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Auf andere Art Chef

Schreinermeister Andreas Mayr aus Manching lässt seinen Mitarbeitern viel Freiraum. Eine Strategie, die sich bewährt hat

Alles wächst. Auch bei der Schreinerei Mayr in Manching bei Ingolstadt. Deswegen lässt Firmenchef Andreas Mayr anbauen. Ein Chef- und ein Teambüro. Hauptsache es wird Platz geschaffen. Man merkt, hier ist noch vieles im Umbruch. Die Schreinerei bietet vielfältige unterschiedliche Dienstleistungen an. Planungs- und Koordinierungsaufwand steigen. Kontinuierlich wächst das Unternehmen und damit wachsen auch die Anforderungen an dessen Leistungen. „Wir dürfen nicht klagen“, sagt Mayr. Zumal man sogar im vergangenen Krisenjahr noch Umsatzzuwächse hatte. Gleichzeitig mit den Arbeitsräumen lässt der Chef auch den Empfang erneuern. Etwas repräsentativer soll es werden. Mit schicker äußerer Holzverkleidung und Theke. Die Firma soll mehr auffallen. Über die Gestaltung des Empfangs gab es lange Diskussionen. So viel, dass Mayr irgendwann eine Entscheidung getroffen hat, wie es aussehen soll.

Immer mehrere Wege zum Ziel

Andreas Mayr ist eigentlich kein Chef in herkömmlichem Sinn. Er hält nicht viel von einem patriarchalischen Führungsstil. „Ich habe deshalb schnell zu delegieren gelernt“, sagt der Schreinermeister. Seine Mitarbeiter müssen eigenverantwortlich handeln. Dazu gehört auch, dass er nicht ständig vor Ort ist und sich aus dem Tagesgeschäft nach Möglichkeit heraushält. Projekte übernehmen die Mitarbeiter von der Planung bis zur Rechnungsstellung deshalb selbst. Das ist nicht jeden Chefs Sache. Er sagt selbst, dass er dieses Loslassen erst lernen musste. Vor allen Dingen, wenn sich rausstellt, dass der Mitarbeiter Dinge anders löst, als sie der Chef vielleicht gemacht hätte. Es gebe eben immer mehrere Wege zum Ziel, sagt Mayr. Ganz gefahrlos sei so ein Weg natürlich nicht, gibt er zu. Schließlich haben seine Meister fortwährend Kundenkontakt. Da könne einer ja ziemlichen Flurschaden anrichten. Doch diese Gefahr sieht er bei seinen Mitarbeitern nicht. Schon allein deswegen, weil Mayr viel Wert auf Kommunikation legt. Einmal wöchentlich, immer montags, führt er Einzelgespräche mit seinen Meistern. Monatlich gibt es ein Teamgespräch mit der gesamten Belegschaft. Zusätzlich spricht er mit jedem einzelnen Mitarbeiter einmal im Jahr über ihre beruflichen Vorstellungen, ihr Wohlbefinden, aber auch über das, was sie verändern oder verbessern sollten. „Davor habe ich mich am Anfang gerne gedrückt“, sagt der 42-Jährige. Weil es natürlich nicht immer ganz einfach sei, kritische Themen anzusprechen. Inzwischen ist jedoch der Werkstattleiter „als Bindeglied“ immer mit dabei. „Seitdem geht das einfacher.“ Mayr könne jetzt deutlicher werden und konkreter formulieren, wo der Schuh drückt. Das mit der Führung sei am Anfang eine ganz schwierige Sache gewesen. Ein Prozess, an dem man ständig arbeiten müsse. Auch jetzt noch. Schließlich verlangten die Mitarbeiter zu Recht Führung von ihrem Chef. Um so wichtiger sei es gewesen, die eigenen Führungskräfte für seine Art, die Chefrolle zu interpretieren, zu sensibilisieren. Vielleicht sei er dabei auch manches Mal über das Ziel hinausgeschossen. So weit, dass sich Nähe und Distanz nicht mehr die Waage gehalten haben. Eines Tages war ihm aufgefallen, dass ein Mitarbeiter ein Bild Mayrs in den Werkzeugkasten gesteckt hatte. Auf die Frage nach dem Grund, antwortete dieser mit einem Augenzwinkern: „Damit ich nicht vergesse, wie du aussiehst.“ Auch wenn der plötzliche Ausbruch mitarbeiterlicher Zuneigung eher spaßig gemeint war, hat er Mayr doch zu denken gegeben. Inzwischen sei er wieder etwas stärker an die Mannschaft herangerückt, sagt er.

