Meisterstücke -

Bayerisches Feinheitsgebot Anlagenbau Pöschl: Sudhäuser vom Chiemsee

Anlagenbauer Helmut Pöschl plante bei der Gründung, nur den Umkreis beim Chiemsee zu beliefern. Heute lautet sein Fazit: Es kommt immer anders als man denkt.

Helmut Pöschl Anlagenbau Pöschl
Anlagen für die Getränke-, Lebensmittel- und Pharmaindustrie werden bei Pöschl Anlagenbau gefertigt. Knapp 50 Mitarbeiter hat der Familienbetrieb. Darunter auch Frau Isolde und Tochter Christina (links).... -

Sepp, wenn was ist, meld’st dich bitte“, ruft Helmut Pöschl dem jungen Monteur hinterher, der sich gerade auf den Weg zum Münchner Flughafen macht. Es geht nach Südkorea. Pöschls Mitarbeiter wird ein Hackwerk für eine Brauanlage montieren, das im Betrieb in Hart am Chiemsee gefertigt wurde. Dort entstehen maßgeschneiderte Behälter, Apparate oder ganze Anlagen für die Getränke-, Lebensmittel- und Pharmaindustrie.

Weißwurst und Bier für die Mitarbeiter


Beim Einbau eines Hackwerks sei höchste Präzision gefragt, erklärt Pöschl. Deshalb vertraut der Firmenchef die Montage nicht etwa einem Subunternehmer an, sondern schickt seine eigenen Leute zum Kunden. Die Mitarbeiter zum Flughafen zu bringen, sei dabei normalerweise Chefsache. Besonderer Service: " Da gibt’s dann noch eine Weißwurst und Weißbier im Münchner Airbräu“, erzählt Pöschl und lacht. Heute muss seine 24-jährige Tochter Claudia den Fahrdienst übernehmen.

Weltkarte: Eine Stecknadel pro Anlage


Helmut Pöschl hat vor 25 Jahren die Firma Pöschl Anlagenbau gegründet. Mit 48 Mitarbeitern entstehen dort Anlagen vor allem für Sudhäuser in Gasthaus- oder Industriebrauereien. Das Produktionsspektrum ist breit und umfasst zudem Behälter, Apparate oder ganze Anlagen für Molkereien sowie die Pharma- und Lebensmittelindustrie. Von der Planung über die Konstruktion bis hin zur Montage und Inbetriebnahme und Wartung bietet Pöschl ein breites Angebot an Dienstleistungen im Anlagen- und Apparatebau – und das weit über die Grenzen des Landkreises ­hinaus.


Dass der 58-Jährige seine Leute einmal in die ganze Welt schicken würde, um die bayerischen Anlagen zu montieren, damit hätte Pöschl 1990 niemals gerechnet. "Ich dachte damals, dass an dieser Stelle vielleicht eine Karte vom Landkreis hängen würde“, erzählt er, während er auf eine große Weltkarte mit vielen kleinen, stecknadelförmigen Lämpchen zeigt. Sie signalisieren, wo überall seine Anlagen stehen. Grün für die, die sich in der Montage befinden wie jene Anlage in Südkorea. Gelb markiert sind die Anlagen, die in Auftrag sind. Rot für die, die in Betrieb sind: Mongolei, Japan, die USA, China, Malaysia, Afrika, Indien, Großbritannien, die Ukraine und natürlich auch Deutschland. Die Liste ließe sich weiterführen und spricht für den Erfolg, den das mittelständische Familienunternehmen weltweit hat, das tief in Bayern verwurzelt ist und weiterhin zahlreiche Kunden in der Region betreut.

Die Karriereleiter: Vom Kaufmann zum Gründer


Weil Pöschl bei der Gründung nicht so groß geplant hatte, startete er erst einmal nur mit zwei Mitarbeitern, wobei von Selbstständigkeit zu Beginn seiner Karriereplanung gar keine Rede war. Der Sohn einer Chieminger Bauernfamilie interessierte sich zwar schon in seiner Jugend für das Handwerk. Auf elterliches Drängen hin machte er nach dem Realschulabschluss jedoch eine Ausbildung zum Kaufmann. 1981 begann er bei einem Anlagenbaubetrieb zu arbeiten – angestellt im Büro, nicht auf der Baustelle. Das sollte sich aber schnell ändern. Dem Mitte Zwanzigjährigen fehlte Erfahrung im Bau und der Montage von Anlagen, er brauchte dieses Wissen aber für die Arbeit im Büro. Deshalb sollte er für drei Monate draußen sein und sehen, was seine Kollegen auf den Baustellen leisten.

Rohrleitungsbau auf Baustellen mit zwei Mitarbeitern.
Fertigung von Hack- und Rührwerken, komplexe Bauteile aus Stahl, Metallbau.
Spezialisierung auf hochlegierten Stahl (20 Mitarbeiter).
Erster Auszubildender im Behälter- und Apparatebauerhandwerk.
Bau der ersten Anlage für die pharmazeutische Industrie (30 Mitarbeiter).
2013 Medizintechnik
Die Anlagen stehen vor allem in Asien (40), in Europa (38) und den USA (27), vereinzelt in Russland, Südamerika und Afrika. Vertrieb, Konstruktion und Herstellung erfolgen durch Pöschl Anlagenbau. Im Brauereisektor kooperiert der Betrieb mit Planungsbüros (48 Mitarbeiter).

