Meinung -

Leitartikel Altersvorsorge: Solisten muss man einbinden

Die Renten-Diskussion lenkt den Blick auf die Altersvorsorge Solo-Selbstständiger. Eine Verpflichtung zur Vorsorge wäre sinnvoll.

Die Rentenerhöhung im Sommer und eine Studie des WDR zur Altersarmut haben die Altersvorsorge und die Defizite des Rentensystems ins Rampenlicht gerückt. Kern des Problems ist, dass demografiebedingt immer weniger Jüngere für die Altersvorsorge von immer mehr Älteren aufkommen müssen.

Um diese Lücken zu schließen, sollten zwei weitere Säulen des Rentensystems gestärkt werden: die private Vorsorge und die betriebliche Altersvorsorge (bAV). Doch beide Alternativen werden erstens nicht so angenommen wie erhofft. Und sie offenbaren gerade jetzt ihre Defizite, denn sie sind abhängig von den Entwicklungen an den Finanzmärkten, was mit der derzeitigen Niedrigzinsphase überaus deutlich wird. Ein Vermögen im Alter ist damit nur schwer aufzubauen, ein Ende der Phase schmaler Renditen nicht abzusehen.

Vorsorge unterbleibt oft mangels Einnahmen

Das Renditeproblem lenkt den Blick aber auf eine weitere Baustelle. Mit der Reform der Handwerksordnung 2004 sind viele Handwerksbetriebe in den zulassungsfreien Branchen der Anlage B1 entstanden. Diese sind grundsätzlich nicht verpflichtet, Beiträge in die gesetzliche Rentenversicherung (GRV) einzuzahlen, erwerben von dort also auch keine Ansprüche.

Deren Betriebsgröße wiederum ist aber oft so klein, dass Umsätze und Gewinn sehr gering ausfallen. Zum Großteil sind es Selbstständige, die ihr Geschäft ohne weitere Mitarbeiter führen. Der Anteil dieser Solo-Selbstständigen liegt nach einer Erhebung des Instituts für Mittelstand und Handwerk bei rund 42 Prozent aller Handwerksbetriebe. Es ist anzunehmen, dass diese Betriebsinhaber hauptsächlich privat vorsorgen – oder mangels Einnahmen überhaupt nicht.

Schließlich lohnen gerade viele Produkte nicht, die nur mit kleinen Kapitalbeiträgen gefüttert werden. Abschluss- und Verwaltungskosten für Lebens- und Rentenversicherungen fressen mögliche Renditen auf. Die Gefahr, dass diese Personengruppe im Alter zu wenig haben wird, ist groß.

Verpflichtung zur Vorsorge wäre gut

Wenn sich die Regierung des Systems Altersvorsorge annehmen will, dann sollte Sozialministerin Andrea Nahles (SPD) ihre Ankündigung umsetzen, diese Solo-Selbstständigen unbedingt zu einer Mitgliedschaft in der GRV oder gegebenenfalls zu einer privaten Vorsorge zu verpflichten.

Für eine Reform sind deshalb weitere Dinge auch mit Blick auf diese Zielgruppe wichtig: Private Vorsorgeprodukte müssen endlich für jedermann verständlich werden. Damit steigen die Kompetenz, aber auch der Wille, sich für ein Produkt zu entscheiden. Außerdem müssen die Kosten für solche Produkte gedeckelt werden, damit eine Mindestrendite erzielt werden kann.

Rentenversicherung muss aus zusätzlichen Quellen finanziert werden

Die betriebliche Altersvorsorge (bAV) muss unter denselben Vorzeichen verbessert werden. Auch deren Nachfrage leidet unter der Angst vor zu viel Bürokratie und mangelnder Transparenz. Die Belastung der Rentenauszahlungen aus der bAV mit Sozialversicherungsbeiträgen macht sie zusätzlich unattraktiv.

Was aber entscheidend ist für eine nachhaltige Reform, ist die Stärkung der gesetzlichen Rentenversicherung. Will man diese Art der Vorsorge zukunftsfest machen, muss der Gesetzgeber ihre Finanzierung selbstbewusst auf breitere Füße stellen. Es ist zum Beispiel nicht mehr zu vermitteln, warum Beamte nicht in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen. Für deren Pensionen muss schließlich der Steuerzahler aufkommen. Auch über andere Personengruppen ließe sich nachdenken.

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