Bei Annette Schrimpf landet ein ramponiertes Kinderbuch nicht auf dem Müll. Mit heilenden Händen und viel Wissen rettet die Buchbindermeisterin die mit Erinnerungen verknüpfte Kostbarkeit. Zur Freude vieler Kunden, die schon mal Tränen in den Augen haben, wenn das Buch wieder glänzt.

In dem kleinen Ladengeschäft in der Waldhofstraße 8 in Mannheim steckt die Geschichte aus 110 Jahren. Rechts ein massiver Kommodenschrank mit alten Metallgriffen an den neu aufbereiteten Holz-Schubladen, links vor dem wandhohen Regal eine Theke, an der schon die Oma Kunden bediente, hinten in der Ecke türmen sich Papierrollen bis unter die Decke und rundherum, wohin das Auge schaut, Bücher über Bücher. Man mag sich verlieren in all den Eindrücken, die der kleine Raum bietet, der nicht nur Geschäft, sondern zugleich Buchbinder-Werkstatt ist. Und trotzdem bleibt das Auge immer wieder hängen.
Vor dem alten Werktisch in der Raummitte, der so genannten Pappschere, die schon vier Handwerker-Generationen beste Dienste leistete, steht ein Stapel mit Büchern, die auf die heilenden Hände von Buchbindermeisterin Annette Schrimpf warten. Obenauf ein ramponiertes Bilder-Kinderbuch. Für die meisten Menschen wäre es wohl Müll. Doch für den einen ist es eine mit Erinnerungen verknüpfte Kostbarkeit, die sich wertzuschätzen lohnt.
Fast verlorenen Stücken neues Leben eingehaucht
So landete das zerfledderte Buch neben vielen anderen mit ihren jeweils eigenen Geschichten bei Annette Schrimpf und ihrer Buchbinderei in der Mannheimer Neckarstadt. Sie ist die Meisterin über Papier und Einband, die fast verlorenen Stücken ein neues Leben einhaucht. Kein Riss in der Seite, kein ausgefranster Rand, kein loses Blatt, noch nicht einmal fehlende Seitenteile hindern sie daran, aus fast vergessenen Stücken, die in den Jahren ihren Glanz verloren haben, wieder wunderschöne Bücher zu machen.
1913 gegründet
Bücher binden ist Annette Schrimpfs Leidenschaft, seit sie denken kann. Das Leben in der Werkstatt und mit dem Handwerk hat sie von Kindesbeinen an geprägt. "Es gibt nichts, was mich nur annähernd so begeistert wie der Job hier", sagt sie. 1913 hatte der Uropa die Buchbinderei Schrimpf gegründet. Seither ist sie in Familienhand und ging von Generation zu Generation in die nächste über. Annette Schrimpf ist die vierte und seit 2001 für die Geschäfte verantwortlich. "Es war für mich immer klar, dass ich den Beruf erlerne und den Betrieb übernehme", erzählt die 54-Jährige. "Wir sind schon beim Opa durch die Werkstatt gesprungen und haben ihm sein Pausenbrot geklaut. Ich bin hier aufgewachsen, es gab nie etwas anderes für mich." Sie liebt das Handwerk und ihren Beruf, weil es einfach ein "schöner" sei.
Wandel der Zeit
Dennoch kämpft auch sie mit dem Wandel der Zeit. Vieles hat sich über die Generationen hinweg verändert. Nicht nur das Handwerk des Buchbinders durch Neuerungen, die die traditionelle Kunst ergänzen, auch der Markt und der Bedarf. Früher haben Aufträge aus der Industrie das Einkommen gesichert. "Der Opa hat fast nur für diesen Kundenstamm gearbeitet", sagt die Buchbindermeisterin. Ganze Serien wurden so beauftragt. Heute gibt es fast nur noch Einzelstücke und die Arbeit für private Kunden. "Corona hat den Weg zum papierlosen Büro noch einmal beschleunigt", so Annette Schrimpf. "Die meisten haben auf digital umgestellt." Dazu Lockdowns und Kontaktverbote – für sie und ihre Werkstatt war es ein Überlebenskampf, der viel Kraft gekostet hat.
