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Interview mit Christian Nemeth von der Zürcher Kantonalbank Österreich "Auch 2018 wird wieder ein Aktienjahr werden"

Christian Nemeth, Chief Investment Officer der Zürcher Kantonalbank Österreich, zu renditestarken Investments, der Strategie bei geringen Erträgen und der Gefahr einer Immobilienblase.

DHZ: Rechnen Sie damit, dass der Aktienboom diese Jahr anhält?

Nemeth: Unser Ausblick für 2018 ist optimistisch. Wir haben zwar schon einen relativ lang anhaltenden Boom und die Bewertung ist recht hoch, aber wir haben ein sehr positives Konjunkturumfeld. Der Aufschwung ist weltweit zu spüren. Ob in Amerika, den Entwicklungsländern oder den Schwellenländern, in allen Regionen verbessert sich die Situation. Solange das so weitergeht, werden die Unternehmensgewinne steigen. Dementsprechend sind auch die höheren Bewertungen gerechtfertigt. Es gibt auch wenig Alternativen. Das Risiko auf der Anleihenseite ist wesentlich größer.

DHZ: Welche Risiken drohen dort?

Nemeth: Die amerikanische Notenbank hat vor geraumer Zeit bereits begonnen, eine Zinsnormalisierung einzuleiten. Wir rechnen dort 2018 mit drei Zinsanhebungen. Das wird Spuren im Anleihenumfeld hinterlassen. Risiken drohen aus zwei Ecken. Die geopolitischen Risiken wie Nordkorea oder Wahlen in Italien lassen sich schwer kalkulieren. Viel wichtiger ist das Thema Inflation. Wir gehen davon aus, dass die Inflationsraten in Amerika weiter ansteigen werden. Dort herrscht de facto Vollbeschäftigung. Wegen höherer Löhne steigt die Inflationsrate. Wenn das schneller passiert als erwartet und die Notenbank gezwungen ist, etwas schneller die Zinsen anzuheben, könnte das auch auf den Aktienmarkt negative Auswirkungen haben. Für die nächsten sechs Monate sind wir optimistisch. Für die zweite Jahreshälfte muss man schauen, wo Gefahrenpotenziale drohen. Insgesamt gehen wir aber davon aus, dass 2018 auch wieder ein Aktienjahr sein wird.

"Die Steuerreform in den USA wird wohl zu höheren Erträgen und damit zu einer Steigerung der Unternehmenswerte führen."

DHZ: Was haben dann die Turbulenzen an den Aktienmärkten in den letzten Wochen zu bedeuten?

Nemeth: Wir sehen die aktuelle Korrektur nicht als Wendepunkt an. Nach der langen Phase sehr niedriger Volatilität an den Aktienmärkten stand eine Korrekturbewegung schon länger im Raum.

DHZ: Wird die Steuerreform in den USA den Aktienboom weiter befördern?

Nemeth: Das wird sicher so sein. Die Reform ist zwar ökonomisch betrachtet nicht unbedingt sinnvoll, wird aber wohl zu höheren Erträgen und damit zu einer Steigerung der Unternehmenswerte amerikanischer Unternehmen führen.

DHZ: Noch länger als der Aktienboom hält ja inzwischen die Niedrigzinsphase an. Wie lange, denken Sie, wird das noch so bleiben?

Nemeth: In der Eurozone wird das niedrige Zinsumfeld noch eine Weile anhalten. Die EZB wird frühestens im zweiten Quartal 2019 beginnen, an der Zinsschraube drehen. Die haben festgelegt, dass sie zuerst das Anleihenkaufprogramm auslaufen lassen wollen. Nach einer Übergangsphase kommt dann der Zinsschritt. Wir gehen aber nicht davon aus, dass bei den Leitzinsen in den kommenden zwölf Monaten etwas passiert.

DHZ: Was bedeutet das für die Anlagemöglichkeiten?

Nemeth: Die Renditen in den längeren Laufzeiten werden eher nach oben gehen. Damit wird die Verzinsung langfristig steigen. Die Übergangsperiode wird für die Anleger eher schmerzhaft. Auf der Anleihenseite wird man eher wenig verdienen können. Es gibt also weiterhin wenig Alternativen zu Aktien.

"Der gesunde Menschenverstand, nur in das zu investieren, was ich selbst verstehe, ist oft besser als jedes ausgeklügelte mathematische, quantitative Modell."

DHZ: Kommen wir zum Thema Spekulationsblasen und Finanzkrisen. Sehen Sie im Moment Gefahren dafür und haben Sie nach der großen Finanzkrise 2008 Ihre Strategien als Bank geändert?

