Meisterstücke -

Die Spicher GmbH vernetzt Alarmsysteme Alles unter Kontrolle

Igor sorgt für Sicherheit. Wer jetzt an einen Mann im dunklen Trenchcoat mit kurzgeschorenem Schädel und Sonnenbrille denkt, liegt natürlich falsch. Igor ist kein Verschnitt eines halbseidenen Türstehers oder Geldeintreibers mit russischem Akzent. Eigentlich gibt es Igor gar nicht. Denn Igor ist ein elektronisches Managementsystem, erdacht und programmiert in einem Handwerksbetrieb in Halle an der Saale.

Spicher GmbH
Andrea Ludwig hat mit Beginn dieses Jahres die Geschäftsführung der Spicher GmbH von ihrem Vater und Firmengründer Jürgen Spicher übernommen. -

Igor steht für Integrated General Operation Requester. Das Alarm-Management-System der Spicher GmbH zeugt beispielhaft von der Innovationsfähigkeit im Handwerk. Geboren in einer Notsituation, hat das Entwicklerteam eine Software geschaffen, die verschiedene Sicherheitssysteme miteinander verknüpft und die es erlaubt, ohne großen Personalaufwand ein Objekt von einer Zentrale aus komplett zu überwachen. So wie es sich zum Beispiel das Justizministerium des Landes Sachsen-Anhalt für das Gefängnis in Halle wünschte.

Unglaubliche Energieleistung

Bei dem Auftrag zur Modernisierung der Sicherheitsanlagen in der Justizvollzugsanstalt hatte Spicher auf einen Partner vertraut, der plötzlich ausfiel. "Es blieb uns gar nichts anderes übrig, als die Programmierarbeiten selbst zu übernehmen. Und das bei hohem Zeitdruck", erinnert sich Firmengründer Jürgen Spicher an die Geburtsstunde von Igor. "Meine Leute haben in einer unglaublichen Energieleistung dieses Projekt gestemmt. Es stand viel auf dem Spiel", sagt Spicher.

Dabei kam dem Unternehmer seine langjährige Zusammenarbeit mit Forschungseinrichtungen zugute. Schon 2008 hat er mit der Hochschule Merseburg ein duales Studiensystem eingeführt. Seither haben acht Studenten bei Spicher ihre Bachelor-Abschlussarbeiten geschrieben.

Schnittstelle kennt alle Sicherheitssysteme

Einer der ehemaligen Studenten ist Jan Kotte. Er steht an einem weiß-blauen Gehäuse mit drei Bildschirmen und demonstriert die Funktionsweise von Igor. Der auf einem Monitor dargestellte Plan gibt den Überblick über alle Gebäude des Gefängnisses, in dem verschiedene Sicherheitssysteme Insassen und Wachpersonal "im Auge" behalten. "Früher saßen zwei Leute in der Zentrale und mussten sechs Bildschirme überwachen. Heute hat eine Person alles unter Kontrolle", erklärt Kotte. Tritt eine Störung auf oder wird ein Alarm ausgelöst, macht Igor mit visuellen und akustischen Signalen auf das Problem aufmerksam. Natürlich wird alles penibel protokolliert.

Spicher GmbH
© Foto: Ulrich Steudel

Die eigentliche Innovation aber steckt in der Schnittstelle von Igor. Hier lassen sich alle Sicherheitssysteme anschließen, unabhängig von deren Hersteller, Funktionsweise, Alter oder Kommunikationsstruktur. Durch diese Flexibilität kann das Alarm-Management-System genau an die örtlichen Gegebenheiten und Anforderungen des Auftraggebers angepasst werden. Letztlich funktioniert Igor wie ein Baukastensystem, das in vielen Bereichen einsetzbar ist, nicht nur in Gefängnissen. Auch Krankenhäuser, Altenheime, Museen oder Einkaufszentren verfügen über Sicherheitssysteme, die überwacht und gesteuert werden müssen. "Wir haben schon Anfragen aus mehreren Bundesländern", sagt Andrea Ludwig, die Anfang des Jahres die Geschäftsführung bei Spicher von ihrem Vater übernommen hat.

