Deutschland -

Erstes Pilotprojekt in Deutschland startet Experiment: Monatlich 1.200 Euro bedingungsloses Grundeinkommen

Bietet ein bedingungsloses Grundeinkommen den Menschen zusätzliche Sicherheit? Macht es sie widerstandsfähiger gegenüber Krisen? Und lässt das Geld sie mutiger werden, z. B. in puncto Selbstverwirklichung? Das alles wollen Wissenschaftler in einer neuen Studie herausfinden. Interessierte Teilnehmer können sich jetzt bewerben – und drei Jahre lang monatlich 1.200 Euro erhalten.

Drei Jahre lang jeden Monat 1.200 Euro, ohne dafür arbeiten zu müssen – im ersten Augenblick klingt das zu schön, um wahr zu sein. Für mehr als 120 Menschen könnte das jedoch zur Realität werden. Vorraussetzung: Sie sind Teilnehmer einer neuen Langzeitstudie. In dieser wollen Wissenschaftler der Frage nachgehen: Was macht ein bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) mit Menschen? Initiatoren der Studie sind die Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), der Verein Mein Grundeinkommen und Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern und der Universität zu Köln.

Wie verändert ein Grundeinkommen den Alltag?

Die Studie ist der erste Teil des Pilotprojekts Grundeinkommen. Die daran beteiligten Wissenschaftler wollen herausfinden, wie sich der Alltag der Teilnehmer durch das Geld verändert. Dafür wollen sie regelmäßig Befragungen durchführen. Der Blick richtet sich etwa auf das Arbeitsleben, die Finanzen, den Bereich Familie und soziale Kontakte und auch auf mögliche psychische Veränderungen. Zur Analyse des Stresslevels würden auch Haarproben ausgewertet, heißt es.

"Wir wollen wissen, was es mit Verhalten und Einstellungen macht und ob das Grundeinkommen helfen kann, mit den gegenwärtigen Herausforderungen unserer Gesellschaft umzugehen", sagte Michael Bohmeyer, Initiator des Vereins Mein Grundeinkommen am 19. August in Berlin.

Bedingungsloses Grundeinkommen: Meinungen dazu gehen auseinander

Zwar gäbe es bereits weltweit wissenschaftliche Experimente zum BGE, aber ihre Erkenntnisse seien begrenzt. "Sie sind entweder veraltet, nicht verallgemeinerbar oder untersuchen das Grundeinkommen nur für Erwerbslose", so Jürgen Schupp, Senior Research Fellow des DIW Berlin. "Vor diesem Hintergrund betreten wir in Deutschland mit dieser Studie wirklich wissenschaftliches Neuland."

Das Thema BEG ist kein neues: Seit Jahren prägt es Debatten in Deutschland und anderen Ländern. Die Idee dahinter: Unabhängig von Lebens- und Einkommensverhältnissen und dem Status der Beschäftigung soll ein BEG jedem Bürger zustehen und weitgehend die lebensnotwendigen Grundbedürfnisse wie Wohnen, Ernährung und gesundheitliche Versorgung absichern.

Die Meinungen zum BEG gehen jedoch stark auseinander: was den einen als "Bürgergeld" gilt, nennen andere schlicht "Faulheitsprämie". In Deutschland haben sich die Gewerkschaften oder die Bundesagentur für Arbeit bisher eher ablehnend geäußert. Von einer "Stillhalteprämie" für Menschen war die Rede, denen sich kaum Perspektiven der Erwerbsarbeit eröffnen. Der deutsche Philosoph und Publizist Richard David Precht hingegen spricht sich für ein bedingungsloses Grundeinkommen aus. Er sehe keine andere Möglichkeit zur Rettung des Sozialstaates, sagte er etwa in einem Interview mit der Rhein-Neckar-Zeitung vom Mai 2019.

Projekt wird durch Spenden finanziert

Trotz vieler Kritiker gab es weltweit dennnoch erste Pilotprojekte zum BEG: von Finnland bis Namibia und jetzt auch in Deutschland. Besonders an der deutschen Studie: Sie wird durch Spenden von knapp über 141.000 Privatpersonen finanziert. Dies soll laut Initiatoren die politische Unabhängigkeit des Projekts sichern. Falls die Studie zeige, dass das Grundeinkommen deutliche Effekte hat, sollen zwei weitere Studien zum BGE folgen. Unter anderem soll damit herausgefunden werden, wie man ein Grundeinkommen für alle Menschen in Deutschland realistisch finanzieren könnte.

Die Teilnehmer müssen laut offizieller Pressemitteilung keine Bedürftigkeit belegen und können unbegrenzt Geld hinzuverdienen, wenn sie wollen. Die Spenden werden zudem als Schenkung vieler einzelner Schenkender in jeweils geringer Höhe betrachtet, heißt es auf der Projektwebsite. Es falle keine Schenkungssteuer an, da die Beträge unter der Steuerfreigrenze liegen. Zudem seien diese nicht einkommenssteuerpflichtig. Empfänger von Sozialleistungen könnten jedoch das Nachsehen haben: Durch die Auszahlung könnten andere Sozialleistungen gemindert oder ganz gestrichen werden.

Das muss man tun, um selbst Teil der Studie zu werden

Der Start der Bewerbungsphase war bereits vielversprechend: Der Verein Mein Grundeinkommen teilte am 21. August mit, dass die zuvor veranschlagte Mindestzahl von einer Million Bewerbungen bereits 70 Stunden nach Freischaltung der Internetseite erreicht worden sei. Der bisher auf 120 Testpersonen beschränkte Teilnehmerkreis solle nun vergrößert werden. Bewerben kann sich also immer noch, wer seinen ersten Wohnsitz in Deutschland hat und mindestens 18 Jahre alt ist. Zusätzlich muss ein dreiminütiger Fragebogen ausgefüllt werden. Die Bewerbungsfrist endet am 10. November 2020.

Die mehr als 120 Teilnehmer sollen dann ab Frühjahr 2021 drei Jahre lang monatlich 1.200 Euro bekommen. Zusätzlich zu diesen Menschen, dienen 1.380 Teilnehmer als Vergleichsgruppe, um die Effekte der Auszahlung besser bewerten zu können. Die zweite Gruppe erhält kein Grundeinkommen, dafür aber eine Aufwandsentschädigung. Die BEG-Empfänger werden per Zufall bestimmt, heißt es im FAQ des Projekts.

Während des dreijährigen Studienzeitraums müssen die Teilnehmer jeweils sieben Onlinefragebögen ausfüllen, die unter anderem Fragen zur Erwerbstätigkeit, Zeitverwendung, dem Konsumverhalten, Werten und der Gesundheit enthalten. Zum Ende der Studie, nach 36 Monaten, sollen die Ergebnisse der Fragebögen ausgewertet und der Öffentlichkeit und der Wissenschaftswelt kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Mit Inhalten von dpa

Pilotprojekt bedingungsloses Grundeinkommen: Hier geht es zur Bewerbung.

Mehr zum Thema
© deutsche-handwerks-zeitung.de 2020 - Alle Rechte vorbehalten