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Kaminkehrerin Janett Auer Achtfache Mutter auf ihrem langen Weg zum Glück

Janett Auer hat im vergangenen Sommer mit einem der besten Abschlüsse in Bayern ihre Ausbildung zur Kaminkehrerin beendet. Aber das war längst nicht ihre größte Leistung.

Eine gescheiterte Ehe, eine Krebserkrankung, drei Berufsausbildungen, alleinerziehende Mutter mit acht Kindern und Hartz IV – was Janett Auer mit 41 Jahren schon hinter sich hat, reicht normalerweise für mehrere Leben. Das von Janett Auer beginnt gerade von neuem. Im Sommer hat sie ihre Lehre als Kaminkehrerin abgeschlossen, mit der besten Gesamtnote aller Absolventen im Bezirk der Handwerkskammer für Schwaben – nach nur zwei Jahren und vier Monaten.

An der Seite von Kaminkehrermeister Stefan Knüpf aus Bad Grönenbach will die frischgebackene Gesellin privat wie beruflich noch einmal durchstarten. Seit vier Jahren sind die beiden ein Paar. Die acht Kinder seiner Freundin waren für Stefan Knüpf kein Hindernis. Im Gegenteil: Als Janett Auer während der Ausbildung unter der Woche im Internat der Berufsschule in Mühlbach weilte, betreute er neben seinem Kehrbezirk auch die Kinder im Alter zwischen sechs und 16 Jahren. "Jeden Abend haben wir per Videochat übers Smartphone Kontakt zur Mama gehalten", sagt Stefan Knüpf, der die Herausforderungen, die der neue Alltag mit sich bringt, gern angenommen hat.

Wenn sie alle gemeinsam unterwegs sind, spüren sie die Blicke der Passanten, wenn diese durchzählen, wie viele Kinder aus dem alten VW-Bus klettern. "Ich kann gut nachvollziehen, wie sich ein Farbiger fühlt, wenn er beäugt wird und die Leute über ihn tuscheln. Uns geht es ähnlich. Dabei wäre es uns lieber, wenn sich jemand wirklich für uns interessiert oder uns einfach anspricht", sagt Janett Auer, die freilich schon viel schlimmeres erlebt hat.

Kfz-Mechanikerin bei Audi

Zusammen mit ihren Eltern und ihrer Schwester verließ die gebürtige Leipzigerin auf Ausreiseantrag kurz vor dem Mauerfall die DDR. In Neuenstadt bei Heilbronn schloss Janett Auer die Schule ab, um anschließend bei Audi in Neckarsulm eine Lehre zu beginnen. "Meine Schwester sollte Kfz-Elektrikerin werden, ich lernte Kfz-Mechanikerin", blickt sie zurück. Die Eltern wollten ihren Töchtern ein sorgenfreies Leben bereiten. Bei Janett sollte es anders kommen.

Schon ihre Ausbildung musste sie für ein Jahr unterbrechen, weil eine Tischtennisball große Beule aus ihrem Hals wuchs. Diagnose: Lymphknotenkrebs, im Alter von 17 Jahren. Es folgten sechs Chemotherapien, der Verlust der Haare, die Begegnung mit dem Tod, wenn im Nachbarbett des Krankenzimmers jemand starb. Ihre erste Zäsur ereilte Janett Auer noch vor dem Start ins Erwachsenenleben.

"Damals haben sich auch noch meine Eltern getrennt. Ich musste mir eine eigene Wohnung suchen, die Fahrschule absolvieren und die Lehre abschließen. Heute frage ich mich, wie ich das alles geschafft habe", erzählt die Kaminkehrerin, die den Krebs schon lange überwunden hat.

Kaminkehrerin sucht ihr Glück

Beruf und Privatleben gut vereinbar

Sie sitzt mit Stefan Knüpf am langen Tisch im Esszimmer seines Eigenheims. Die langen blonden Haare heben sich ab vom Schwarz der Kaminkehrerkluft. Draußen spielen ihre Kinder in der Sonne des Spätherbstes. Am Buß- und Bettag haben Schüler auch im katholischen Bayern schulfrei, bleibt der Kindergarten geschlossen.

"Kaminkehrer können dank der flexiblen Arbeitszeiten Beruf und Privatleben gut vereinbaren", findet Stefan Knüpf und wundert sich, dass nicht mehr Frauen diesen Beruf ergreifen. Unter den 185 Bezirksschornsteinfegern im Regierungsbezirk Schwaben sei gerade einmal eine Frau. Janett Auer ist sogar der Meinung, dass der Beruf des Kaminkehrers speziell für Mütter gut geeignet ist. "Es wird allmählich Zeit, dass die schwarze Zunft ein weiblicheres Gesicht bekommt", sagt die Junggesellin.