Workshops in der Werkstatt
Geschäft und Werkstatt sind nach der Krisenzeit wieder längst geöffnet. Wer vor der gläsernen Eingangstüre steht, kann nicht nur ins heimelige Innere schauen, sondern dort auch gleich die Betriebs-Historie nachlesen. Seit 1939 ist die Buchbinderei Schrimpf an exakt dieser Stelle in denselben Räumen. Es war das Jahr, in dem Annette Schrimpfs Opa Friedrich die Meisterprüfung absolvierte und just danach eingezogen wurde. Krieg und Gefangenschaft rissen ein Loch von zehn Jahren in die Betriebsgeschichte. Erst 1949 ging es in der Waldhofstraße 8 weiter, "dank meiner Oma, die sich für den Bestand der Werkstatt sehr eingesetzt hat". So war jede Generation auf ihre Weise gefordert, um das geliebte Handwerk zu sichern. Heute kämpft Annette Schrimpf mit den Aufgaben dieser Tage. Sie hat sich den Veränderungen am Markt mit neuen Geschäftszweigen angepasst. So unterrichtet die 54-Jährige an der Hochschule Darmstadt das Buchbinden und bietet seit 2010 Workshops in ihrer Werkstatt an. "In der Generation meines Vaters war so etwas noch verpönt", sagt sie. Heute ist es ein wichtiges Standbein zur Existenzsicherung. "Ich finde es zudem wichtig, den Menschen zu zeigen, was dieses Handwerk ausmacht und welche Fertigkeiten es verlangt, wenn man es einmal selbst versucht", sagt sie. Dann wird klar, wie aufwendig es ist, dass Handwerk im Wortsinn ein Werk der Hände ist, Können, Kunst und Qualität beinhaltet.

Auch der Umstand, dass die Buchbindermeisterin das Geschäft heute ganz alleine stemmt, ist dem Wandel der Zeit geschuldet. "Ich habe zwar nicht zu wenig Arbeit, aber die Zeit, die man aufwenden, und die Preise, die man verlangen muss, machen es schwer", sagt sie. Früher hat die Buchbinderei in der Neckarstadt noch ausgebildet. Auch Annette Schrimpf hatte ihren Azubi. Doch das ist Jahre her.
Einzelkämpferin in der Neckarstadt
Längst ist sie Einzelkämpferin. Soloselbständig, wie es heißt. Einfach ist das nicht. "Es gibt bestimmte Dinge, die man allein nur sehr schwer bewerkstelligen kann", sagt die Mannheimerin. "Beispielsweise sehr große Formate binden." Und nicht nur das. Angebote schreiben, Preise einholen, ausliefern – all das will erledigt sein. "Da ich die Werkstatt im Ladenbereich habe, wird zudem erwartet, dass immer offen ist. Man kann aber nicht Kunden beraten und gleichzeitig sein Handwerk machen", so die 54-Jährige. Einfach mal in Ruhe und ohne Unterbrechungen zu arbeiten, ist für eine Person allein praktisch unmöglich. Ihrem Handwerk geht Annette Schrimpf deshalb meist in den Abendstunden nach. Lange Arbeitstage sind für sie "normal".
Freude über ein wiederbelebtes Lieblingsstück
Tauschen möchte die Buchbinderin trotzdem nicht. Sie macht nichts lieber als ihren Job. Was ihr die Kunden dafür zurückgeben, ist unbezahlbar. Oft ist es die pure Freude über ein wiederbelebtes, fast zerstörtes Lieblingsstück wie ein zerfleddert gebrachtes und perfekt restauriertes Bilder-Kinderbuch, Stolz über die gebundene Ausgabe einer Arbeit oder Ergriffenheit, wenn ein verloren geglaubtes Buch an neuer Pracht gewinnt. "Es kommt so oft vor, dass Kunden sehr bewegt sind", sagt Annette Schrimpf und erzählt von einem dünnen Büchlein, das nur noch Klebestreifen zusammenhielt: "Es war laminiert in Tesafilm." Also löste die Buchbinderin vorsichtig das transparente Band, bis rechts ein Berg an Klebestreifen und links lauter Seitenfragmente lagen, setze alles wieder sorgsam zusammen, schloss Risse, ersetzte Fehlendes und machte neu, was unmöglich schien. "Als die Kundin es abholte, hatte sie Tränen in den Augen", so die Buchbinderin. "Diese Freude erfahre ich häufig. Selbst wenn es sich ‚nur‘ um eine Abschlussarbeit handelt. Erst ist es eine Datei, dann hat man Blätter in der Hand und am Ende ein richtiges Buch."