Stuttgart -

Meisterfeier 2012 772 "HandwerksKönner" erhielten ihre Meisterbriefe

Die Urkunde ist zugleich Ausdruck von Tradition und erfolgsträchtigem Zukunftsmodell. 2.500 Gäste feierten im ICS auf der Landesmesse.

Brief und Meisterkelch
Jetzt ist der große Moment gekommen: Toni Sloma, Jungmeister im Klempnerhandwerk, hält den lang ersehnten Brief in der einen und den traditionellen Meisterkelch in der anderen Hand. Prüfer Mark Holzwarth... -

Bei der Meisterfeier des Handwerks erhielten Mitte Oktober fast 800 junge Handwerker ihren Meisterbrief überreicht. "Qualifizierung ist die beste Maßnahme gegen den Fachkräftemangel", betonte Rainer Reichhold, Präsident der Handwerkskammer Region Stuttgart, im Internationalen Congresscenter in Stuttgart (ICS). 18 jahrgangsbeste Absolventen konnten für ihre herausragenden Leistungen besonders ausgezeichnet werden.

Die Szene hätte treffender nicht sein können. Die Vorsitzenden der Meisterprüfungsausschüsse betraten während des Festakts die große Halle – jeder hielt eine Traube blauer und roter Luftballons in der Hand. Auf das Kommando von Moderatorin Martina Meisenberg "lassen wir sie frei – lassen wir sie fliegen" stiegen die Ballone allesamt an die Hallendecke und symbolisierten die Freiheit und den möglichen beruflichen Aufstieg, den die Jungmeister nun im Visier haben.

Ergreifend: den Meisterbrief in den Händen halten

Die Arbeit der Vorsitzenden war damit aber noch nicht beendet. Sie hatten die Aufgabe, den "Handwerkerwalk" zu eröffnen. Auf dem mit rotem Teppich ausgelegten Laufsteg verließen sie die Halle in Richtung Urkundenausgabe, gefolgt von den Jungmeistern aus 29 verschiedenen Gewerken. Dort war der für die meisten wohl ergreifendste Moment: den eigenen Meisterbrief endlich in den Händen zu halten.

Dass der Meistertitel nur eine Etappe hin zu weiteren Zielen sei, betonte Festredner Joachim Franz in seinem bewegenden Vortrag. Sein ungewöhnlicher Lebensweg führte den "kleinen Werkzeugmacher bei VW in Wolfsburg" in die entlegensten Winkel der Erde – als Grenzgänger auf dem Rad, im Kanu oder zu Fuß. Stets mit dem Ziel, damit soziale oder nachhaltige Projekte publik zu machen und zu unterstützen. "Haben Sie den Mut, den Meisterbrief als einen Anfang zu betrachten", rief er den Jungmeistern zu: "Das ist erst der Beginn Ihres Wirkens."

Werte wie Disziplin, Mut, Menschlichkeit seien die Vehikel um Vertrauen und Glaubwürdigkeit zu erreichen. Und diese Werte sind nicht käuflich. "Vertrauen und Glaubwürdigkeit müssen Sie sich als HandwerksKönner tagtäglich erarbeiten – Sie sind aber auf dem besten Wege dazu", spornte der Extremsportler, der die Rallye Paris–Dakar als erster mit dem Mountainbike fuhr, die künftigen ­Führungskräfte an.

Wieder mehr Meister

Als sehr erfreulich wertete Reichhold den sich abzeichnenden Trend hin zur höheren Qualifizierung. "Es ist offensichtlich wieder angesagt, die Meisterschule zu besuchen", bilanzierte der Kammerpräsident. Lag die Zahl der erfolgreichen Absolventen von Meisterschulen im Jahr 2006 noch bei 690 Handwerkern, nahm sie bis Herbst 2012 auf 772 zu. "Dies zeigt, dass der Meisterbrief nichts von seiner Attraktivität verloren hat. Er ist zugleich Ausdruck von Tradition und erfolgversprechendes Zukunftsmodell."

