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IHM 2020 wegen Coronavirus abgesagt Absage der Handwerksmesse kostet Millionen

Erstmals in ihrer 72-jährigen Geschichte findet die Internationale Handwerksmesse (IHM) nicht statt. Die Folgen sind gravierend. Von der Bundeskanzlerin hätten sich Vertreter des Handwerks in dieser angespannten Situation mehr Unterstützung gewünscht.

Die Absage der Internationalen Handwerksmesse (IHM) in München kostet das Handwerk mehrere Millionen Euro. Die Hauptlast trägt der Messeveranstalter GHM, doch auch Kammern und Betriebe leiden unter dem Wegfall der Leistungsschau. "Es ist nicht nur ein finanzieller Schaden, es ist auch ein ideeller Schaden", sagte Franz Xaver Peteranderl, Präsident des Bayerischen Handwerkstags, bei einem Pressegespräch in München. Er sprach von einem "harten Schlag".

Die IHM war am Montag auf dringende Empfehlung des Krisenstabs der bayerischen Staatsregierung abgesagt worden, aus Sorge vor einer Ausbreitung des Coronavirus. Noch nie zuvor in ihrer 72-jährigen Geschichte war die IHM ausgefallen. "Ich bin emotional hin- und hergerissen und schwanke hin zur Trauer", sagte Dieter Dohr, Vorsitzender der Gesellschaft für Handwerksmessen (GHM). Nach Angaben Dohrs bestand jedoch keine andere Wahl - der Veranstalter hätte die Sicherheitsauflagen nicht erfüllen können, um die Messe abhalten zu können. Außerdem sei mit einem erheblichen Rückgang der Besucherzahlen zu rechnen gewesen.

Verschiebung der Messe kam nicht infrage

Unter anderem hätte sich die Messe einen Überblick über die Herkunft und den Gesundheitszustand der Besucher verschaffen müssen, auch das Standpersonal hätte auf seinen Gesundheitszustand hin kontrolliert werden müssen - ein unmögliches Unterfangen bei rund 110.000 Besuchern und 1.000 Ausstellern aus dem In- und Ausland.

Eine Verschiebung der Messe kam nach Auffassung der Messegesellschaft nicht infrage. Ein solcher Schritt sei mit zu großer Unsicherheit behaftet gewesen, außerdem hätten viele Betriebe später keine Zeit für eine Teilnahme gehabt, da sie im Frühjahr oder Sommer auf Baustellen oder in Außenanlagen tätig sind. GHM-Chef Dohr zeigte sich gerührt von der großen Anteilnahme nach der Absage der IHM. "Die IHM ist eine wichtige Traditionsveranstaltung, die im Herzen der Menschen verankert ist. Viele haben uns ihr Mitgefühl ausgedrückt."

Bedeutende Verkaufsveranstaltung weggebrochen

Die Messe ist für einige Handwerker aber auch wichtig fürs Geschäft. Nach Angaben Dohrs werden während der fünf Messetage im Volumen von 42 Millionen Euro Aufträge erteilt oder es wird eingekauft. "Die Messe ist auch eine wichtige Verkaufsveranstaltung." Manche Gold- und Silberschmiede erzielen ein Fünftel bis ein Viertel ihres Jahresumsatzes auf der IHM. Einige Schreiner und Messebauer lasten ihre Betriebe durch Aufträge auf der IHM aus. Auf dieser Betriebe kommen jetzt schwere Zeiten zu.

Doch der Schaden beschränkt sich nicht auf den Wegfall möglicher Aufträge. Viele Betriebe werben auf der IHM um Lehrlinge. Sie knüpfen internationale Kontakte oder informieren sich über Neuerungen und Trends. "Die IHM ist eine Plattform, die ihresgleichen sucht und zeigt, wie modern das Handwerk ist", sagte Lars Bubnick, Geschäftsführer des Landesinnungsverbandes für das Fleischerhandwerk.

Hotellerie und Gastronomie leiden unter der Absage ebenfalls. "Im konkreten Fall kam es zu massenhaften Stornierungen, die Betriebe existenziell gefährden", sagte Angela Inselkammer, Präsidentin des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga. Sie bezifferte die Einbußen in einer ersten Schätzung auf einen "hohen sechs- bis siebenstelligen Betrag". Nach Angaben des Deutschen Wirtschaftswissenschaftlichen Instituts für Fremdenverkehr gibt ein durchschnittlicher Übernachtungsgast mehr 200 Euro pro Tag aus. GHM-Chef Dohr sagte: "Ein Jahr Arbeit wurde mit einer kurzen Notiz, die keinem leichtgefallen ist, zunichte gemacht."

Bedauern über Absage der Kanzlerin

Der Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), Holger Schwannecke, sprach von einem komplizierten Abwägungsprozess. "Es blieb im Ergebnis keine andere Wahl." Zugleich äußerte Schwannecke sein Bedauern, dass in diesem Jahr das Spitzengespräch der Wirtschaft nicht stattfindet. Traditionell nutzt die Bundeskanzlerin auf der Handwerksmesse die Gelegenheit, sich mit den Spitzenvertretern der Wirtschaft zu treffen. Da die IHM nicht stattfindet, sagte das Bundeskanzleramt kurzerhand auch die Zusammenkunft mit der Wirtschaft ab. "Das Spitzengespräch der Wirtschaft mit der Kanzlerin hätte gerade jetzt stattfinden müssen", so Schwannecke. Bei einem solchen Treffen hätten Regierung und Wirtschaft gemeinsam ausloten können, "was jetzt zu machen ist". Der bayerische Handwerkspräsident Peteranderl pflichtete Schwannecke bei: "Ich hätte mir ein starkes Signal aus der Politik gewünscht."

ZDH hält an Wachstumsprognose fest

Schwannecke spielt auf mögliche Hilfen für Unternehmen an, die aufgrund der wirtschaftlichen Krise im Zusammenhang mit dem Coronovirus in Schieflagen geraten. Denn die Wirtschaft ist verunsichert, Lieferketten nach China sind gestört, die Produktion vor allem in der Industrie ist weltweit verflochten. Der ZDH-Generalsektretär bringt Steuerstundungen, Liquiditätshilfen und Überbrückungsfinanzierungen ins Gespräch. "Es gibt Anlass genug, intensiv darüber zu reden."

Gleichwohl hielt Schwannecke zunächst an der Wachstumsprognose des Handwerks von drei Prozent Plus für dieses Jahr fest - im Unterschied etwa zum Industrieverband BDI, der vor einer Rezession gewarnt hatte.

Ringen um die Kosten des Ausfalls

Kompliziert wird in den kommenden Wochen die Klärung der Frage, wer konkret die Kosten für die abgesagte Messe trägt. Die Haftungsrisiken sind zwar auf mehrere Schultern verteilt, gleichwohl scheint sicher: "Die Hauptlasten haben wir zu tragen", befürchtet GHM-Geschäftsführer Dohr. Dabei gehr es um "einige Millionen" Euro. Auch die Handwerkskammern werden nicht ungeschoren davonkommen, sie haben zum Beispiel Messestände beauftragt. Da bestimmte Sonderausstellungen nicht stattfinden, muss möglicherweise Fördergeld zurückgezahlt werden. Schließlich bleiben auch Aussteller auf ihren Kosten sitzen. Dohr sagte: "Die Frage ist komplex. Vieles ist noch nicht geklärt."

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