Nemeth: Die seriöse Veranlagung ist ja ein Geschäft, bei dem man langfristig in ein breit diversifiziertes Portfolio investiert, das qualitativ hochwertig ist. Wenn ich bei diesem Ansatz bleibe und nicht dem neuesten Hype hinterherlaufe, habe ich gute Chancen nicht in die Spekulationsfalle zu tappen. Die Disziplin im Anlageprozess ist sehr wichtig. Der gesunde Menschenverstand, nur in das zu investieren, was ich selbst verstehe, ist oft besser als jedes ausgeklügelte mathematische, quantitative Modell. Wenn man manchmal mit Skepsis und Argwohn an manche Dinge rangeht, kann man viele Fallen umgehen.

DHZ: Der Anteil an illiquiden Anlagen ist wegen der niedrigen Zinsen derzeit sehr hoch. Dadurch steigen gerade auch die Immobilienpreise. Die Konjunktur brummt gerade am Bau. Rechnen Sie mit einer Immobilienblase?

Nemeth: Immobilien haben durch die sehr expansive Geldpolitik der Notenbanken profitiert. Es war erklärtes Ziel der Notenbanken, durch niedrige Zinsen, quantitative Easing, Anleihenkaufprogramm die Veranlagungen zu unterstützen. Warum hat man das gemacht? Als die Immobilienblase in Amerika damals geplatzt ist, hatten wir global eine starke Rezession. Wenn man dann nicht gegensteuert und die Assetpreise oben hält, wird der negative Effekt durch die Rezession noch verstärkt. Wenn man davon ausgeht, dass sich die Situation und damit die Geldpolitik wieder langsam normalisiert, dann wird die Unterstützung für alle Anlageklassen und damit auch für die Immobilien weniger werden. Doch die Preise steigen inzwischen stärker als die Mieten. Das heißt, es wird viel in der Hoffnung darauf gekauft, etwas zu einem höheren Preis wieder zu verkaufen. Das ist immer gefährlich, denn letzten Endes muss es um Substanzwerte gehen. Bei einer Immobilie sollte die Substanz auf den Mieteinnahmen beruhen und nicht auf überhöhten Preisen. Die Nachfrage wird weiterhin so hoch bleiben, weil immer noch Liquidität da ist. Weil Immobilien nicht wie Aktien fortlaufend bewertet werden, ist es schwierig zu wissen, wo der Markt gerade steht.

"Je höher mein Aktienanteil ist, desto mehr Renditeerwartung habe ich."

DHZ: D ie Größe und damit auch Einkommen und Gewinn schwanken bei Handwerksunternehmen deutlich. Bei vielen Selbstständigen besteht die Gefahr, dass sie fürs Alter zu wenig vorsorgen, auch aufgrund der geringen Erträge. Sehen Sie für diese Gruppe eine Anlagestrategie?

Christian Nemeth: Die Frage ist, ob sich die Zielsetzung dieser Leute massiv unterscheidet zu denen, die ein großes Handwerksunternehmen hat. Ich glaube, es geht bei der langfristigen Altersvorsorge um zwei Komponenten. Erstens brauche ich eine gewisse Rendite. Wenn ich nicht über den langen Zeithorizont die Kraft von renditestarken Assets nutze, habe ich zwar weniger kurzfristige Schwankungen aber auf lange Sicht eine Unterdeckung. Und der Sparbetrag muss proportional sehr hoch sein, damit ich mir diese geringe Volatilität leisten kann. Umgekehrt kann ich bei einem langen Zeithorizont einen höheren Anteil in renditestarken und damit schwankungsfreudigeren Assets in meinem Portfolio halten. Das sind Gesetzmäßigkeiten. Jeder muss für sich selbst seine Risikobereitschaft definieren. Manche sagen, ein Aktienanteil von 30 Prozent ist riskant, andere empfinden das als konservativ. Meiner Meinung nach muss man langfristig einen Aktienanteil besitzen. Je höher dieser ist, desto mehr Renditeerwartung habe ich.

DHZ: Traditionell investieren in Deutschland viele Selbstständige in Lebensversicherungen. Diese Vorsorgeform hat ihre beste Zeit sicherlich hinter sich. Zu welcher Alternative würden Sie raten?

Nemeth: Ich glaube, dass im klassischen Lebensversicherungsbereich die Mindestverzinsung mit dem Garantiezins inzwischen zu unattraktiv ist. Das hängt auch mit dem Anlageumfeld zusammen. Mit Investments über Fonds erreicht man eine gute Risikostreuung. Am Anfang sollte man eine Anlagestrategie definieren. Je einfacher und transparenter die Strategie ist, umso leichter kann man ein Portfolio steuern. Langfristig erreicht man damit einen Vermögensaufbau mit überschaubaren Risiken.

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