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Neue Sicherungsgeländer für Gerüstbauer Arbeitssicherheit im Gerüstbau: Branche warnt vor Milliardenkosten

Neue Pläne für mehr Arbeitssicherheit im Gerüstbau sorgen für Ärger. Sie sehen vor, dass Betriebe ihr Gerüstmaterial austauschen müssen. Der Bundesverband Gerüstbau schätzt die Gesamtkosten dafür im schlimmsten Fall auf bis zu fünf Milliarden Euro. Dies entspricht in etwa dem Gerüstmaterialbestand in der Branche. Auch andere Gewerke aus der Baubranche sind betroffen.

Unübersichtliche Baustellen, schnelle Maschinen und spitzes Werkzeug – im Arbeitsalltag sind Handwerker immer wieder gefährlichen Situationen ausgesetzt. Deshalb ist ein richtiger Arbeitsschutz besonders wichtig. Aber wie der genau aussehen sollte, darüber gehen die Meinungen oft auseinander. Aktuell stoßen neue staatliche Pläne für besseren Arbeitsschutz im Gerüstbau auf Kritik der Branchenvertreter.

Nach den aktuellen staatlichen Plänen sollen die  Schutzmaßnahmen für Gerüstbauer neu definiert werden. Ein Arbeitsauftrag für ein technisches Regelwerk sieht vor, dass systemintegrierte Sicherungsgeländer standardmäßig eingeführt werden. Technische Schutzmaßnahmen erhalten damit Vorrang vor anderen Schutzmaßnahmen, wie zum Beispiel persönlichen Schutzausrüstungen gegen Absturz. Diskutiert werden diese Pläne in einem Ausschuss für Arbeitssicherheit, in dem unter anderem Bund, Länder, Berufsgenossenschaften und Branchenverbände vertreten sind.

Kosten von bis zu fünf Milliarden Euro

Der Bundesverband Gerüstbau und andere Branchenvertreter sehen diese staatlichen Forderung kritisch. "Das Problem ist, dass es bisher keine ausreichenden Untersuchungen darüber gibt, ob diese speziellen Sicherungsgeländer wirklich für mehr Schutz sorgen. Außerdem sind diese Sicherungsgeländer in vielen Bausituationen nicht einsetzbar. Sie sind also nicht besser geeignet als andere Absturzsicherungen auf dem Markt", sagt Sabrina Luther, Geschäftsführerin von  Bundesinnung und Bundesverband  Gerüstbau.

Branchenvertreter sehen vor allem hohe Kosten auf die Betriebe zukommen. "Nach den aktuellen Plänen müssten Betriebe im schlimmsten Fall ihren gesamten Gerüstmaterialbestand gegen neues Material austauschen. Das ist ein nicht vertretbarer wirtschaftlicher Schaden und kann einige Existenzen kosten", sagt Luther. Der Verband schätzt den Materialbestand an Gerüsten, die umgetauscht werden müssten, auf bis zu fünf Milliarden Euro.

Auch andere Gewerke betroffen

Betroffen davon wären nicht nur Gerüstbauer, sondern auch andere Gewerke, die ihre Gerüste selbst aufbauen, wie zum Beispiel Maler, Dachdecker und andere Gewerke aus der Baubranche. Luther rechnet außerdem damit, dass die Preise für Gerüstbauleistungen  aufgrund der Austauschmaßnahmen stark ansteigen werden.

Der Verband geht auch davon aus, dass sich in Folge der hohen Austauschkosten, schwarze Schafe in der Branche weiter durchsetzen werden. "Die Betriebe, die sich bisher an keinerlei Vorschriften für die Arbeitssicherheit gehalten haben werden sich mit ihren Marktpreisen gegenüber den Unternehmen zukünftig durchsetzen, die regelkonform den Gerüstmaterialbestand austauschen und dies in ihren Preisen einkalkulieren müssen. Denn die eigentlich notwendigen Kontrollen der Baustellen finden kaum statt", teilte der Verband mit.