Die schwarzen Hände bei der Arbeit stören Janett Auer nicht. Der Ruß lässt sich abwaschen, ihre Vergangen­heit aber haftet in der Erinnerung. Die zwölf Jahre Ehe mit einem alkoholabhängigen Mann, dem Vater ihrer acht Kinder, dem sie viel zu lang die Treue hielt. "In guten wie in schlechten Zeiten. Ich habe diesen Schwur stets ernst genommen", sagt Janett Auer. Es sollten mehr schlechte werden, aber es gab auch schöne Jahre. "Die ersten fünf Kinder waren Wunschkinder." Wenn Janett Auer von ihren letzten beiden Schwangerschaften spricht, stockt ihr dagegen die Stimme. Die Rede ist von häuslicher Gewalt, die irgendwann so schlimm wurde, dass sie die Polizei einschalten musste. "Damals wollte ich eigentlich abtreiben. Aber ich habe es nicht übers Herz gebracht", gesteht sie.

Neustart in Neuseeland

Kaminkehrer-Paar: Janett Auer und Stefan Knüpf

Dabei hatte Janett Auer lange gehofft, dass ihr Mann die Kurve kriegt. Sie sorgte mit ihrem Einkommen bei Audi, wo sie sich bis in die technische Entwicklung hochgearbeitet hatte, für die finanzielle Grundlage der jungen Familie. Sie gönnte sich schon nach der ersten Geburt nur eine achtwöchige Babypause. Selbst ein zwischenzeitlicher Neustart in Neuseeland, wo die Familie in Nelson zunächst ein unbeschwertes Leben führte und zwei weitere Kinder zur Welt kamen, brachte letztlich nicht die erhoffte Wende.

Als die Finanzkrise gegen Ende der nuller Jahre Down Under erreichte, verlor ihr Mann den Job, begann erneut mit dem Trinken. Unterstützt von der Christian Reformed Church konnte die Familie schließlich nach Australien übersiedeln, aber auch in Blaxland bei Sydney verbesserte sich die Situation nicht. Pleite und mit der Verantwortung für fünf Kinder entschloss sich das Paar nach knapp fünf Jahren zur Rückkehr nach Deutschland, wo die Ehe schließlich zerbrach und Janett Auer das alleinige Sorgerecht für die Kinder zugesprochen bekam.

Inzwischen in Biberach lebend, absolvierte die alleinerziehende Mutter eine Hauswirtschaftslehre an der Landwirtschaftsschule, wollte unbedingt auf eigenen Beinen stehen, weg von Hartz IV. Dann trat ein Kaminkehrer in ihr Leben. Ein Botschafter des Glücks – was für eine Symbolik.

Kehrbezirk mit rund 2.800 Anwesen

"Das ist tatsächlich ein schöner Aspekt an unserem Beruf. Wir sind als Glücksbringer bei den Kunden immer gern gesehen. Viele Leute wollen uns anfassen oder ein Foto mit uns machen", sagt Stefan Knüpf. Seit einigen Monaten beschäftigt der Bezirksschornsteinfeger von Bad Grönenbach neben seinem alteingesessenen Gesellen zusätzlich eine Gesellin, denn Arbeit gibt es genug. Im Gegensatz zu den städtisch geprägten Ge­bieten wachsen die Kehrbezirke im ländlichen Raum. Stefan Knüpf betreut zwischen Wolfertschwenden und Illerbeuren im Unterallgäu rund 2.800 Anwesen, für die er auch die gesetzlich vorgeschriebene Feuerstättenschau übernimmt.

Der Beruf des Kaminkehrers hat Janett Auer Glück gebracht, das sie gern festhalten möchte. Denn hinter ihr liegt ein beschwerlicher Weg. "Ich musste mich im Leben oft alleine durchschlagen. Dabei bin ich stärker geworden", sagt sie in der Rückschau. Aber eigentlich möchte sie nach vorn blicken. Ihr privates Glück scheint sie gefunden zu haben. Auch der neue Beruf bereitet ihr Freude, zumal der Alltag nicht auf rußverschmierte Hände reduziert werden sollte. "Auf dem Land halten sich Kehrarbeiten und Messungen die Waage. Hinzu kommt mit der Energieberatung ein interessantes Zukunftsthema", be­schreibt Janett Auer ihre Aussichten als Kaminkehrerin. Selbst gegenüber der Meisterausbildung zeigt sie sich grundsätzlich offen, obwohl die Lehre sie schon viel Kraft gekostet hat, wenn zusätzlich noch acht Kinder versorgt sein wollen.

Im nächsten Sommer beendet ihre älteste Tochter die Schule. Gut möglich, dass sie beruflich in die Fußstapfen ihrer Mutter tritt. Bei einem Praktikum hat sie schon ihr Talent für den Kaminkehrerberuf unter Beweis gestellt.

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