Mittelfranken -

Turmuhrenbauer Alles hat seine Zeit …

Der Turmuhrenbauer Gernot Dürr sorgt dafür, dass sich die Zeiger bewegen.

Am 31. März 2019 wird in der EU die Uhr voraussichtlich das letzte Mal auf Sommerzeit umgestellt. Danach bleibt es den Mitgliedstaaten überlassen, ob sie in der Sommer- oder Winterzeit leben möchten. Heißt das, dass wir am Sonntag, 28. Oktober 2018, auch zum letzten Mal die Zeiger um eine Stunde zurückdrehen? Das hat das dafür zuständige deutsche Wirtschaftsministerium noch nicht entschieden. Die Tendenz lautet aber wohl „ja“.

Jede Schraube handgeschmiedet

Jemand, der sich mit der ganz großen Zeit auskennt, ist Gernot Dürr. Denn der Rothenburger ist Turmuhrenbauer. Denkt er öfter über Zeit nach? „Mit zunehmendem Alter immer mehr – tick, tack“, scherzt er. Wie ist das so, in Zeiten der Digitalisierung, der Smartphones, iWatches und des Termindrucks an alten mechanischen Zählwerken zu arbeiten und teilweise mit handgeschmiedeten Zahnrädern ausgestattete Chronographen zu reparieren.

Da winkt der Feinwerkmechanikermeister ab: „Unterschätzen sie nicht unser Handwerk. Auch wir arbeiten mit moderner Technologie.“ Natürlich möchte er bewahren, was geschaffen wurde: „Noch mein Vater hat mechanische Turmuhren hergestellt. Ein Geselle hat dafür rund vier Wochen gebraucht, jede Schraube wurde handgemacht, jedes Zahnrad. Heute könnte das keiner mehr bezahlen. 100.000 Euro würde es kosten.“

In den 70er und 80er Jahren wurden diese mechanischen Uhrwerke jedoch größtenteils ersetzt. Die meisten wurden eingemottet, doch viele landeten auch auf dem Schrottplatz. Da wird der Meister deutlich: „Das war wirklich eine Schande“, schimpft er. „Natürlich müssen wir uns den Bedürfnissen der modernen Zeit anpassen, schließlich muss ich auch wirtschaftlich denken und habe hier nicht nur ein Hobby. Aber wegschmeißen?“

Schon Galileo Galilei pendelte

Doch auch er gibt zu: Moderne Funkuhren gehen einfach genauer. Sie ziehen die Gewichte entweder automatisch auf oder sparen sich die Mechanik gleich ganz und senden pro Minute einen elektrischen Impuls an den Zeiger, den ein Elektromotor dann entsprechend weiterbewegt. Heute geht das alles voll digital. Die alten mechanischen Uhren waren empfindlich. Durch äußere Einflüsse, wie beispielsweise nächtliche Kälte und tägliche Hitze arbeiteten die Werkstoffe, aus denen die Uhr besteht.

„Die Zahnräder dehnen sich aus oder ziehen sich zusammen oder das Öl schmiert nicht mehr so gut – und schon haben sie eine Abweichung“, führt Gernot Dürr aus. Denn in welchem Takt sich das Pendel bewegt, damit alle Zahnräder nach einem festgelegten Umlauf eine Rotation weiterrutschen, ist genau berechnet. Schon Galileo Galilei hat das Pendelgesetz entwickelt. Einfluss auf die Pendelbewegung haben die Länge des Pendels sowie die Gravitation. Kleinste Abweichungen im Ablauf kann man am Minutenzeiger der Uhr außen am Turm ablesen.

Digitales bremst Mechanik

Aber mit Freuden stellt Gernot Dürr fest, dass „aktuell der Trend wieder zurück zum Ursprünglichen geht. Die Menschen scheinen eine Sehnsucht zu haben, die Dinge original zu erhalten.“ Immer mehr Kirchen und Kommunen schließen sich zusammen, um die Finanzierung zu stemmen und ihre Turm- oder Rathausuhren zu sanieren. „Schon mein Vater, von dem ich das Handwerk gelernt habe, hat immer davon geträumt, dass wir die Uhren, die wir zwischen den 60ern und 80ern reihenweise abgeklemmt haben, irgendwann wieder einbauen können.“

Dann gerät er ein bisschen ins Schwärmen: „Schließlich sind unsere Turmuhren auch ein Kulturgut und das Knowhow, das dahintersteckt, darf nicht verloren gehen.“ Und um Ungenauigkeiten zu verhindern, bauen der Meister und seine sechs Mitarbeiter unterhalb des Pendels einen unscheinbaren kleinen Kasten ein. In ihm befindet sich ein Sensor und ein Elektromagnet. Registriert der Sensor eine Abweichung von der festgelegten Pendelgeschwindigkeit, korrigiert der Elektromagnet diese, indem er entweder „anzieht“, also die Gravitation erhöht und damit das Pendel beschleunigt, oder „abstößt“, also die Gravitation verringert und damit das Pendel verlangsamt. Hightech mitten zwischen Zahnrädern.

Widersprüche sind interessant

Doch auch dieser scheinbare Widerspruch ist ein Aspekt, den Gernot Dürr an seiner Arbeit schätzt. Erst hat man noch meterlange Zeiger mit einem hauchdünnen Blattgoldfilm überzogen und jahrhundertealte Zahnräder vom Schmutz der Geschichte gesäubert, schon hievt man das wertvolle Stück mit dem Autokran in die Höhe und programmiert die digitale Synchronisation. Und noch etwas genießt er: Den Kontakt zu den Kunden – wissenschaftlichen Mitarbeitern, Pfarrern, Gemeinderäten, Bürgermeistern.

Denn er begleitet seine Projekte von Anfang bis Ende. Von der ersten Ortsbegehung bis zum Sektempfang nach dem Gottesdient. Bis zu drei Jahre kann das dauern. Die Vielfalt der Anforderungen während dieser Zeit spiegeln auch die Maschinen in seiner Werkstatt: So hat Gernot Dürr eine kleine Schmiede neben Dreh- oder Fräs-Maschinen aus den 30ern stehen und verwendet natürlich moderne Computerprogramme für Konstruktionen und Zeichnungen.

Tradition und Moderne nebeneinander. Und jetzt wird der Feinwerkmechaniker, der als vierter Turmuhrenbauer in Rothenburg gerade seinen Sohn ins Unternehmen einführt, doch ein wenig philosophisch: „Jedes Ding hat seine Zeit und jeder versucht, das Beste draus zu machen und was weiterzugeben. In seiner Zeit.“

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