Konjunktur -

Handwerkskonjunktur Auf die Binnenkräfte ist Verlass

Das deutsche Handwerk sendet weiterhin eindeutige Signale. Die Betriebe berichten von einer anhaltend günstigen Geschäftsentwicklung. Nur ein Aspekt macht Sorgen.

Als wichtigster Indikator für die Stimmung im Handwerk gilt die aktuelle Geschäftslage. Im zweiten Quartal 2016 beurteilten neun von zehn Firmen ihre Situation mit gut oder befriedigend. Besser war die Lage im Frühling noch nie. Am oberen Rand der dokumentierten Werte findet sich auch die Kapazitätsauslastung. Zwischen April und Juni erreichte sie im Durchschnitt 80 Prozent.

Geschäftslage

Trotz der Vorzieheffekte im Zusammenhang mit dem milden Winter gab es auch 2016 einen spürbaren saisonalen Auftrieb der Umsatztätigkeit. Gemäß den Firmenmeldungen verzeichneten 84 Prozent im Frühling steigende oder gleich bleibende Einnahmen – das waren zwei Punkte mehr als im Vorjahr.

Bei der Suche nach den Ursachen für die Zufriedenheit der Handwerker wird man schnell fündig. Billige Kredite, steigende Reallöhne, sinkende Arbeitslosigkeit und stabiles Wirtschaftswachstum: bessere Rahmenbedingungen sind für die deutsche Binnennachfrage kaum denkbar. Der erhebliche zusätzliche Bedarf an Wohnraum und die Hoffnung auf eine Ausweitung der staatlichen Infrastrukturinvestitionen lassen das ganze Baugewerbe optimistisch in die Zukunft blicken. Aber auch der Kfz-Handel blüht auf. Viele Unternehmen modernisieren ihren Fuhrpark, aber auch Privatpersonen kaufen wieder häufiger neue Autos.

28 Prozent der Betriebsinhaber freuten sich über ein Auftragsplus, 55 Prozent registrierten eine im Laufe des Frühlings stabile Nachfrage. Die Kombination aus hoher Auslastung und dünnem Fachkräfteangebot verzögert jedoch die Ausführung der Aufträge. Ende Juni betrug die Vorlaufzeit 1,9 Monate. Damit stieg der Auftragsbestand seit dem Winterende (1,7 Monate) deutlich an und erreichte ein langfristiges Spitzenniveau.

Die bedarfsgerechte Besetzung offener Stellen ist im Handwerk mittlerweile eher die Ausnahme denn die Regel. Geeignetes Personal ist immer schwerer zu finden. Saisonbedingte Entlassungen während des Winters werden auch deshalb zunehmend eingeschränkt. Insofern verwundert es nicht, dass die Beschäftigungszuwächse trotz Hochkonjunktur relativ verhalten ausfallen. Im Frühjahr 2016 stockten 13 von 100 Betrieben per Saldo ihre Belegschaft auf, 76 Prozent hielten den Personalbestand konstant.

Branchentrends im Überblick

Das freundliche Konsumklima spielt allen Branchen in die Karten. Neben dem Bau ragt die ausgezeichnete Stimmung im Lebensmittelhandwerk heraus. Der Brexit macht den Zulieferern keine Angst.

Nachfrage

Bauhauptgewerbe

Der Aufschwung am Bau gewinnt an Breite. Offenbar beginnen sich die zusätzlichen Bundesmittel für Straßenbau und Breitbandförderung in den Auftragsbüchern niederzuschlagen. Außerdem stimuliert die Unterbringung der Flüchtlinge den öffentlichen Bau. Und während sich die Auftragslage im Wirtschaftsbau zu beleben beginnt, ist das Tempo im Wohnungsbau bereits hoch. So erreichte das ifo Geschäftsklima freischaffender Architekten jüngst ein Rekordniveau. Der Wohnungsbau profitiert vom Trend zum stadtnahen Wohnen, den niedrigen Zinsen und der guten Lage am Arbeitsmarkt. Bereits im vergangenen Jahr wurde die Neuerrichtung oder Sanierung von über 300.000 Wohnungen genehmigt, so viele wie seit der Jahrtausendwende nicht mehr. Dabei spielte auch die Verschärfung der Energieeinsparverordnung zum Jahreswechsel eine Rolle: Etliche Bauherren wollten sich den alten Rechtsstand sichern und reichten ihre Anträge noch in 2015 ein.

