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Die Iglu Lodge auf dem Nebelhorn Arabische Nächte im Schnee

Am südlichsten Ort Deutschlands, auf mehr als 2.000 Metern Höhe, können Schneefans und Winterromantiker in Iglus übernachten. Ein Team aus Steinmetzen und Bildhauern richtet die Hotelzimmer mit Eisskulpturen ein.

Die Sonne strahlt auf den Berggipfel des Nebelhorns. Der frische Schnee glitzert, die Luft ist klar und eiskalt. Unweit der Bergstation stehen mehrere Schneehügel aneinandergereiht in einem Halbkreis. Gegenüber ragt ein besonders großer Schneeberg empor. Ein junger Mann fährt mit einer Schubkarre voll Schnee aus der kleinen Eingangstür heraus. Innen ertönt das Geräusch einer Motorsäge. Bildhauer Felix Mohr steht auf einem Gerüst und sägt feine Linien in die Schneewand.

Mohr ist einer der sechs Handwerker im Team von Steinmetz Frank Bergmann, das Mitte Dezember mit einem außergewöhnlichen Projekt auf dem Nebelhorn begonnen hat. Seit einigen Tagen sind die Künstler fleißig am Werkeln. Schritt für Schritt arbeiten sie sich durch die beeindruckenden Schneemassen auf dem Berggipfel.

Auf 2.224 Metern Höhe, über den Dächern der Stadt Oberstdorf im Allgäu, entsteht die "Iglu Lodge": Ein Iglu-Hotel, das nur im Winter existiert. 20 Schlaf-Iglus, eine Bar und ein Restaurant bauen die Handwerker im Auftrag der Veranstaltungsagentur "Allgäu Events". Die Zimmer bieten Platz für mehrere tausend Gäste in der Saison. Gerne gebucht wird das außergewöhnliche Hotel von verliebten Pärchen oder Firmen, die es als besondere Location für ihre Veranstaltungen nutzen.

Der Clou an den Iglus sind die kunstvollen Eisschnitzereien im Innern. Jedes Zimmer wird individuell gestaltet. Dieses Jahr steht das Projekt unter dem Motto "1001 Nacht – Orient". Löwen, Flaschengeister und Kamele verzieren die Eiswände des Hotels. In jedem Raum lässt sich ein anderes Motiv entdecken.

"Es hat seinen besonderen Reiz, mit Schnee und Eis zu arbeiten. Das Material verzeiht kleine Fehler und lässt sich schnell formen." Sandra Schwendinger, Steinmetzin

So auch in dem Iglu mit der silbernen Thermoskanne vor der kleinen Öffnung. Hier arbeitet Frank Bergmann. Der 42-Jährige sitzt warm eingepackt in einem grünen Skianzug an der hinteren Wand und feilt an einer Figur. Mit Spaten und Händen formt er Rüssel und Stoßzähne aus dem Schnee heraus. Seit 2008 ist er jedes Jahr für die Eisskulpturen in den Iglus verantwortlich.

Figuren aus Eis und Schnee hatte er früher schon entworfen, aber noch nicht in dieser spektakulären Location. Als er von dem Projekt hörte, war er sofort begeistert: "Die Arbeit hier auf dem Berg macht mir sehr viel Spaß. Sie ist aber nicht für jeden geeignet. Die Höhenluft und die Kälte vertragen viele nicht. Wir hatten auch schon Kollegen, die nach ein oder zwei Tagen abgebrochen haben."

Aufbau der Iglu Lodge auf dem Nebelhorn

Bergmann hat für die Dauer des Projektes seinen Steinmetzbetrieb in Heimenkirch im Allgäu geschlossen. Neben seinen Mitarbeitern rekrutiert er jedes Jahr auch noch andere Handwerker. Denn es dauert rund einen Tag pro Person, um eines der kleinen Iglus zu gestalten. Dieses Jahr sind noch Kollegen aus Österreich und Ungarn dabei.

Ihre Ideen sprühen die Profis mit Spraydosen auf das Eis oder sie formen die Skulpturen freihändig nach den Mustern in ihrem Kopf. Zuvor müssen jedoch erstmal die Iglus aufgebaut werden. Dies geschieht mit Hilfe spezieller orangefarbener Ballons aus robustem Kunststoff. Die Ballons werden an der Stelle des neuen Iglus aufgestellt und mit Schnee überschüttet. Der Schnee wird verdichtet und anschließend die Luft aus dem Ballon gelassen. Fertig ist das Hotelzimmer.

Die Iglu-Saison auf dem Nebelhorn beginnt nach den Weihnachtstagen und dauert mindestens bis Ende März. Für die ersten Wochen sind die Schlaf-Iglus schon komplett ausgebucht. In dieser Zeit müssen Frank Bergmann und seine Kollegen noch einmal zum Nacharbeiten kommen. "Das größte Problem ist, dass sich der Schnee mit der Zeit setzt. Figuren, die vorher oben an der Wand waren, kann man nach einigen Wochen am Boden suchen. An den Decken verzichten wir mittlerweile auf Verzierungen, weil sie irgendwann anfangen zu tropfen. Das ist für die Menschen, die unten schlafen, doch eher unangenehm", erklärt Bergmann.

"Die Höhenluft und die Kälte verträgt nicht jeder. Wir hatten auch schon Kollegen, die abgebrochen haben." Frank Bergmann, Steinmetz

Zwei Iglus weiter lässt Bergmanns Kollegin Sandra Schwendinger ihrer Kreativität freien Lauf und schnitzt orientalische Ornamente aus der Eiswand heraus. Die einzige Frau im Handwerker-Team strahlt über das ganze Gesicht, wenn sie von ihrer Arbeit erzählt: "Das ist so ein tolles Projekt. Skulpturen aus Schnee zu formen ist nochmal etwas ganz anderes als mit Marmor oder Sandstein zu hantieren." Schwendinger ist das erst Mal dabei. Dass ihre Skulpturen schnell wieder kaputt gehen, macht ihr nichts aus. "Es hat seinen besonderen Reiz, damit zu arbeiten. Der Schnee verzeiht kleine Fehler und lässt sich sehr schnell formen." Die Handwerkerin zeigt auf ein fertiges Motiv an der Wand. "Dort ist mir ein Stück der Spitze abgebrochen und ich hab sie ganz einfach mit etwas Spucke wieder angeklebt."

Winterfeeling im Sommer: Iglu-Fotos aus Oberstdorf

Am Ende des Tages hat Schwendinger das gesamte Iglu mit geschwungenen Blumenmustern geschmückt. Dann heißt es für sie und ihre Kollegen "Feierabend". Einige übernachten in der Berghütte, andere fahren mit der Seilbahn wieder ins Tal hinunter.

In den Iglus selbst können sie nicht übernachten, denn es fehlen noch Matratzen, Felle und Schlafsäcke, die erst zum Schluss für die Gäste hineingelegt werden. Wenn die Hotelzimmer dann fertig sind, widmet sich Bergmann gerne wieder seiner Arbeit als Steinmetz im Tal: "Wenn man so viele Tage in den Iglus gearbeitet hat, ist man irgendwann froh, etwas Anderes zu sehen."

Schlafen wie die Eskimos

Wer in einem der iglus übernachten möchte, kann sich auf der Internetseite von Allgäu-Events informieren.

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