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30 Jahre deutsche Einheit Als Büchsenmacher vom Westen in den Osten

Wie ein Feinmechanikermeister aus dem Odenwald im Erzgebirge ankommt, wo eine unterirdische Schießanlage optimale Bedingungen für die Qualitätskontrolle der Präzisionsgewehre aus seiner Manufaktur bietet.

Die Öffnung der deutschen Grenze, gefolgt von der Wiedervereinigung vor 30 Jahren, war vor allem für die Ostdeutschen ein Aufbruch zu neuen Ufern. Viele ehemalige DDR-Bürger haben ihre ursprüngliche Heimat verlassen, wagten in den alten Bundesländern einen beruflichen Neuanfang. Manfred Schmitt hat vor gut drei Jahren die andere Richtung eingeschlagen, ist vom Odenwald ins Erzgebirge gezogen. Heute sagt der Büchsenmacher: "Ich bin voll integriert."

Dabei verrät sein badischer Zungenschlag jedem Einwohner von Niederlauterstein bei Marienberg, dass der neue Besitzer des ehemaligen Gasthofes im Dorf ein "Uhiesschr" ist. Ein Fremder also, denn auch im Erzgebirge spricht man Dialekt. Mit der Verständigung klappt es trotzdem. Manfred Schmitt ist Mitglied im Heimatverein und bei der Freiwilligen Feuerwehr. "Wir fühlen uns hier pudelwohl", sagt Schmitt und schließt dabei seine aus Norwegen stammende Frau May mit ein.

30 deutsche Meistertitel im Sportschießen

Der Wechsel von West nach Ost liegt auch bei Manfred Schmitt im Job begründet. Der handwerkliche Tausendsassa hat schon mehrere berufliche Metamorphosen hinter sich gebracht – vom gelernten Elek­troinstallateur über den Feinmechanikermeister bis hin zum Büchsenmacher, zu dem er über das gemeinsame Hobby in der Familie kam. Mit ihrem Sohn Leif-Erik, der in Essen wohnt, teilen die Eltern die Leidenschaft für das Sportschießen, haben zusammen schon mehr als 30 deutsche Meistertitel gewonnen.

Weil Manfred Schmitt mit Präzisionsgewehren, die er bei einem Custom-Büchsenmacher bestellt hatte, unzufrieden war, baute er seine Sportgeräte lieber selbst. Als Feinmechanikermeister mit Erfahrungen in der Motorsportabteilung von Yamaha Deutschland brachte der Tüftler genügend technisches Know-how mit. Mit einem Scharfschützengewehr nach Militärstandard hat er schließlich vor der Handwerkskammer Heilbronn-Franken seine Qualifikation als Büchsenmacher nachgewiesen.

Qualitätskontrolle im Wasserstollen

Doch im Einfamilienhaus in Heiligkreuzsteinach bei Heidelberg, wo Schmitt seine Präzisionsgewehre fortan baute, stieß er schnell an Grenzen. Über einen Insidertipp erfuhr er vom Schützenverein Mittleres Erzgebirge, der in Marienberg eine europaweit einzigartige Schießanlage betreibt. In einem stillgelegten Wasserstollen können hier die Schützen untertage ohne die Einflüsse von Wind oder wechselnden Lichtverhältnissen schießen – auf Ziele in bis zu 500 Metern Entfernung. Dazu ist der Stollen mit hochsensibler Mess- und Sicherheitstechnik ausgerüstet – ideale Bedingungen, um Präzisionsgewehre zu testen, wie sie in der Manufaktur STL Rifles entstehen.

STL steht für Schmitts Technische Lösungen. Und die genießen bei Sportschützen, Jägern und Behörden einen erstklassigen Ruf. Hunderte deutsche und internationale Meistertitel wurden mit den Großkaliber-Präzisionsgewehren von STL schon gewonnen. "Ich habe irgendwann aufgehört mitzuzählen", sagt Schmitt, der das Sportschießen inzwischen aufgeben musste. Dafür seien die Augen nicht mehr gut genug. Aber auf der Jagd, die er nun leidenschaftlich betreibt, ist immer noch jeder Schuss ein Treffer. Auch, weil er nicht auf Fabrikmunition vertraut, sondern seine Patronen lieber selbst in Handarbeit herstellt. Im ehemaligen Gasthof "Zur Burgruine", den Schmitt als neuer Eigentümer saniert, ist neben Werkstatt und Wohnung auch ein Schlachthaus entstanden, wo der örtliche Fleischer die Jagdbeute zerlegen kann. Für die Wurstküche fehlt nur noch die behördliche Genehmigung. Familie Schmitt fühlt heimisch im Erzgebirge.

Im Erzgebirge angekommen

Mit offenen Armen wurde der Büchsenmacher aber nicht empfangen. "Die Erzgebirger waren anfangs zurückhaltend, dachten wohl, da kommt wieder so ein Beute-Wessi", blickt Schmitt zurück. Der Vorstand des Heimatvereins hätte kritische Fragen nach seinen Vorhaben gestellt, zudem habe es aus Kirchenkreisen Vorbehalte gegenüber einem Waffenbauer gegeben. Das scheint inzwischen ausgeräumt.

Manfred Schmitt und seine Frau sind im Erzgebirge angekommen, haben sich mit der Mentalität ihrer Nachbarn schnell angefreundet. "Hier gelten noch die alten Werte, wie ich sie aus meiner Jugend kenne. Ein Handschlag zählt noch etwas", sagt Schmitt, der sich noch gut daran erinnert, wie er vom Mauerfall erfahren hat. "Ich arbeitete damals an der TU Darmstadt, wo wir einen Motor für die Formel 3 entwickelten. Nach einem späten Feierabend habe ich in den Fernsehnachrichten gesehen, was passiert war." Dass er sich einmal auf der anderen Seite der Grenze niederlassen würde, hätte er sich damals aber noch nicht vorstellen können.

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