg und Tischlerbetriebe zusammengearbeitet. Eine Tischlerklasse sollte ein Longboard und ein dazu passendes Aufbewahrungsmöbel bauen. Das Besondere daran: Alle Einrichtungen arbeiteten einander zu, so dass die Vorarbeit aus der Berufsschule die Basis für die Ausführung im Bildungszentrum bildete.

Mit dem Resultat ist Bacher sehr zufrieden: "Die Digitalisierung hat die Arbeit bei uns komplett verändert. Im Betrieb bekommen die Azubis – anders als früher – nicht mehr alle Produktionsschritte mit.“ Das Projekt bot den Schülern nun die Chance, eine komplette Produktion durchzuarbeiten: Von den ersten Überlegungen in der Gruppe über die Planung per CAD (das computerunterstützte Konstruieren), das Fertigen per CNC-Maschine und 3-D-Drucker bis zum fertigen Produkt.

Digitalisierung verlangt neue Methoden

Digitalisierung in die Ausbildung zu integrieren, ist ein komplexer Vorgang. Die technische Ausstattung ist teuer, die Ausbilder müssen sie anwenden können und Methoden entwickeln, um traditionelle und digitale Techniken zu verzahnen.

Doch es herrscht Aufbruchstimmung, nicht nur im Bergischen Land. Die Friedrich-Ebert-Berufsschule in Esslingen hat jüngst ihr "Multilabor Handwerk 4.0“ eingeweiht: Einen Raum, der erlaubt, Gebäude vom Einfamilienhaus bis zum großen Zweckbau zu simulieren, inklusive aller Anlagen, von Heiz-, Lüftungs- und Klimatechnik über Lichtsteuerung, digital steuerbaren Rollläden, einer Wetterstation bis zu einer Solarthermieanlage auf dem Dach.

Jürgen Ruckstädter ist Abteilungsleiter der Fachrichtung Gebäude- und Systemtechnik an der Schule und stolz auf den Titel "Kompetenzzentrum“. "Die `Smartifizierung‘ ist gerade im Elektro- und SHK-Handwerk riesig. Der einzelne Handwerker ist von dem Trend in der Ausbildung völlig überfordert.“ Mit dem Labor wolle die Schule diese Lücke schließen.

Teamwork über Gewerke hinweg

Schüler und Lehrer sind gleichermaßen davon angetan. Wie bei digiTS üben die Auszubildenden im Labor nicht nur digitale Techniken, sondern auch Teamwork. Elektriker und Anlagenmechaniker arbeiten zeitgleich im Raum: "So sehen sie die Probleme der anderen Seite“, hofft Ruckstädter.

Eine weitere Hoffnung ist, das Ansehen der Ausbildungsberufe durch die digitalen Elemente aufzupolieren. Daran arbeitet auch Andreas Büttner, gelernter Steinmetz, Oberstudienrat in der Metallabteilung der Berufsschule Wiesau und Zukunftscoach im strukturschwachen Oberpfälzer Landkreis Tirschenreuth.

"Wir haben hier eine CNC-Abkantpresse – ich kenne keinen Betrieb in der Region, der etwas Vergleichbares hätte“, begeistert er sich für die Ausstattung. Mit dieser Technik versucht er, nicht nur seine Schüler zu motivieren, sondern auch den potenziellen Nachwuchs in der Region.

MINT-Projekt zur Nachwuchswerbung

MINT am Samstag heißt ein Konzept, das Büttner hierzu mit der regionalen Volkshochschule ins Leben gerufen hat. Über die VHS buchen Eltern für sich und ihr Kind Workshops, in denen digitale Arbeitstechniken aus Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik ausprobiert werden. Einer der Veranstaltungsorte ist die Berufsschule Wiesau "und die Kurse sind alle ausgebucht“, freut sich Büttner.

Neben Eltern und Kindern lockt der Maschinenpark auch Unternehmer ins Haus, zu Schulungen und Fortbildungen. "Wir haben sehr gute Kontakte in die Betriebe. Es ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Wenn wir Fragen haben, wenden wir uns an sie. Und sie kommen zu uns“, beschreibt Büttner.

Diese Gemeinsamkeit sticht an allen drei Standorten ins Auge: Erfolgreich sind die Projekte jeweils, weil verschiedene Beteiligte an einem Strang ziehen. Für den einzelnen Betrieb, ein Bildungszentrum oder eine Schule allein ist die Digitalisierung schwer umzusetzen. Vernetzte Technik fordert das Netzwerken verschiedener Lernorte und Ausbilder.

Geförderte Digitalisierung für Berufsbildungsstätten

Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) fördert die Digitalisierung von überbetrieblichen Berufsbildungsstätten (ÜBS) und Kompetenzzentren. Die bisher über 13.000 Anträge reichten vom Modernisieren der Computeranlagen über die Anschaffung von Tablets bis hin zum Einrichten ganzer digitaler Labors mit hochmodernen Maschinen.
Bis zum 30. September 2019 können sich ÜBS um Fördergelder bewerben. Laut Koalitionsvertrag soll das Sonderprogramm aber auch darüber hinaus fortgeführt und ausgeweitet werden.

In einem zweiten Förderbereich hat das BIBB acht Kompetenzzentren in ganz Deutschland eingerichtet. Sie erforschen und erproben in acht Handwerksberufen, wie sich digitale Ausbildungsinhalte sinnvoll vermitteln lassen:
  • Osnabrück: Anlagenmechaniker für ­Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik
  • Berlin: Maler und Lackierer, Tischler
  • Kassel: Zimmerer
  • Erfurt: Metallbauer, Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik, Elektroberufe
  • Dresden: Elektroniker Fachrichtung Energie und Gebäudetechnik
  • Dresden: Tiefbau-, Hochbau-, Ausbaufacharbeiter
  • Stuttgart: Elektroniker für Automatisierungstechnik, Elektroniker für Maschinen und Antriebstechnik
  • Freiburg: Zahntechniker
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