Unternehmensführung -

TV-Kritik: ZDF - "plan b" zur Zukunft der Arbeit 4-Tage-Woche im SHK-Betrieb: Ist das die schöne neue Arbeitswelt?

Weniger arbeiten bei gleichem Lohn? Was sich für viele Angestellte wie ein Traum anhört, ist für die meisten Unternehmer schlicht ökonomischer Wahnsinn. Doch auf der verzweifelten Suche nach Fachkräften gibt es immer mehr Betriebe – auch im Handwerk – , die bei der Arbeitszeit kulant sind, sie verkürzen und ihren Mitarbeitern mehr Freizeit gönnen. Funktioniert das? Und wie? Diesen Fragen ging die Reportage-Reihe „plan b“ im ZDF nach - und beleuchtete das Thema dabei ein wenig zu einseitig.

Wer die schöne neue Arbeitswelt aus nächster Nähe sehen will, muss gar nicht so weit reisen. Sie liegt in Dießen am Ammersee, im bayerischen Gilching, in Bielefeld - und im baden-württembergischen Denkingen. Der dort ansässige Sanitärbetrieb Gaßner hat, das dürfte für die meisten Handwerker nichts Neues sein, bis über beide Ohren zu tun. "Der Laden brummt", sagt die Lebensgefährtin des Inhabers in die ZDF-Kamera, und benennt damit schon einen Teil des Problems. Denn die Gründe, warum immer weniger Menschen die Arbeit im SHK-Bereich machen wollen, haben zumindest indirekt mit der vielen Arbeit zu tun. Der Beruf sei anstrengend, man werde auch mal ein bisschen schmutzig dabei, und es gehe abends wegen der vielen Arbeit natürlich auch mal länger, skizziert Firmenchef Marcus Gaßner. Und wenn man keine Mitarbeiter finde, dann mache man die Aufträge halt als Chef alleine oder nehme von vornherein nur Aufträge an, die man alleine schaffen kann - und müsse dann auch mal Aufträge ablehnen.

Am Freitag ist schon Wochenende

Eine Problemlage, die in vielen Handwerksbetrieben, auch in anderen Gewerken, sattsam bekannt sein dürfte. Gespannt, erzählt Gaßners Lebensgefährtin Ayleen Bauser, warte man sogar an Wochenenden auf Bewerbungen, auf Anrufe - aber nichts tue sich. Bislang. Denn Gaßners Herangehensweise, dieses komplexe Problem zu lösen, ist durchaus innovativ. Gearbeitet wird in dem Betrieb nämlich nur noch von Montag bis Donnerstag, Freitag ist schon Wochenende. Die 37 Stunden werden einfach auf vier Tage verteilt, bei gleichem Lohn. "Der Anreiz dabei ist, dass die Freizeit heutzutage mehr Wert ist als die Arbeit", erläutert Meister Gaßner den Hintergrund der Aktion. Und auch seine Lebensgefährtin betont, dass ihr selbst Freizeit wichtig ist. Die Zeit renne, gerade mit zwei Kindern und in steigendem Alter. Vier Tage arbeiten, drei Tage frei - das sei auch für die Angestellten ein attraktives Modell, sagt die Stimme aus dem Off, wie auch Mitarbeiter Olaf Tettenborn bestätigt. Am zusätzlichen freien Tag könne man den Akku ordentlich aufladen. Der Tag sei gerade bei der schweren körperlichen Arbeit wichtig. Soweit, so gut. Aber ob jetzt auch die Mitarbeiter kommen?

