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Abenteurer für den guten Zweck

Deutsche Handwerker helfen beim Bau eines Kinderferienheims im rumänischen Radeln. Ein Besuch vor Ort.

Gute Taten können anstrengend sein. Denn im rumänischen Radeln, oder Roades wie es heute heißt, ist es Ende Oktober bereits unfreundlich kalt. Wer draußen arbeitet, ist mittags das erste Mal durchnässt und friert. Die heiße Dusche am Abend in einem beheizten Badezimmer fällt aus. In Radeln stellt man sich unter eine Außendusche mit Brunnenwasser im Hof, wenn es denn Wasser gibt - schräg gegenüber dreier Plumpsklos. Meisterschüler David Maschke aus Neustadt in Sachsen verbucht seinen Aufenthalt in Rumänien trotz erschwerter Bedingungen „als gute Erfahrung, wegen der geleisteten Arbeit“. Der Stuckateurgeselle stellt aber mit Blick auf den einen oder anderen klagefreudigen Kollegen klar: „Man darf eben kein Weichei sein.“

Ende Oktober schuften 20 Stuckateur-Meisterschüler, Malermeister Manfred Ochs und Schlosser Jürgen Hölzemann für die gute Sache. In Kooperation mit der Peter Maffay Stiftung unterstützen die Deutsche Handwerks Zeitung und handwerk magazin die Aktion „Deutsches Handwerk hilft“: den Bau eines Kinderferienheims in Radeln (siehe Kasten rechts).

Maschke ist einer von 20 Meisterschülern zwischen 19 und 45 Jahren der Bundesfachschule für Stuckateure an der Johann-Jakob-Widmann-Schule in Heilbronn. Sie helfen zwei Wochen in Rumänien vor allem bei Ausbesserungsarbeiten an den größtenteils stark sanierungsbedürftigen Gebäuden. 30 Stunden haben sich die Stuckateure mit zwei Lehrern dafür in einen Reisebus gequetscht. Die Handwerkskammer und deutsche Unternehmen sponserten die Anreise.

„Das ist schon ein Abenteuer, das wir hier erleben. Mit deutschen Anforderungen, Arbeitsschutz oder Ausstattung lässt sich das nicht vergleichen. Der Reiz für die Schüler ist hier das Improvisieren und Ausprobieren verschiedener Lösungen“, sagt Mario Appel, Lehrer an der Widmann-Schule und Initiator der Reise nach Rumänien. Improvisieren mussten seine Schüler bereits bei der Ankunft in Radeln. „Die Jungs wollten gleich mit der Arbeit loslegen, aber das ging nicht, weil das Material fehlte“, so Appel.

Also klopften Schüler und Lehrer am ersten Tag die Strukturen für eine funktionierende Gemeinschaft fest: Sie bestimmten einen Brennmeister, zuständig für die Holzbeschaffung und den Ofen, einen Banker oder eine Geldwechselstelle, einen Einkäufer, der für Nachschub von Lebensmitteln, Zigaretten und Bier sorgt, und einen Ältestenrat, der bei Streit und Konflikten eingreift. Der IT-Beauftragte war gleich am ersten Tag seinen Job wieder los, denn Internetzugang ist auf dem Land noch ein Fremdwort.

Unverzichtbar ist dagegen der deutsch-rumänische Dolmetscher: Daniel Fleps, Stuckateurazubi im ersten Lehrjahr, den Mario Appel gleich bei Schulbeginn ansprach, ob er nicht Lust auf die Tour nach Radeln habe. „Ich habe mich drauf gefreut - auch um den anderen aus Deutschland mal zu zeigen, dass Rumänien ein sehr schönes Land ist“, betont Fleps.

Der Lerneffekt ist riesig

Das notwendige Material für erste Ausbesserungen an den Fassaden sowie ein Gerüst für Putzarbeiten besorgten sich die Stuckateure von der ungarischen Baufirma, die das evangelische Pfarrhaus renoviert und die künftigen Unterkünfte auf dem Pfarrgelände errichtet. „Der Lerneffekt ist riesig. Die Schüler müssen sich hier wieder mit den alten Techniken, wie Putz selbst mischen, vertraut machen - und manchmal auch verschiedene Varianten ausprobieren, bis das Ergebnis stimmt“, meint Andreas Gehrig, als technischer Lehrer auch für die Verarbeitung der verschiedenen Materialien zuständig.

Den Einsatzplan der Handwerker für die Aktion „Deutsches Handwerk hilft“ koordiniert Projektleiter Sebastian Szaktilla, Architekt und Spezialist für Kirchenburgen. Mit vier einheimischen Mitarbeitern sorgt er in Radeln dafür, dass der Laden läuft. Denn der Zeitplan für das Projekt in Rumänien ist ehrgeizig: Im ersten Schritt wird das Kinderferienheim auf dem ehemaligen Pfarrgelände errichtet und das frühere Pfarrhaus saniert. Im Mai 2011 ist die feierliche Eröffnung geplant (siehe handwerk magazin 01/2010). Danach unterstützt die Peter Maffay Stiftung die evangelische Kirche bei der Renovierung der Kirchenburg aus dem 14. Jahrhundert. Parallel dazu werden einzelne Häuser des Dorfes saniert, die als künftige Unterkünfte für Handwerker und Betreuer, das Stiftungsbüro und als Bauhof dienen werden. Derzeit plant Projektleiter Szaktilla nur Handwerker für die Außenarbeiten ein. „Mit dem Innenausbau der verschiedenen Häuser starten wir dann im nächsten Jahr“, sagt er zuversichtlich. Die Fachleute, die sich bei ihm melden und in Siebenbürgen auf eigene Kosten helfen, beeindrucken den Architekten. „Ich habe durch die Aktion viele tolle Menschen aus
dem Handwerk kennengelernt“, so Szaktilla.

Hier wird jeder zum Raucher

Einer davon ist Manfred Ochs. Der 68-jährige Malermeister legt im ehemaligen Pfarrhaus eine kunstvoll bemalte Decke frei, die später von einer Kunstmalerin wieder restauriert wird. Er sagt, er habe bei „der Aktion jede Menge Spaß“, weil er „ein Abenteurer“ sei. Acht Tage bleibt er hier, aber er möchte nächstes Jahr noch mal wiederkommen. „Im Sommer, wenn es wärmer ist.“

Um vier am Nachmittag, die Sonne scheint, bekommen die Meisterschüler und die beiden Handwerksmeister eine unerwartete Belohnung: Kaffee, Kuchen und später auch Selbstgebrannten im Haus der Dörners, ein deutsch-rumänisches Ehepaar, bei dem ihre beiden Lehrer wohnen. Die Laune steigt, Kaffee trinken wie bei Muttern, noch den einen oder anderen Schnaps trinken.

Am Abend folgt noch ein Fußballspiel, dem der Schnapsgenuss nichts schadet, keiner verletzt sich. Nur Stuckateurgeselle Marc Petry macht sich Sorgen um die Versorgung seiner Truppe in den nächsten Tagen. „Die Zigaretten gehen aus. Wenn die Raucher nichts mehr haben, kippt die Stimmung“, meint er ernst und bittet Projektleiter Szaktilla für morgen um Nachschub - in Stangen. Dann grinst er in die Runde: „Zigaretten für alle: Hier rauchen ja sogar die Nichtraucher.“

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