Reichhold bezeichnete den Meisterbrief als "Krönung des beruflichen Werdegangs und beste Grundlage für die wirtschaftliche Selbstständigkeit oder für Führungsaufgaben." Den Meistern käme die zentrale Aufgabe zu, die Unternehmerlücke zu füllen, die die Alters­pyramide hinterlässt. In vielen Firmen sei die Frage der Betriebsnachfolge nach wie vor ungeklärt. Reichhold: "Die frei werdenden Chefsessel könnten bald von den jungen Meistern eingenommen werden.“

Kurzweilig und unterhaltsam

Kurzweilig und unterhaltsam gestaltete sich der Festakt. Mit Wortwitz gespickte Einlagen der Gesangsgruppe "Die füenf", ein eingespielter Kurzfilm mit Einschätzungen von Passanten zum Handwerk und Glückwünsche für die Meister begeisterten die 2.500 Gäste. Die Überreichung der Urkunden an die 19 Bestmeister war zweifellos ein Höhepunkt des Abends. Moderatorin Martina Meisenberg entlockte dabei dem einen oder anderen seine beruflichen Zukunfts­pläne oder die Herkunft der betrieblichen Aufträge: "Früher fragten sie den Opa am Sonntag beim Stammtisch, ob er in der kommenden Woche mal die Dachrinne reparieren könne." Heute generiere der 25 Mann starke Betrieb am Ammersee auf anderen Wegen seine Aufträge. "Doch ab und zu kommt auch heute mal einer an den Stammtisch", witzelt der frisch gekürte Klempnermeister Michael Leib, der den Familienbetrieb in vierter Generation weiterführen wird und den Vornamen des Opas trägt, wie er nicht ohne Stolz anmerkt.

Die Urkunden überreichte die Führungsspitze der Kammer den Bestmeistern. Einer davon war ­Marius Münster aus Remseck. Abitur, Lehre, ein Berufsjahr in München, dann folgte die Meisterprüfung als Installateur und Heizungsbauer in Stuttgart. Der Top-Abschluss mit einem Notendurchschnitt von 1,3, die Bestmeisterurkunde und viel Applaus waren für den HandwerksKönner die gerechte Belohnung.

Info: Noch mehr Bilder und Eindrücke der Meisterfeier auf hwk-stuttgart.de/meisterfeier2012.htm und unter Bilder auf facebook.com/hwkstuttgart

Aufgeblitzt auf der Meisterfeier

Alexander Falkenstern
© KD Busch

Dass ihr Sohn Alexander (Zweiter von re.) als frischgebackener Fahrzeuglackierer an diesem Abend im Rampenlicht stand und über den roten Teppich flanierte, gefiel Gabi und Jürgen Falkenstern aus Erkenbrechtsweiler, Kreis Esslingen, ganz besonders: "Die Ehrung kam richtig gut rüber." Gemeinsam mit Alexanders Arbeitskollegen Johannes Ruder trainierten die vier ihre Lachmuskeln beim halbstündigen Auftritt der "füenf". Die Truppe betreibt stimmgewaltigen "Acapollapep" und textet dabei Musikklassiker einfach um. Die beschwingte Stimmung nahmen Alexander und Johannes mit in die Diskothek Zappata: "Dorthin gehen wir jetzt noch abfeiern", verriet der Jungmeister.

Christina Speißer
© KD Busch

Für Christina Speißer, Bestmeisterin im Konditorhandwerk, gehört der Meisterbrief "unbedingt dazu". Schließlich möchte die 27-Jährige den elterlichen Betrieb, die Bäckerei und Konditorei Emil Rau, einmal übernehmen. "Ich kann jedem nur zur Meisterprüfung raten. Aber auch dazu, vorher einige Jahre als Geselle Erfahrungen zu sammeln", erklärt die junge Frau aus Ebersbach, die bereits im schweizerischen Luzern und als Chefpatissière in der Speisemeisterei in Hohenheim gearbeitet hat.

Jens Frank
© KD Busch

Ohne es zu wissen, hat Jens Frank, Bestmeister im Schilder- und Lichtreklameherstellerhandwerk, nach der bestandenen Prüfung bereits verwirklicht, was Festredner und Extremsportler Joachim Franz an diesem Abend allen Meistern riet: "Habt den Mut, eigene Wege zu gehen." Der 22-Jährige aus Altdorf, Kreis Esslingen, unternahm eine Motorradtour zum NordCap, um sich selbst zu belohnen. "Beim Anruf von Kammermitarbeiter Christoph Arnold war ich total überrascht, aber überglücklich. Er teilte mir mit, dass ich als bester Absolvent in meinem Gewerk die Prüfung bestanden habe."

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