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Henning Vöpel vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut "Amazon kann ein komplettes ­Ökosystem Handwerk organisieren"

Die Digitalen Plattformen schieben sich zwischen Handwerker und Kunde. Was das für die Betriebe bedeutet und wie sie am besten reagieren können, erklärt Henning Vöpel vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut.

Herr Vöpel, digitale Plattformen schießen derzeit wie Pilze aus dem Boden. Warum ist das so?

Auf Plattformen können Anbieter und Kunden optimal zusammengebracht werden. Plattformen stellen Transparenz auf einem Markt her, der gerade bei Handwerksleistungen oft unübersichtlich ist, was Qualität und Verfügbarkeit betrifft. Die Plattform kann die individuellen Kundenbedürfnisse besser erfüllen als jeder einzelne Anbieter, weil die Plattform aus allen Anbietern auswählen kann. Der Kunde muss nicht selbst recherchieren. Die Plattform kann natürlich keine der Handwerksleistungen besser ausführen als der Handwerker um die Ecke, aber sie kann die bestmögliche Lösung zum nächstmöglichen Zeitpunkt vermitteln.

Wie funktionieren die Plattformen?

Daten können heutzutage massenhaft und in Echtzeit verarbeitet werden. Das Vehikel dafür sind Plattformen; sie führen Daten zusammen und werten diese optimal aus. Je mehr Daten, desto größer der Vorteil einer Plattform, die die Daten zusammenführt. Plattformen sind quasi digitale Intermediäre: Sie schieben sich zwischen Produzenten und Konsumenten und vermitteln direkt zwischen diesen. Klassische Beispiele sind Hotelreservierungsplattformen oder auch Uber oder Airbnb. Diese Plattformen brauchen dazu weder Autos oder Wohnungen noch Branchenwissen. Es reichen die Daten, um diese Funktion wahrzunehmen.

Ist persönliche Kundenbeziehung heute nicht mehr wichtig?

Doch, gerade bei Dienstleistungen handelt es sich oft um Vertrauensgüter. Es ist wichtig, sich in guten Händen zu wissen, das ist beim Arzt genauso wie beim Handwerker. Deshalb bieten Plattformen ja auch Bewertungen an, denn neben dem Preis zählt, natürlich immer auch die Qualität und Zuverlässigkeit.

Nehmen Plattformen dem lokalen Handwerker Geschäfte weg?

Das ist zweischneidig. Plattformen können über eine effiziente Vertriebsstruktur auch zusätzliche Geschäfte bringen, die ohne Plattformen nie zustande gekommen wären. Richtig ist aber, dass Plattformen Marge von den einzelnen Anbieter abziehen, sie zahlen quasi einen Preis für die Nutzung der Vertriebsplattform. Der Konkurrenzkampf wird auf jeden Fall intensiver und härter.

Der Markt an Plattformen ist sehr kleinteilig und unübersichtlich. Ist für diese ganzen Anbieter Platz?

Viele Anbieter versuchen gerade, selbst Plattformen aufzubauen. Die Logik von Plattformen ist aber, dass sie effizienter sind, je größer sie sind. Es wird daher vermutlich schon bald zu einer Konsolidierung kommen. Nicht alle können und werden überleben, viele werden wieder verschwinden, einige wenige übrig­bleiben.

Manche Plattformen sind reine Vermittler andere sind als Handwerksbetrieb mit eigenen Angestellten organisiert. Welches Modell ist im Vorteil?

Eindeutig die erste Variante, denn der Vorteil von Plattformen liegt ja gerade darin, viele verschiedene Leistungen vieler verschiedener Anbieter zu integrieren. Das ist die eigentliche Effizienz des Plattformmodells. Die Skalierung der Handwerksleistungen selbst ist eher gering, denn Handwerk bleibt vorerst – bis sich 3D-Druck und Künstliche Intelligenz weiterentwickelt haben – eher ein personalintensives Geschäft.

Betrifft das Plattformthema alle Handwerksbranchen oder gibt es welche, die davor gefeit sind?

Ja, die Effizienz von Plattformen endet dort, wo lokale Lösungen anfangen. Das betrifft die Frische von Produkten und die Nichthandelbarkeit von Gütern und Dienstleistungen. Alles das, was weniger gut standardisierbar ist, hat eine gute Chance, als Einzelanbieter zu ­über­leben. An Alleinstellungsmerkmalen zu arbeiten und nicht kopierbar zu werden, ist daher eine gute Strategie.

Die Konjunktur im Handwerk läuft derzeit prächtig. Wem spielt das in die Karten? Den Plattformen oder stationären Betrieben?

Bei guter Konjunktur und hoher Auslastung sind Plattformen für Kunden häufig die einzige Möglichkeit, überhaupt noch einen Anbieter zu finden. Der Zulauf zu Plattformen ist daher in diesen Zeiten besonders hoch. Es bleibt aber auch danach bequem, sich über Plattformen zu informieren und den für sich besten Anbieter zu wählen. Bei geringerer Auslastung steigt umgekehrt der Druck einzelner Anbieter, über Plattformen Kunden zu finden. Also: Das Phänomen der Plattformen ist kein konjunkturelles, sondern ein strukturelles. Über sie werden in Zukunft der Markt und der Wettbewerb organisiert.

Halten Sie es für möglich, dass ein Weltkonzern wie Amazon künftig Handwerkerleistungen anbietet?

Ja, das ist nicht nur denkbar, sondern sogar wahrscheinlich. Amazon liefert das Material günstig und pünktlich und vermittelt dazu den passenden Handwerker. Handwerksbetriebe haben – wie heute schon Hotels – dann kaum noch eine andere Wahl, als ihren Vertrieb über Amazon abzuwickeln. Wer nicht auf Amazon ist, wird schlicht nicht gefunden. ­Amazon ist in der Lage, ein kom­plettes Ökosystem "Handwerk" zu organisieren.

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