Meinung -

Kommentar zum neuen Ausbildungsjahr Auf die Stärken besinnen

Das Handwerk muss und kann sich gegen rückläufige Lehrlingszahlen stemmen. Um hier eine Trendwende zu erreichen, sind alle gefordert: Betriebe, Handwerksorganisationen und Politik.

Dr. Lothar Semper
-

Am 1. September hat für viele ­junge Menschen mit Start der Berufsausbildung ein neuer Lebensabschnitt begonnen. Wie viele es ­genau waren, dazu liegen erst Ende September verlässlichere Zahlen vor. Eines lässt sich jedoch jetzt schon ­sagen: Es waren zu wenige. Darauf deuten die vielen Pressemitteilungen der Handwerkskammern hin, die auf ­unbesetzte Lehrstellen aufmerksam machen und mit Sonderaktionen noch versuchen wollen, zumindest einige der freien Plätze zu füllen.

Voll gelingen wird das leider nicht. Nach den Zahlen der Bundesagentur für Arbeit gab es im August dieses Jahres 119.100 unbesetzte Ausbildungsstellen. Ihnen standen 102.400 unversorgte Bewerber gegenüber. Rechnerisch sind Angebot und Nachfrage also mehr als ausgeglichen – allerdings bei erheblichen regionalen Unterschieden.

Ausbildungsmarkt im Umbruch

Der Ausbildungsmarkt steckt in einem dramatischen Umbruch. Mehrere Faktoren sind es, die dem Handwerk dabei zusetzen. Faktor eins: Der demographische Wandel führt schon seit Jahren dazu, dass die Zahl der Schulabsolventen zurückgeht. Nach den Zahlen der Kultusministerkonferenz dürften 2014 etwa 850.000 junge Menschen die allgemeinbildenden Schulen in Deutschland verlassen haben.

Vor zehn Jahren waren es noch 965.000 und in zehn Jahren dürften es nur noch 738.000 sein. Faktor zwei: Immer mehr Jugendliche sehen im Studium den Königsweg ihrer persönlichen und beruflichen Karriere. Rund 50 Prozent eines Jahrgangs studieren bereits. Faktor drei: Um das verbleibende Potenzial für eine Berufsausbildung wird ein immer schärferer Wettbewerb der einzelnen Branchen, aber auch der Betriebe innerhalb eines Wirtschaftsbereichs, ausbrechen.

Ist das Handwerk nun der geborene Verlierer dieses Wandels? Ich ­meine: Eindeutig Nein! Es muss sich nur wieder mehr auf seine Stärken und die Vorzüge einer Ausbildung in einem der gut 130 Ausbildungsberufe besinnen und diese deutlich machen. Handwerk bietet viel, was nach soziologischen Studien gerade die "Generation Y" sucht: Flexibilität, ­Individualität, flache Hierarchien oder auch Familienorientierung. Das Problem ist nur, dass dies bei der Zielgruppe viel zu wenig bekannt ist.

Um hier eine Trendwende zu erreichen, sind alle gefordert: Betriebe, Handwerksorganisationen und Politik. Die Betriebe müssen sich und ­ihre Vorzüge noch deutlicher und ­offensiver gegenüber Jugendlichen und deren Eltern präsentieren und kommunizieren. Die Handwerks­organisationen haben mit Image- und Nachwuchskampagnen schon einiges in die Wege geleitet, um die Leistungen des Handwerks herauszustellen und sein Ansehen zu steigern.

Potenzial noch nicht voll erschlossen

An der Politik liegt es, die Gleichwertigkeit von beruflicher und allgemeiner Bildung nicht nur zu proklamieren, sondern auch zu leben. So lange der Erfolg des Bildungssystems an der Quote der Studenten gemessen wird, solange läuft hier etwas schief. Zumal – und das ist zu wenig bekannt – bei uns jeder Handwerksmeister, wenn er es denn will, auch studieren kann. Schließlich muss der Stellenwert der Berufsorientierung quantitativ und qualitativ in allen Schularten, insbesondere aber an den Gymnasien, ausgebaut werden.

Zudem ist das Potenzial an Jugendlichen für eine Berufsausbildung noch nicht voll erschlossen – Stichwort: Jugendliche mit Migrationshintergrund, junge Flüchtlinge und Studienabbrecher.

Mehr zum Thema
© deutsche-handwerks-zeitung.de 2020 - Alle Rechte vorbehalten