Meisterstücke -

Geigenbaumeister Martin Schleske Auf der Suche nach dem Klang

Stradivari der heutigen Zeit oder genialer Selbstvermarkter mit Hang zur Esoterik? Geigenbaumeister Martin Schleske polarisiert, nicht jeder schätzt seine Verbindung von Handwerk, Wissenschaft und Spiritualität. Doch für seine Instrumente reisen die Kunden von weit her an und sie akzeptieren lange Wartezeiten. Zu Besuch bei einem Handwerker, der aus dem Rahmen fällt.

Drei Geigen drehen lautlos ihre Kreise, sonnen sich im Licht mehrerer Spotstrahler. Die Instrumente hängen an einer Drehvorrichtung, mit der Bewegung erscheinen immer neue Bilder in der Maserung. "Die Lampen simulieren die Mittagssonne in Rom“, erklärt Martin Schleske; nur so trocknen diesseits der Alpen Lacke, wie sie die alten italienischen Meister verwendet haben.

Hölzer als Schatz des Geigenbauers

Der Geigenbaumeister aus Landsberg am Lech führt durch sein Werkstatthaus, und in allem zeigt sich: Er ist Perfektionist. Die Lacke für seine Instrumente rührt er selbst an, verfeinert mit kostbaren Harzen; in einer Fensternische steht eine wuchtige Apothekerflasche; ein Jahr dauert es, bevor Schleske die darin angesetzten Farbpigmente weiterverarbeitet; die Hölzer für seine Instrumente sind handverlesen und schon für sich ein Schatz. Unersetzlich die Bretter der Kauri-Fichte, die vor dem Werkstattraum lagern: 50.000 Jahre alte Hölzer, die in einem neuseeländischen Hochmoor gefunden wurden und die einen Klang ermöglichen wie kein anderes Holz.

Der Meister greift nach einem der hängenden Instrumente, schwenkt es im Licht: "Das ist Muschelahorn“, schwärmt er. "Die Holzfasern sind muschelförmig gewachsen und ergeben diesen 3-D-Effekt.“

"Die Dinge müssen schön sein."

Schönheit ist für Schleske wichtig; 60 Prozent seiner Arbeit fließen ins Aussehen der Instrumente, 40 Prozent in den Klang. "Die Dinge müssen schön sein, damit sie alt werden dürfen. Und sie müssen wertvoll sein, damit wir uns erlauben können, sie schön zu machen.“ Ein typischer Satz für den Geigenbauer, bei dem Handwerk, Philosophie, Spiritualität und Physik in allem Tun mitschwingen.

Der Handwerker mit seiner olivegrünen Kappe und der schlichten Arbeitsschürze polarisiert. Die einen nennen ihn den S tradivari der heutigen Zeit und schätzen sich glücklich, eine seiner Geigen spielen zu dürfen; andere betiteln ihn als genialen Selbstvermarkter mit Hang zur Esoterik. Schleske ist’s egal. "Den Begriff `Esoterik‘ mag ich nicht. Aber er bedeutet ursprünglich, die Innendimension in den Dingen zu suchen. Und in dem Sinne bin ich einverstanden; dann bin ich Esoteriker.“

Martin Schleske misst den Schall an einem Geigenboden.

Suche nach dem tieferen Sinn

Schleskes ganze Laufbahn ist eine Suche nach dem tieferen Sinn der Dinge. Nach seiner Geigenbauerausbildung in Mittenwald arbeitete er in einer Forschungswerkstatt für Geigenbau. "Ich wollte wissen, was das Geheimnis der Geige ist, ich hatte viele Fragen. Die konnte mir aber keiner beantworten.“ Also holte er das Abitur nach, studierte Physik und schloss seine Studien mit einer Diplomarbeit über die Eigenschwingungen von Geigen ab. Nach zwei Gesellenjahren bei einem Geigenbaumeister, wo er hauptsächlich alte Instrumente restaurierte, machte Schleske 1996 selbst den Meister und eröffnete seine erste eigene Werkstatt.