Lieber Baustelle als Büro


"Ich wollte nicht mehr zurück ins Büro“, erzählt Pöschl heute von seinem Entschluss, die Karriere als Kaufmann zu beenden und seinem Jugendwunsch nach einer Arbeit im Handwerk zu folgen. Ein kleiner Schritt von vielen, der ihn zu einem erfolgreichen Mittelständler gemacht hat. Mit der Erfahrung und dem angeeigneten Wissen arbeitete er fortan in der Firma als Baustellenleiter – bis er das Unternehmen verließ.

"Wir hatten Schnee in der Werkstatt"

Ehemalige Kunden waren es, die Pöschl dann ermunterten, sich selbstständig zu machen. Und so richtete er sich 1990 mit seinen zwei Mitarbeitern in einem alten Bauernhof eine provisorische Werkstatt ein. Der Start war nicht unbedingt einfach: "Das Dach war undicht. Deshalb hatten wir im Winter in der Werkstatt auch mal Schnee.“ Angefangen im Rohrleitungsbau für Baustellen kamen Jahr für Jahr weitere Arbeitsfelder hinzu, ein neues Betriebsgelände, ISO-Zertifizierungen, neue Gebäude, eine eigene Kons­truktionsabteilung und viele neue Mitarbeiter.

Familienunternehmen mit drei weiteren Teilhabern


Heute führt er das Unternehmen gemeinsam mit drei weiteren Teilhabern. Auch die ganze Familie ist involviert: Frau Isolde kümmert sich um die Arbeitskleidung und den Hausservice, Tochter Claudia arbeitet in der Verwaltung und im Büro. Tochter Christina leitet das Marketing und schließlich ist da noch Sohn Benedikt, der in dem Familienbetrieb eine Ausbildung zum Behälter- und Apparatebauer im dritten Lehrjahr absolviert. Ob er einmal in die Fußstapfen des Vaters treten soll, das ist noch nicht sicher. „Wenn er reinwill, dann kann er in die Geschäftsleitung einsteigen“, sagt Pöschl sichtlich gelassen.

Erfolg kann man sich teilen


Über die Nachfolge scheint er sich keine Sorgen zu machen. Das könnte auch daran liegen, dass die ganze Verantwortung für den 50-Mann-Betrieb nicht nur auf seinen Schultern lastet. Da sind noch drei Teilhaber, die sich mit Pöschl die unternehmerischen Aufgaben teilen. Mancher fürchte sich davor, Mitarbeiter am eigenen Unternehmen zu beteiligen. Dem steht Pöschl pragmatisch entgegen: „Ich sehe das so: Wenn ich jemanden auf dem Weg mitnehme und zum Erfolg führe, dann habe auch ich Teil an dessen Erfolg.“

Kein Märchen vom König Kunde


Mehr als 100 Brauereien und Gastbrauereien weltweit hat Pöschl Anlagenbau mit den kupfernen Sudhäusern beliefert – von Manhattan über Puerto Rico bis nach Kiew. Pöschl kooperiert im Brauereisektor mit Planungsbüros. Seit Anbeginn setzt er auf die Erfolgsformel „der Kunde ist König“. Bei dem Unternehmer aus Bayern soll das keine leere Worthülse sein: „Bei uns wird der Kunde sofort zurückgerufen. Der Kunde muss uns nicht hinterherlaufen. Gibt es Reklamationen, zögern wir nichts hinaus, sondern begreifen das als Chance zu lernen und packen sofort an – auch wenn der Fehler beim Kunden liegt.“ Die Kunden sind laut Pöschl zufrieden – so zufrieden, dass er seit zehn Jahren keine einzige Mahnung verschicken musste und er kontinuierlich neue Aufträge erhalte.

Kunden aus Afrika haben es bei Pöschl schwer

Nicht immer läuft alles so glatt ab. Pöschl denkt dabei an eine Anlage in Afrika aus dem Jahr 2000, für deren Abwicklung ursprünglich sechs Monate geplant waren. Er erzählt, dass der Kunde plötzlich kein Geld mehr hatte. Dann kam das Geld, es fehlte aber noch Baugrund. Endlich schien alles bereit: Geld, Baugrund, alles da. Wenn da nicht der Kunde begonnen hätte, den falschen Grund zu bebauen.

Ein langes Hin und Her, Baustart, Baustopp. Schließlich musste noch der deutsche Botschafter hinzugezogen werden. „Nach acht sehr langen Jahren wurde die Anlage wieder verkauft“, erzählt Pöschl. Seitdem gehe er an Aufträge aus Afrika mit Vorsicht heran.

Manche der Anlagen kehren sogar wieder an ihren Entstehungsort zurück. So wie jene, die nach 19 Jahren wieder am Chiemsee steht, um überholt zu werden. Zuerst die USA, dann Australien und nach der Kur am Chiemsee geht es mit dem Schiffs­container zu ihrem nächsten Bestimmungsort Thailand.

Ein amerikanisches Diner für die Mitarbeiter


So wie der Sepp in Südkorea können bei Pöschl viele seiner Mitarbeiter internationale Luft schnuppern. Die besondere Mitarbeiterbetreuung gibt es aber nicht nur am Flughafen. Es genügt, sich um 12 Uhr zum Mittagessen zu begeben. Das gewisse Etwas hat nämlich auch der Aufenthaltsraum, der einem amerikanischen Diner nachempfunden ist. Dort kann man in die 1950er-Jahre eintauchen, sich auf bequemen roten Ledersofas fläzen und warmes Essen auf Bestellung bekommen. Bei Pöschl ist eben nicht nur der Kunde König.

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