Gesundheit -

Work-Life-Balance im Handwerk Arbeit darf nicht zur Sklaverei werden

Volle Auftragsbücher, ungeduldige Kunden und zu wenige Fachkräfte: Für Handwerker nimmt der Stress immer weiter zu. Angesichts der Auftragsdichte müssen Unternehmer besonders gut für sich und die Mitarbeiter sorgen. Wie sie die Work-Life-Balance verbessern können.

"Wir müssen unseren Kunden gerecht werden, aber wir wollen unsere Mitarbeiter auch nicht versklaven“, benennt Gesine Kiesel ihr Dilemma. Seit 20 Jahren arbeitet die gelernte Juristin in der Jungenblut Gmbh in Münster, seit 2013 ist sie deren Geschäftsführerin.

Gerüstbau, Glas- und Fensterarbeiten, Malerarbeiten, Wärmedämmung sowie Bodenbeläge gehören zum Portfolio des 50-Mann-Betriebs. "Alles körperlich belastende Arbeiten und zwei Drittel unserer Mitarbeiter sind schon über vierzig“, macht sich Kiesel Gedanken. Gerne würde sie mehr Leute einstellen, aber sie findet nicht genügend Kräfte. "Wir müssen uns also gut um unsere Mitarbeiter kümmern, damit sie lange gesund, zufrieden und leistungsfähig bleiben.“

Vereinbarkeit im Handwerk fördern

Nicht nur die "Generation Y“ wünscht sich weniger Stress bei der Arbeit und mehr Zeit für Privates. Chefs müssen reagieren. Oft helfen schon kleine Schritte:
  • gute Arbeitsorganisation
  • klare Arbeitsverteilung
  • besseres Delegieren von Aufgaben
  • Störungen und Unterbrechungen vermeiden
  • offene Kommunikation zwischen Chef, Team und Kollegen
  • Konflikte klären
  • regelmäßige Pausen einhalten
  • gesunde Mahlzeiten einnehmen
  • körperlicher und geistiger Ausgleich
  • Wertschätzung zeigen
  • flexible Arbeitsmodelle prüfen
Wer für diese Schritte Unterstützung sucht, kann sich bei seiner Krankenkasse über Angebote zum betrieb­lichen Gesundheitsmanagement informieren.

Bisher nutzen Handwerksbetriebe vor allem eine auf Familien abgestimmte Urlaubsplanung, flexible Arbeitszeiten und frühzeitige Entwicklungspläne, um den Mitarbeitern entgegenzukommen. Das zeigt eine Sonderumfrage des Zentralverbands des Deutschen Handwerks zum Gewinnen und Halten von Fachkräften aus dem vergangenen Jahr. 12 Prozent der Befragten bieten mobiles Arbeiten an, 10 Prozent unterstützen Mitarbeiter, die sich um ihre Kinder oder pflegebedürftige Angehörige kümmern müssen.

Welche Schritte Unternehmer noch tun können, um die Vereinbarkeit in ihrem Betrieb voranzubringen, ist Thema zweier Unternehmenstage der Initiative "Erfolgsfaktor Familie“ am 23. Mai in Erfurt und am 27. September in Berlin. Mehr zu der Veranstaltung, außerdem zahlreiche Tipps zu Arbeitszeiten, Kinderbetreuung, Beruf und Pflege sowie Praxisbeispiele gibt es auf der Webseite von Erfolgsfaktor Familie.

Raubbau an der Gesundheit

Seit vergangenem Jahr beteiligt sich die Jungenblut GmbH als einer von 27 Handwerksbetrieben am Projekt "Fit für Führung und Familie“ in Münster.

Für das Projekt befragten das Forschungszentrum Familienbewusste Personalpolitik (FFP) an der Westfälischen Wilhelms-Universität, die Handwerkskammer Münster und die IKK classic Führungskräfte aus dem Handwerk nach Arbeitsbelastung, familiären und pflegerischen Aufgaben sowie zu Gesundheit und Selbstfürsorge.

Es zeigt sich: Für Handwerker ist es sehr schwierig, Beruf und Privates ins Gleichgewicht zu bringen. "Im Schnitt arbeiten die Männer 52,7 Stunden pro Woche, die Frauen 35 Stunden“, erklärt Sabrina Benighaus vom FFP. "Die weiblichen Führungskräfte kennen sich häufig besser mit gesundheitlichen Risiken ihrer Arbeit aus und merken eher, wenn etwas mit ihnen nicht stimmt.“ Männer dagegen kümmerten sich zu wenig um das eigene Wohlbefinden, so Benighaus.

Allerdings zeige die Befragung auch, dass Frauen stärker den Spagat zwischen Betrieb, Elternschaft und Angehörigenpflege leben und mit ihren verschiedenen Aufgabenbereichen jonglieren müssen. Den befragten Männern gelinge es besser, Arbeit klar von Privatem zu trennen, und sie nutzten deutlich häufiger als Frauen externe Angebote zur Kinderbetreuung oder Pflege von Angehörigen.

Chef ist Vorbild fürs Team

Ein Pauschalrezept, wie Unternehmer Arbeitslast und Privatleben besser unter einen Hut bekommen, hat das FFP-Projekt nicht gefunden; wohl aber viele Bausteine, die der Unternehmer für seine Mitarbeiter und vor allem für sich umsetzen könne. "Die Führungskräfte sind als Vorbilder einer der Schlüsselfaktoren für die Gesundheitsfürsorge und Vereinbarkeit“, betont Sabrina Benighaus.

Gesine Kiesel hat jetzt mit der IKK classic ein betriebliches Gesundheitsmanagment in ihrem Betrieb eingerichtet. Alle Mitarbeiter wurden zu ihren Belastungen befragt; demnach plagt sie vor allem Stress, aber auch der Rücken.

"Jetzt bieten wir ihnen Seminare zu Stressmanagement, zu gesunder Ernährung im Baustellenalltag und zu rückengerechtem Arbeiten an“, zählt Kiesel auf. Jeder dürfe entscheiden, ob er teilnimmt. Auch sie selbst hat die Seminare schon besucht. Für ihre Meister gibt es ein weiteres Modul zu gesunder Führung: "Dabei geht es dann auch darum, dass sie lernen, aufmerksam für Veränderungen der Mitarbeiter zu werden und auch mal zu fragen, ob jemand private Sorgen hat“, erläutert Kiesel.

So wie bei einem der Mitarbeiter, der vor einigen Jahren aus familiären Gründen nur noch in Teilzeit arbeiten konnte. "Ich habe nicht gerne auf seine Arbeitskraft verzichtet und es war schwierig, das im Baustellenalltag zu organisieren. Aber wir müssen uns von dem Gedanken lösen, dass Teilzeit im Handwerk nicht geht!“, bezieht sie Stellung. Ihre Flexibilität hat sich bezahlt gemacht: Inzwischen ist der Mitarbeiter in Vollzeit zurückgekehrt. "Und er hat jetzt eine richtig gute Bindung an den Betrieb.“

Pflege und Beruf

Das Thema Pflege und Beruf ist im Handwerk noch nicht genug angekommen, zeigen die Befragungen des FFP-Projekts. Obwohl über 20 Prozent der Befragten pflegerische Verantwortung tragen, gibt es in der Praxis noch kaum Angebote und Hilfestellungen für Betroffene.

Das Projekt hat Checklisten und eine Pflegemappe erstellt, mit deren Hilfe Handwerker und ihre Mitarbeiter einer Pflegesituation besser begegnen können. Kostenlos anzufordern unter info@ffp.de.

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