Zum Schluss der Ausbildung -

Von der Ausbildung in die Selbstständigkeit Als Azubi den Schritt in die Selbständigkeit meistern

Das althergebrachte Beschäftigungsmodell Schule-Ausbildung-Arbeitsplatz-Rente muss nicht mehr sein. Die Selbstständigkeit kann ein Weg sein, die eigenen Vorstellungen von Arbeitsgestaltung und Kundenverständnis zu realisieren. Wir geben Tipps, auf was zu achten ist.

Die mündliche Prüfung ist bestanden, du hältst deinen Berufsabschluss frisch unterschrieben in der Hand. Jetzt stehen dir viele Wege offen. Du hast bereits in der Ausbildung gespürt, dass du das Steuer lieber selbst in die Hand nehmen willst, anstatt in die Rolle des Arbeitnehmers zu schlüpfen? Wir zeigen dir hier einen möglichen Weg, deinen eigenen Handwerksbetrieb zu gründen.

Möglichste viel bereits im Unternehmen kennen lernen

Die meisten Azubis durchlaufen während ihrer Ausbildung mehrere Abteilungen. Das ist wichtig, um Kontakte mit der Arbeitswelt zu knüpfen sowie ihre Prozessen und betrieblichen Organisation kennen zu lernen. Allerdings ist es nochmal etwas anderes, auf einer Vollzeitstelle das Erlernte einzusetzen. Schließlich ist man mit Abschluss der Ausbildung bewiesenermaßen fachkundig und muss das auch zeigen.

Azubis genießen noch Welpenschutz

Allerdings war man als Azubi immer noch ein bisschen das Nesthäkchen. Falls einmal Fragen aufgekommen sind, gab es immer einen Ansprechpartner. Mit dem Ende der Ausbildung erlischt dieser Ausbildungsschutz – das fühlt sich ganz anders an und bringt deutlich mehr Eigenverantwortlichkeit mit sich.

Ein richtiger Job bringt auch viel Verantwortung mit sich

Naturgemäß kommt mit dem ersten richten Job auch richtige Verantwortung. Eigenverantwortliches Handeln ist im Vollzeitjob Prämisse. Daher ist es empfehlenswert, auch wenn der Wunsch zur Selbstständigkeit schon in der Ausbildung besteht, dennoch zumindest für ein Jahr einer Vollzeitbeschäftigung nachzugehen. Das hat verschiedene Vorteile.

Teamgeist

Bisher hast du als Azubi schon in Gruppen an Projekten gearbeitet oder Zuarbeiten erledigt. Nun ist deine Rolle aber die des Kollegen. Auch hier braucht jeder Erfahrung, Einfühlungs- und Durchsetzungsvermögen. Das kannst du in einem Jahr im Job gut ausloten, vor allem aus dem Blickwinkel eines möglichen späteren Arbeitgebers.

Führungsarten

Dein Vorgesetzter führt dich. Bei größeren Betrieben hat er selbst einen Vorgesetzten. Hier kannst du dir allerlei abschauen. Wie viel Vertrauen schenken sie dir zu Beginn? Werden die Anforderungen genau formuliert, das Ziel abgeglichen, am Ende gelobt? Stellt man dir ausreichende Arbeitsmittel zur Verfügung, damit du deinen Job gut machen kannst?

Arbeitsumfeld

Büro-Schreibtisch, Werkbank, Außeneinsatz: Schau dir dein Arbeitsumfeld genau an. Würdest du es auch so oder anders gestalten? Was hilft dir, was schränkt dich ein? Das sind wichtige Erkenntnisse für deine Zeit als Selbstständiger.

Prozesse / Organisationsstrukturen

Schlanke Prozesse müssen entwickelt werden, sie wachsen und werden mit der Zeit optimiert. Du kannst als Arbeitnehmer ganz gut beobachten und lernen, wie es andere machen. Schau dir an, was funktioniert. Und lerne einen unsterblichen Satz kennen, der bei jedem Veränderungsmanagement verabscheut wird: "Das machen wir hier schon immer so."

Kaufmännisches Fachwissen aneignen

Wichtiges Basiswissen für Selbstständige, vor allem das kaufmännische Verständnis, wird allerdings in der Regel nicht im Erstjob vermittelt – es sei denn, deine Stelle dreht sich zufällig genau da herum. Zwar hast du vielleicht schon in die Büro-Organisation reinschnuppern können, das ist jedoch nur ein Teil. Als Selbstständiger gehören das Anfertigen von Angeboten und Kalkulationen zum Alltag. Doppelte Buchführung sollte dir bekannt sein. Falls du hier richtig fit werden möchtest, kannst du einen kaufmännischen Grundkurs absolvieren. In der Regel sucht man sich zudem einen Steuerberater.