In dem über 600 Jahre alten Gebäude gleich hinter der spätgotischen Stadtpfarrkirche Landsbergs hat Schleske erst seit drei Jahren seine Räume. Eineinhalb Jahre lang ließ er die historische Ruine restaurieren. Voller Bewunderung weist Schleske auf ein vom Putz ausgespartes Viereck in der Wand: "Hier haben wir einen Durchblick auf die historische Trockenmauer gelassen. Sie ist heute noch stabil und ohne Risse.“

Wertschätzung alter Handwerkskunst

Die Wertschätzung alter Handwerkskunst steht für Schleske nicht im Widerspruch zu seinem wissenschaftlichen Forscherdrang. "Auch die alten Geigenbaumeister haben wissenschaftlich gearbeitet. In ihrer Zeit ließ sich das gar nicht voneinander trennen; sie haben immer die Erkenntnisse aus Architektur, Chemie und Physik mit aufgenommen – auch wenn sie vielleicht die falschen Theorien dazu hatten.“

Schleskes Lackierraum ist ein Sinnbild für die Verbindung von Tradition und Forschung. Töpfchen und Tiegelchen mit Farbpigmenten und Harzen stehen neben einer Messanlage für hochkomplexe Modal- und Schallanalysen. Hier untersucht der Physiker die Schwingungen von Instrumenten, die mitunter hunderttausende von Euro wert sind; hier wird der enorme Erfahrungsschatz der ­altitalienischen Meister messbar. "Aber die Physik sagt uns nicht, was wir tun sollen, um diese Qualität zu erreichen“, sieht Schleske Grenzen der Technik.

Auf seiner Suche nach dem perfekten Klang ist er immer auf seine Intuition und Kreativität angewiesen. Spätestens bei jedem dritten Instrument probiert er Neues, verbindet Erfahrung mit Eingebungen. Die Messungen, so sagt er selbst, dienen ihm dann als Gradmesser dafür, dass seine Arbeit nicht in Selbstgefälligkeit und Spinnerei umschlägt.

Geigenbaumeister Martin Schleske arbeitet am Lack eines Cellos.

Gratwanderung zwischen Intuition und Spinnerei

Ob ein Instrument gelingt, weiß er erst, wenn er es zum ersten Mal spielt. "Das ist ein Moment, der süchtig macht, oder tief enttäuscht.“ Einen Ohnmachtsberuf nennt der Meister den Geigenbau deswegen. Nur die äußere Form, der Holzkörper einer Geige, lasse sich mit handwerklicher Erfahrung sicher formen. "Das eigentliche Werk ist unsichtbar: der Klang.“

"Der Klang“: So betitelte Schleske auch sein erstes Buch, in dem er Gleichnisse, die ihm beim Bau seiner Geigen gekommen sind, zu einem spirituellen Text zusammengefasst hat. Für wen er es schreibe, habe ihn seine Frau immer gefragt, und Schleske hatte keine Antwort. "Es musste einfach raus. Womit ich nie gerechnet hätte, war die Resonanz, die ich darauf bekommen habe.“

Suche nach dem Klang statt Lesungen

Viele Jahre lang las Schleske öffentlich aus seinen mittlerweile drei Büchern, hielt Vorträge, tourte durch die Kulturstätten Deutschlands. Doch damit sei jetzt Schluss, er habe das Bedürfnis nach Ruhe und Innerlichkeit. "Wenn man einmal über 50 ist, wird deutlich, wie unglaublich kurz das Leben ist.“ Er will sich auf die Suche nach dem Klang konzentrieren – nicht ein Klang wie von Stradivaris Geigen, sondern ein Klang, ausdrucksstark wie die Stimme der Maria Callas.

Schon heute schwärmen Schleskes Kunden vom besonderen Klang der Instrumente und sie nehmen einiges in Kauf, um in seine "Wolke an Interessenten“ aufgenommen zu werden. Denn konkrete Aufträge nimmt Schleske nicht an. Er bittet seine Kunden, ihren musikalischen Hintergrund zu beschreiben, ihr Betätigungsfeld und ihre Wünsche. Er will die Musiker kennenlernen, um eine Vorstellung zu entwickeln, wie ihr Instrument klingen sollte. Und selbst dann arbeitet er keine strenge Auftragsliste ab, sondern verlässt sich auf seine Intuition. Erst wenn das Instrument fertig ist und er dessen Klang hört, entscheidet er, wen er zum Probespielen einlädt.

Im obersten Stockwerk des Werkstatthauses haben die Musiker dann alle Zeit, um das Instrument kennenzulernen, es zu spielen und zu entscheiden, ob der Geigenbauer ihre musikalische Stimme gefunden hat. So ungewöhnlich diese Vorgehensweise ist, Schleske ist davon überzeugt: "Es ist ganz selten, dass jemand sagt, sie ist es nicht.“

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