Mittelfranken -

Wanderschaft Auf der Walz

Der Bäckergeselle Andrè Röthemeier ist zurück von einer Reise, die vor fünfeinhalb Jahren begann.

Es war ein Mittwoch, an dem die Ausbildung von Bäckerlehrling Andrè Röthemeier offiziell endete. Am nächsten Morgen klingelte der Postbote an der Tür und brachte eine schwarze Hose, karierte Weste und das Jackett. Und am Montag machte sich der 21-Jährige auf eine Reise, die fünfeinhalb Jahre dauern sollte. Er schlief in Schlafsälen, auf Sofas und in den Vorräumen von Banken, ließ sich vom Chef eines großen Aktienunternehmers im Auto mitnehmen und musste auch schon mal ums täglich Brot bangen. Er war auf der Walz.

Walz hat Regeln

Wie kam er dazu? „Ich wusste schon im ersten Lehrjahr, dass ich auf Wanderschaft gehen möchte. Ich wollte mich handwerklich und persönlich weiterentwickeln und die Welt sehen“, erzählt Andrè. Er hatte in einem Großbetrieb bei Minden gelernt. „Naja, gelernt habe ich nicht viel“, schimpft er. Also holte er sich das Knowhow bei dutzenden Bäckern in Deutschland und Österreich, der Schweiz und Frankreich – oder in England. „Aber da haben sie uns aus den Autos mit Feuerwerkskörpern und faulem Obst beworfen. Das war nichts für mich.“

Nur Tokyo hatte nicht geklappt, aber das holt er noch nach. Doch so einfach kann ein Wandergeselle nicht loslaufen. Die Walz ist tief in der Handwerkstradition verwurzelt und folgt ihren eigenen Regeln. Erstens: Die ersten Monate begleitet einen ein Altgeselle, der einen in die Kultur und Verhaltensweisen auf der Straße einführt und erklärt, wie man am besten durchkommt. Denn Regel zwei lautet: Für Unterkunft und Transport darf nicht bezahlt werden.

„So einen Altgesellen, der bereit ist, die Verantwortung für einen zu übernehmen, muss man erst mal finden. Das ist die erste Hürde“, weiß Andrè. Regel drei: Verhalte dich immer so, dass der Geselle, der nach dir kommt, genauso freundlich empfangen wird, wie du. „Das ist wahrscheinlich die wichtigste Regel“, findet der ehemalige Wanderer.

„Die Kluft hat den guten Ruf, nicht die Person. Und dieser Ruf ist wichtig, sonst vertraut uns keiner mehr.“ Überhaupt. Die Kluft. Sie ist Fluch und Segen zugleich. Sorgt sie auf der einen Seite dafür, dass man Unterkunft und Verpflegung bekommt, „steht man als Wandergeselle immer in der Öffentlichkeit. Leute beobachten einen, oft werden wir auch angesprochen. Man muss sich immer tadellos verhalten. Ich genieße es richtig, dass ich mich jetzt fünf Minuten auf den Marktplatz stellen und zappeln kann und keiner fotografiert mich.“

Regel vier: Die Bannmeile rund um den Heimatort achten. Die hat einen Radius von 50 Kilometern, der auch nicht durchfahren werden darf. „Nur im Todesfall eines direkten Verwandten darf man in Begleitung eines anderen Wandergesellen für 72 Stunden nach Hause kommen“, sagt der 26-Jährige. Bei ihm war das aber – Gott sei Dank – nicht nötig. Regel fünf: Maximal drei Monate in einem Betrieb arbeiten, danach darf die Stadt zwölf Monate nicht mehr betreten werden.

Drei Jahre und ein Tag

Seinen ersten Kontakt hatte Andrè über die Seite baeckerwalz.de gefunden. Er hat einen Gesellen angeschrieben, der ihm Ort und Datum eines der Wandergesellen-Treffen genannt hat. Das hat er besucht und Leute kennengelernt. Unter anderem Albert. Seinen Mentor. Der prüfte erst einmal die Voraussetzungen, bevor er ihn als Begleiter akzeptierte.

Er wohnte sogar ein paar Tage bei Andrè in der WG, um sicher zu gehen. Denn nicht jeder darf auf Walz. Man muss schuldenfrei, unter 30 Jahre, nicht vorbestraft und ungebunden sein, darf keine laufenden Verpflichtungen (durch Heirat oder Kinder), muss dafür aber einen gültigen Gesellenbrief haben. Drei Jahre und einen Tag dauert die Wanderschaft.

In Andrès Fall fünf Jahre und drei Monate. „Ich kenne aber auch jemanden, der seit 2001 unterwegs ist, weil ihn daheim einfach nichts hält“, erzählt der Geselle. Für ihn war eines Morgens klar: „Es reicht. Jetzt ist es vorbei.“ Nürnberg hatte er gleich in den ersten Wochen seiner Wanderschaft besucht und sich sofort wohlgefühlt. Immer wieder war er in der Frankenmetropole, kannte Leute und hatte auch schon einen potentiellen Arbeitgeber: Johannes Schwarz von Hildes Backwut. Also rief er ihn an und fragte: „Ich höre auf, brauchst du einen Gesellen?“ Der sagte ja und jetzt hat Andrè also eine Wohnung fünf Minuten von seiner neuen Arbeit entfernt.

Handykonsum unter Kontrolle

Seit ein paar Monaten ist er mittlerweile sesshaft. Die Umgewöhnung fällt ihm gar nicht so schwer. „Ich muss mich jetzt zwar um vieles kümmern, das ich als freier Wanderer nicht musste, wie Rechnungen bezahlen oder Haushalt machen, allerdings musste ich da immer neu für Unterkunft oder etwas zu essen sorgen. Man war aber frei von Konsum und Materiellem. Wenn ich mich drei Stunden in den Park setzen und nachdenken wollte, tat ich das.“ Was ihn besonders schockiert? „Auf der Walz darf man zwar fragen, ob man mal das Handy oder Tablet von jemandem benutzen darf, man darf es aber nicht selbst besitzen.

Jetzt habe ich wieder eines und es ist erschreckend, wie schnell man sich an das Ding gewöhnt. Am Anfang kennt man die Technik nicht und zwei Tage später tippt man drauf rum als hätte man nie was anderes gemacht.“ Er versucht aber, seinen Handykonsum unter Kontrolle zu halten. Generell: „Ich möchte mir das Lebensgefühl bewahren, sonst hätte ich nicht auf Wanderschaft gehen müssen.“ Noch vermisst er es nicht. Er hat aber auch schon viele Pläne für die Zukunft. Erst einmal möchte er arbeiten und Geld verdienen.

Dann macht er seinen Meister. Und dann will er einen Betrieb übernehmen. Erst einmal mitarbeiten und dann die Nachfolge antreten. Ganz solide. Denn das hat ihm nicht nur die Wanderschaft gezeigt: „Man muss sich Gedanken machen und Verantwortung übernehmen. Selbstständig zu sein, ist nicht immer einfach.“ Was er anderen Gesellen raten möchte? „Geht auf die Walz, macht diese Erfahrung. Jeden Tag denkt man, jetzt habe ich alles ­gesehen und dann trifft man jemand noch Verrückteren. Diese Erfahrungen möchte ich niemals missen.“

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