Detaillierte Unfallanalyse sinnvoller

Zielführender aus Sicht der Branchenvertreter wäre ein ganzheitlicher Ansatz zur Verbesserung der Arbeitssicherheit im Gerüstbau, der auf einer detaillierteren Unfallanalyse beruht. Außerdem sei die aktuelle  persönliche Schutzausrüstung gegen Absturzeine sehr gute Maßnahme, um die Arbeitssicherheit von Gerüstbauern zu erhöhen und im Gegensatz zu systemintegrierten Sicherungsgeländern auch fast überall einsetzbar.

Die persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz sollte nach Wunsch des Verbandes endlich auch flächendeckend eingesetzt werden. Entscheidend hierfür sei ein durchgehendes staatliches bzw. berufsgenossenschaftliches Kontrollsystem, das sicherstellt, dass die Maßnahmen durchgesetzt werden.

Luther hofft, dass die Pläne in den kommenden Monaten noch geändert werden und sich Bund, Länder, Berufsgenossenschaften und Branchenvertreter auf eine Lösung  einigen können, die in der Praxis auf den Baustellen funktioniert und damit auch eine echte Chance hat, die Arbeitssicherheit im Gerüstbau weiter zu verbessern. Eine Umsetzung der endgültigen Regelung wird im Laufe des kommenden Jahres erwartet.

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Kommentare

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Jessica Baker

@Lehmann - Wer hat solche Pläne

Sehr geehrter Herr Lehmann,
die Pläne werden von verschiedenen Seiten diskutiert und die Branchenvertreter arbeiten natürlich auch an den Regelungen für einen besseren Arbeitsschutz mit. Da haben sie vollkommen Recht. Allerdings favorisieren sie andere Maßnahmen. Sie wollen eben nicht, dass das Gerüstmaterial ausgetauscht werden muss. Sie befürchten aber, dass ihre Ideen als relativ kleiner Verband nicht berücksichtigt werden. Daher hat die Bundesinnung für das Gerüstbauer-Handwerk/Bundesverband Gerüstbau e.V. uns auf das Thema aufmerksam gemacht.

Mit freundlichen Grüßen
Jessica Baker

Marcus Ruetz

... Kontrollieren, statt Lamentieren ...

Es steht außer Frage, der Arbeitsschutz im Bau- und speziell im Gerüstbaugewerbe hat oberste Priorität. In meinem Kommentar geht es nicht um das "OB" sondern das "WIE". In den letzten nahezu zwei Jahrzehnten, hat sich einiges getan, auf dem Markt der Gerüsthersteller. PERI-UP und Layher-MSG, seien hier genannt, als wohl die beiden Marktbeherrschenden Systeme. Zudem die Neuerung mit PSA (Anseilschutz). In bestimmten Ausnahmefällen darf die "befähigte Person dann noch ohne die vorgenannten Schutzmaßnahmen arbeiten, wenn es technisch und organisatorisch nicht anders geht. Soweit ich weiß ist dies Stand der Dinge. Leider wird dies aber in keinster Weise kontrolliert. Erst wenn ein Unfall passiert ist und jemand zu Schaden gekommen ist, wird analysiert und lamentiert. Die Struktur des Marktes macht es natürlich auch schwer die Umsetzung zu kontrollieren, allerdings halte ich es für nicht sinnvoll, deshalb den mittleren bis größeren Betrieben noch mehr Kosten und Bürokratismus aufzuerlegen. Die vielen Kleinbetriebe, oft aus unterschiedlichen Gewerken, die für sich oder auch andere Gerüste stellen, würden sich ohnehin wieder durchmogeln, wie sie es jetzt schon tun. Es kann daher meines Erachtens nur über Kontrolle und Sanktion gehen. So könnten auch die Kosten für die BG (Zus. Personal, Prävention und "Unfallkosten") wieder amortisiert werden.