Arbeiten von 8 bis 13 Uhr

Szenenwechsel, Branchenwechsel. Eine Marketing-Agentur in Bielefeld hat sich auf die Fahnen geschrieben, ihre Mitarbeiter täglich nur noch von 8 bis 13 Uhr arbeiten zu lassen, dann ist Feierabend. Eine Uhr zeigt an, wie lange der Arbeitstag noch geht. Das bedeutet: Disziplin muss her, damit die Zeitfresser wie Unterhaltungen, kleine Pausen und die anderen täglichen Gewohnheiten das Konzept nicht gefährden. Private Handys sind verboten, plaudern auch. Nach sechs Stunden sei die Konzentration laut Studien ohnehin aufgebraucht, erklärt die Sprecherin. Und seit dem Wirtschaftswunder mit seinen langen Arbeitszeiten habe sich bei den Angestellten in Deutschland immer mehr der Wunsch nach weniger Arbeit durchgesetzt. Und nach all der Lobhudelei wird dann doch noch die Kehrseite angesprochen. Man stehe in der kurzen Zeit mehr unter Druck, erzählt eine Mitarbeiterin, und müsse am Ball bleiben, um die Tagesziele in fünf Stunden überhaupt zu schaffen. Doch das war es auch schon. Die Lösung habe viele Vorteile, schwenkt die Reportage schnell wieder in ihren positiven Grundton. Mehr Mütter könnten Vollzeit arbeiten und damit bessere Renten erhalten als in Teilzeit, und so weiter.

Günstig wohnen, gratis klettern: "Auf Augenhöhe" mit den Mitarbeitern

Gezeigt wurde außerdem eine Reinigungsfirma aus dem bayerischen Gilching, die zwar bei der Arbeitszeit keine Abstriche macht, aber den Mitarbeitern "auf Augenhöhe" und mit Fairness begegnet. So hat der Inhaber ein Wohnhaus angemietet und möbliert und ermöglicht seinen Angestellten somit bezahlbaren Wohnraum im teuren Münchner Umland. Eine Sport- und Kletterhalle, die dem Inhaber gehört, steht den Mitarbeitern zudem kostenlos zur Verfügung, und kostenlose Deutschkurse für die Mitarbeiter, die nicht aus Deutschland stammen, runden das Angebot ab. Der Krankenstand sei deshalb sehr niedrig, die Angestellten seien zufrieden. Das klang eingängig.

Sanitärmeister Gaßner aus Baden-Württemberg hat übrigens einen neuen Mitarbeiter gefunden. Nach vier Monaten Suche arbeitet er nun in dem Unternehmen, auch von Montag bis Donnerstag. Er sei sehr glücklich, sagt Gaßner. Auf die Stellenanzeige mit der Viertagewoche hin hätten sich zum ersten Mal mehrere qualifizierte Bewerber gemeldet, jetzt seien wieder mehr Aufträge drin. Die Bezahlung sei gut, und der freie Tag auch, urteilt der neue Geselle. Doch er gesteht auch, er langweile sich am freien Tag etwas, weil alle anderen, etwa seine Freundin, da auch arbeiteten.

Kein kritisches Hinterfragen

Und so war der Schluss, den die ZDF-Redakteure zogen, wonach auch kleine Betriebe mit kreativen Ideen wettbewerbsfähig bleiben könnten, in dem Mikrokosmos dieses Beitrags noch verständlich. Doch einige wichtige Fragen waren leider erst gar nicht gestellt worden. Ist das ein Modell für alle Betriebe? Was geschähe, wenn flächendeckend nur noch vier Tage oder nur noch vormittags gearbeitet würde? Und wollen wirklich so viele Menschen weniger arbeiten? Zweifel sind zumindest angebracht, denn gerade junge Leute, die sich stark mit ihrer Arbeit identifizieren und wenige Verpflichtungen haben, dürften nicht unbedingt von dem Modell der Arbeitszeitverkürzung begeistert sein, wenn dies in der verbleibenden Arbeitszeit mehr Stress bedeutet. Es ist eben Flexibilität gefragt auf dem Arbeitsmarkt, von allen Seiten. Und gerade deshalb, und weil das Thema zudem vielschichtig und komplex ist, hätte das eine oder andere kritische Hinterfragen des Arbeitswelt-Zeitgeists dieser Reportage absolut gut getan.

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