Ausbau

Im Ausbaugewerbe halten 94 Prozent der Teilnehmer ihre Lage für zumindest befriedigend. Weil immer mehr neue Gebäude errichtet werden, zieht die Nachfrage auch in den nachgelagerten Gewerken kräftig an. Dabei hat die Branche mit der Bestandsmodernisierung bereits ein stabiles Standbein. Geschäftsfelder rund um Digitalisierung, Energieeffizienz und Gebäudeautomation gewinnen ständig an Bedeutung.

Handwerk für gewerblichen Bedarf

Die stockende Nachfrage von außerhalb der EU sorgt derzeit für Einbußen im deutschen Maschinen- und Anlagenbau. Eines der Hauptsorgenkinder ist Brasilien. Mit den meisten Kunden aus Europa läuft es dagegen recht gut. Nun will jedoch Großbritannien die EU verlassen – immerhin der viertwichtigste Auslandsmarkt für deutsche Maschinen. Eine längere Phase der Unsicherheit in den Exportbeziehungen steht wohl bevor.

Auslastung

Das Handwerk für gewerblichen Bedarf, das zuliefernde Betriebe und Dienstleister für Industrie und Handel umfasst, ist davon noch wenig beeindruckt. Die Auftragseingänge der Gruppe übertrafen das Vorjahresniveau. Zumeist sind die Kunden einheimische Unternehmen, so dass Exportprobleme erst zeitverzögert im Handwerk ankommen.

Kfz-Handwerk

Der Skandal um manipulierte Abgaswerte konnte die Stimmung im Kraftfahrzeuggewerbe bislang nicht eintrüben. Im Gegenzug löste aber auch die kurzfristig aufgelegte Kaufprämie für Elektrofahrzeuge noch keine Jubelstürme aus. Grundsätzlich werden derzeit Monat für Monat mehr neue PKW verkauft als im Vorjahreszeitraum, rund 47 Prozent davon haben einen Dieselmotor. Sichere und hochwertige Fahrzeuge sind der Renner. Auch Privatkunden greifen jetzt wieder häufiger zu und sichern sich die üppigen Rabatte der Hersteller.

Lebensmittelhandwerk

Eine wachsende Zahl der deutschen Verbraucher lässt sich Lebensmittel wieder etwas kosten. Man will gesundes Essen kaufen und genau wissen, was darin steckt. In den ersten fünf Monaten dieses Jahres legten die Umsätze des Facheinzelhandels nominal um zwei Prozent gegenüber 2015 zu.

Über eine positive Geschäftsentwicklung berichteten auch 91 Prozent der befragten Bäcker, Metzger, Konditoren und Brauer. Die stabile Nachfrage sowie die Kostenentlastung durch günstige Rohstoffe und niedrige Spritpreise beflügelten die Stimmung. Nach Angaben des Zentralverbandes der Bäcker hat das Handwerk beim Umsatz mit Backwaren immer noch einen Marktanteil von 60 Prozent – trotz mächtiger Konkurrenz durch Tankstellen, Backshops, Einzelhändler und Discounter.

Handwerk für privaten Bedarf

Deutschlands Verbraucher sind mit großer Zuversicht ausgestattet; sie neigen zu hohen Anschaffungen. Goldschmiede, Uhrmacher, Friseure oder Fotografen hatten zuletzt dennoch Mühe, ihre Produkte und Leistungen abzusetzen. Jeder fünfte der befragten Betriebe aus den Handwerken für privaten Bedarf gab ein abflauendes Kundeninteresse zu Protokoll. Die Einschätzung der Gesamtlage fiel mit 81 Punkten im Vergleich zu den anderen Berufsgruppen merklich ab.

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