Jürgen Spicher hat die Firma kurz nach der Wende gegründet, damals mit vier Leuten. Als studierter Kriminalist und Elektrotechniker lag Sicherheitstechnik als Geschäftsidee nahe. Vor allem bei der Einbruch- und Brandmeldetechnik gab es im Osten großen Nachholbedarf. "Wir waren von Beginn an vom Verband der Schadensversicherer zertifiziert, hatten aber keinerlei Referenzen", erinnert sich der Firmengründer. Trotzdem habe er seine Chance bekommen – und genutzt.

Eintrittskarte in den Markt

Für eine große Handelskette, die eine Reihe der ehemaligen Konsum- und HO-Kaufhallen übernommen hatte, entwickelte der Neueinsteiger ein Sicherheitskonzept. "Ich habe eine umfangreiche Fotodokumentation für 20 Kaufhallen erstellt und meine Konzept erläutert", erzählt Spicher. Schließlich bekam er den Auftrag für vier Kaufhallen, in denen er und seine Mitarbeiter ihr Können unter Beweis stellen sollten. Das war die Eintrittskarte.

Heute beschäftigt Spicher mehr als 40 Mitarbeiter in vier Abteilungen: Sicherheits-, Gebäude- und Elektrotechnik. Als vierte Abteilung zählt die Niederlassung in Berlin, die 1998 gegründet wurde und auch als zentrale Ausbildungsstelle eine wichtige Rolle spielt. Das macht Spicher für junge Leute zusätzlich interessant. Mehr als 20 Lehrlinge hat das Unternehmen in den Berufen Kommunikationselektroniker, Elektrotechniker oder als Bürokaufleute bereits ausgebildet.

Kampf den Kostenfaktoren

Außerdem holt Spicher immer wieder Studenten ins Unternehmen. An seine Handwerkskollegen appelliert er: "Traut euch, mit Hochschulen zusammenzuarbeiten." Der Erfolg gibt ihm recht. Mit Unterstützung der Studenten haben die Ingenieure und Techniker von Spicher ein schnittstellenunabhängiges Alarm-Management-System entwickelt.

Inzwischen befindet sich der Bruder von Igor in der Entwicklung. Mit Victor lassen sich zukünftig die Energieverbräuche von Gebäuden überwachen, steuern und optimieren. "Man muss doch nicht die ganze Schule heizen, wenn nur in drei Zimmern unterrichtet wird", sagt Entwicklungsingenieur Kotte. Und Jürgen Spicher ergänzt: "Drei große Kostenfaktoren belasten heute die Unternehmen: Personalkosten, Energie und Sicherheit. Um diese zu minimieren, bieten wir bezahlbare Lösungen." Das rechnet sich auch für das Unternehmen. "Wir verzeichnen ein kleines, aber kontinuierliches Wachstum", sagt der Firmengründer. Im vergangenen Jahr wurden 3,4 Millionen Euro umgesetzt.

Ehrgeiz entwickelt

Für 2013 übt sich Andrea Ludwig noch in Zurückhaltung. "Im ersten Jahr nach der Betriebsübernahme sollten wir keine Wunderdinge erwarten. Aber die Perspektiven sind gut", sagt die neue Chefin, die anfangs gar nicht in die Fußstapfen ihres Vaters treten wollte. "Ich weiß ja um all die Entbehrungen, die meine Eltern wegen der Firma auf sich genommen haben", blickt die Diplom-Volkswirtin zurück. Aber nun arbeitet sie schon seit sieben Jahren im Unternehmen mit, "da entwickelt man den nötigen Ehrgeiz".

Jedenfalls weiß Jürgen Spicher sein Lebenswerk in guten Händen. "Meine Tochter bringt eine sehr hohe Sozialkompetenz mit und wird auf ihrem Weg alle Mitarbeiter mitnehmen", lobt er seine Nachfolgerin und versichert, sich nicht abrupt zurückziehen zu wollen. Langeweile wird bei Jürgen Spicher ohnehin nicht aufkommen. Denn auch als Vorsitzender des Arbeitgeberverbandes Metall-, Elektroindustrie und industrienaher Dienstleistungen Sachsen-Anhalt hat er jede Menge zu tun.

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