Simon Strehler

Berufsgenossenschaftliches Kontrollsystem

Dieses "Kontrollsystem" ist ein Witz. Bin vor einigen Monaten an einer Großbaustelle vorbeigefahren in deren Nähe ich mich mit einem Unternehmer getroffen habe. Wir haben festgestellt, dass auf dem Vordach der Halle (ca. 8 Meter über Gelände) Arbeiten am Dachrand ausgeführt wurden. Kein Gerüst, keine persönliche Schutzausrüstung! Ich habe dann bei der Bauberufsgenossenschaft angerufen, jedoch unter der mir bekannten Tel.-Nummer erst nach zwei Tagen jemanden erreicht. Habe die Situation geschildert und zur Antwort bekommen, ich sei bei der Abteilung Prävention, ich solle doch bei der Abteilung "Kontrolle" anrufen. Ich habe den Mitarbeiter aufgefordert, dies doch einfach weiterzugeben, was er jedoch nicht wollte. Ich habe es dann dabei gelassen. Soviel zum Kontrollsystem und was unseren Beiträgen passiert..

B. MÜLLER

Gerüstbohlen häufig mit Fäule (Pilzschäden)

Ich finde relativ häufig offensichtliche Pilzschäden an Gerüstbohlen aus Holz.
Die verdeckten Schäden werden in der Anzahl noch größer sein.

Lehmann

Wer hat solche Pläne

Sehr geehrte Frau Baker, ich habe Ihre Antwort mal hier auf die Plattform verschoben-wo diese auch hingehört.
"Sehr geehrter Herr Lehmann,
danke für Ihre Frage. Die Pläne sind in einem gemeinsamen Ausschuss zur Arbeitssicherheit von Bund, Ländern, Berufsgenossenschaften und Branchenvertretern entstanden. Staatlicherseits werden diese Pläne favorisiert. Weitere Informationen gibt es auch hier: http://www.presseportal.de/pm/106168/3729208"

Also da steht das so nicht, ganz im Gegenteil, " Bundesinnung und Bundesverband Gerüstbau sowie Gerüsthersteller
warnen vor nicht einsetzbaren Gerüstsystemen. (DAS sind die BRANCHENVERTRETER - oder?)
- Materialbestand im Wert von bis zu 5 Milliarden Euro müsste
komplett ausgetauscht werden.
- Bundesinnung und Bundesverband Gerüstbau empfehlen stattdessen
persönliche Schutzausrüstung und fordern detaillierte
Unfallanalyse.

...bitte antworten Sie hier im Portal und nicht per mail, das ist nicht Sinn dieses Portals.
MfG. Lehmann

Harald Joerke

Viel Wind um nichts

Qualifizierter Gerüstbau ist in der Regel zertifiziert und an Standards (z.B. SCC) ausgerichtet. Auch die Persönliche Schutzausrüstung (PSA) unterliegt gewissen Standards. Um die Gerüste zumindest in Deutschland "leichter" zu machen, bräuchten wir genug Bambus - haben wir aber nicht! Titan ist zu teuer und zu spröde und mit Plastik kann man in diesem Bereich auch nicht viel anfangen! Vielleicht wurden in der Zwischenzeit neue Materialien zur Herstellung von Gerüsetteilen und -systemen erfunden?

Nachtigall, ich hör dir trapsen...... bevor ich auf den Zug allgemeiner Empörung aufspringe, frage ich mich stets, wer denn von Neuerungen dieser Art einen Nutzen haben könnte.

Spontan fallen mir hierzu die Hersteller von Gerüsten ein (die sich mit Sicherheit schon die Hände reiben werden), dazu gesellen sich Gerüstebauer die im Werkvertrag ihre Leute beistellen (jedoch ohne eigenes Gerüstematerial anzubieten. Habe ich etwas vergessen?

Lehmann

Wer hat solche Pläne

Leider konnte ich nirgends lesen, wer sich solche Pläne ausdenkt.