Gewerbe oder freier Beruf?

Als Selbstständiger bist du kein "Beschäftigter" im Sinne des deutschen Arbeits- und Sozialrechts: D u bist nicht weisungsgebunden und stellst deine Arbeitskraft deinen Kunden zur Verfügung, nicht deinem Arbeitgeber. Finde zunächst heraus, welche Art Selbstständiger du bist: Gewerbetreibender oder Freiberufler. Als Freiberufler musst du keine Gewerbesteuer zahlen und die Buchführung ist deutlich einfacher. Was zu den freiberuflichen Tätigkeiten zählt, kannst du im Einkommensteuergesetz nachlesen. Wer nicht dazugehört, muss ein Gewerbe anmelden – und wird damit steuerpflichtig.

Die Kategorisierung ist manchmal nicht ganz einfach. Das Finanzamt hat das letzte Wort über deinen Status. Hole dir rechtzeitig die nötigen Auskünfte ein, damit du später keine Gewerbesteuer nachzahlen musst.

Nebenberufliche Selbstständigkeit bietet Sicherheit

Der Schritt in die Selbstständigkeit ist stets ein finanzielles Risiko. Du kannst dich allerdings ausprobieren, wenn du nebenberuflich selbstständig wirst. So hast du einen regelmäßigen Gehaltseingang und die Möglichkeit, nebenbei dein eigenes Ding hochzuziehen. Wir empfehlen, dich mit deinem Arbeitgeber abzusprechen. Für diesen ist es in Deutschland schwierig, dir dein Vorhaben zu verbieten, es sei denn, es beeinträchtigt deine Leistung in deinem Hauptjob oder du stehst ihm als Konkurrent oder Schadensverursacher gegenüber. Eine offene Aussprache schafft Vertrauen.

Selbstständigkeit bringt auch Pflichten mit sich

Die Selbstständigkeit bringt nicht nur Freiheiten mit sich, sondern auch Verpflichtungen. Außerdem musst du gewisse Handlungsnotwendigkeiten anerkennen, von denen dein Erfolg abhängt. Wir zeigen, was dich als Selbstständiger erwartet.

  • Gewerbeanmeldung: Ob du das machen musst, hängt von deiner Tätigkeit ab (siehe oben). Ist deine Tätigkeit freiberuflich, kannst du loslegen und gibst deine Gewinn-Einkünfte in deiner nächsten Einkommensteuererklärung an.
  • Buchhaltung und Versteuerung deiner Einnahmen: Darum musst du dich selbst kümmern, anders als ein Angestellter.
  • Krankenversicherung: Du musst zwischen einer privaten Kasse oder der freiwilligen gesetzlichen Krankenversicherung wählen.
  • Krankheitstage bedeuten Umsatzausfall: Bist du oft krank, kann es hart für dich werden – oder du rechnest das in deinen Stundensatz ein.
  • Kundenakquise: Du musst immer Aufträge in der Pipeline haben. Leerlauf darf es niemals überraschend geben, höchstens geplant zur Urlaubszeit.
  • Motivation: Durchhängen gilt nicht. Während manch einer im Angestelltenverhältnis auch mal Phasen hat, wo er nur körperlich am Arbeitsplatz anwesend ist, musst du dich als Selbstständiger immer wieder selbst zur Leistung motivieren.

Selbstständigkeit bringt auch Chancen mit sich

Auf der anderen Seite hat die Selbstständigkeit aber auch viele schöne Seiten. Es bedeutet für dich

  • unabhängig statt weisungsgebunden zu arbeiten,
  • deine eigenen Arbeitsprozesse zu optimieren und das für dich perfekte Arbeitsumfeld zu schaffen,
  • deine Zeit selbst einteilen zu können,
  • neue Ideen einfach umsetzen zu können, anstatt sie beim Prozess-Management in den Zettelkasten zu werfen und zwei Jahre zu warten.

 Fazit: Selbständigkeit gut überlegen

Die Selbstständigkeit bringt dir viele attraktive Chancen, dich selbst zu verwirklichen. A ber vor dem Schritt in die Selbständigkeit solltest du noch einmal in dich gehen und fragen, was du leisten kannst, was du überhaupt nicht tun möchtest und was du genau erreichen willst. Das Angestelltenleben mit seinen Einschränkungen in der freien Entfaltungsmöglichkeit kann mit geregelten Arbeitszeiten deutlich entspannter sein.

Autor-Info

Oliver Bodenhaupt

Oliver Bodenhaupt ist Ansprechpartner für Gründer bei SmartBusinessPlan. Seine Spezialgebiete sind Entrepreneurship und User Experience Design. Neben der Arbeit geht er zum Bouldern in Berlin.

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