Nach und nach hochgedient

Die ungewöhnlich lange Leine, die Mayr zwischen sich und seinen Mitarbeitern lässt, ist sicher auch ein Ergebnis des frühen Einstiegs in die Firma vor 17 Jahren. Damals war sein Vater Ludwig an Krebs gestorben. Gerade auf der Meisterschule musste der erst 23-Jährige bereits den Betrieb übernehmen. Anfangs führte er die Schreinerei mit seiner Mutter. Der Start war nicht einfach, denn die Firma musste sich neu orientieren. War das Ursprungsgeschäft - die Ausstattung traditioneller Wirtshäuser sowie Hotellerie und Brauereien - doch zum großen Teil weggebrochen. „Wir mussten uns wieder hochdienen“, sagt Mayr. Er setzte auf Dienstleistung und die Öffnung des Angebots. Die Aufträge reichten von der einfachen Türenreparatur bis zur Einrichtung von Arztpraxen. Entscheidend sei auch die Frage gewesen, wie die Firma mit so genannten Störern umgeht. Leute, bei denen die Türleiste oder die Schublade klemmt. Sollte er die lästigen, nicht gerade lukrativen Anfragen eher abwimmeln oder versuchen, diese produktiv umzusetzen. Mayr setzte auf Letzteres und gründete einen Überprüfungsservice, der sich allein um solche Aufgaben kümmerte. Nach und nach kamen Hausverwaltungen und größere Firmen wie Audi oder EADS auf ihn zu, für die er erst kleine Aufgaben übernahm und durch überzeugende Arbeit in die Riege der Stammschreiner aufstieg. Für E.ON Bayern und Audi hat Mayr Rahmenarbeitsverträge unter anderem für die Instandhaltung. Die Projekte wurden nach und nach größer, wie etwa der Empfang der EADS-Zentrale oder die Einrichtung von Vorstandsbüros bei Audi. Erst kürzlich präsentierte Mayr eine Musterloge für den Audi Sportpark in Ingolstadt. Diese Konzerne sind jedoch nur einige wenige Referenzen unter vielen. Zu den Kunden zählen Unternehmen wie Strabag, SAP sowie viele Banken und Versicherungen. Hinzu kommen Aufträge aus dem Ladenbau, Praxiseinrichtungen und der Gastronomie.

Dieses breite Spektrum schützt die Schreinerei vor allzu harten Auswirkungen der Wirtschaftskrise. Die Boomregion Ingolstadt hilft zusätzlich, durch schwierigere Zeiten zu kommen. Viel Wert legt Andreas Mayr außerdem auf ein großes Netzwerk. Viele Kontakte öffnen auch viele Türen. Und so hat er sich schon vor zehn Jahren mit verschiedenen Handwerksfirmen zu einer Kooperation zusammengeschlossen, die im Projekt „wohlfühlhaus“ mündete. Dort präsentieren sich die Firmen - unter anderem ein Fliesenleger, ein Steinmetz und ein Elektriker mit ihren Referenzobjekten und Ideen.

Weitere Plattformen sind das „Netzwerk Holz“ und das „HolzForum“ in München. Die Vermarktung wird so professionalisiert. Durch all diese Kontakte ergeben sich immer wieder neue Aufträge. Doch Mayr profitiert nicht nur geschäftlich. Innerhalb einer Kollegengruppe nehmen regelmäßig Chefs anderer Schreinereien gegenseitig ihre Betriebe unter die Lupe. „Die kommen nicht zum blöd Daherreden“, wie er betont. Dort gilt er zwar als am besten organisierter Betrieb, doch diese Kontrolle deckte auch bei ihm Defizite auf. So förderte ein Betriebsbesuch Schwachpunkte in Mayrs Produktion zutage.

Das Handy bleibt öfter mal aus

All diese Kontakte, all die Netzwerke zu pflegen, fordert bei all dem Nutzen, den Mayr daraus zieht, aber auch viel Disziplin. Der Fluch des ewigen Erreichbarseins hat auch ihn nicht verschont. Zwar schirmen seine Mitarbeiter im Büro ihn oft erfolgreich ab. Für die meisten Dinge braucht es schließlich nicht den Chef. Doch eigene Termine organisiert er deshalb selbst und seine Handynummer kennen bei all den Kooperationen und Geschäftsanbahnungen natürlich genug Leute. „Die Kontaktpflege hat schon eine ordentliche Dynamik entwickelt“, gibt er zu. Netzwerke kennen außerdem kein Wochenende. Mindestens per E-Mail ist er fast rund um die Uhr erreichbar. Aber zuweilen rufen eben auch Leute an, „zu denen man die Nähe nicht so sucht“. Diese Sieben-Tage-Lebens- und -Arbeitswoche wird so zuweilen zu einer Gratwanderung. Zumal seine Frau in das betriebliche Leben überhaupt nicht eingebunden ist, weil sie weiterhin ihrem Beruf als Anästhesiepflegerin nachgeht. Als Mayr dann gemerkt hat, dass er selbst beim familiären Essen nicht die Finger vom Telefon lassen konnte, zog er die Notbremse. Jetzt drückt er öfter mal den Ausknopf.

Geschäftlich setzt er in nächster Zeit auf Konsolidierung.

All die Dinge, die Mayr angestoßen hat, sollen sich festigen. Schließlich habe er viel verändert, gerade in den vergangenen zwei Jahren. Das Redesign der Firmendarstellung zum Beispiel. Ein zweisprachiges Logo „made by Mayr“ etwa, das sich sehr bewährt hat, haben anfangs viele nicht akzeptiert. Als Vorausdenker, wie er sich selbst sieht, habe er die Mitarbeiter manchmal nicht mitgenommen auf seinem Weg. Deshalb hat sich Mayr vorgenommen, etwas behutsamer vorzugehen. Auch wenn er als Chef eben manchmal das letzte Wort haben muss.

www.schreinerei-mayr.de,
www.wfh-manching.de, www.netzwerkholz.de

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