Meisterstücke -

Elf Punkte als Markenzeichen 100 Jahre Wendt & Kühn: Die Beständigkeit der Engel

Seit 100 Jahren nahezu unverändert: Die Engel der Figuren-Manufaktur Wendt & Kühn sind ein Gegenentwurf zur Schnelllebigkeit der Gegenwart. Sie haben Krisen, Krieg und Planwirtschaft überdauert. Zum Jubiläum rechnet die Firma mit einem Rekordumsatz.

Wenn Carmen Fischer zum Tupfholz greift, wird ihre Hand ganz ruhig. Elf weiße Punkte müssen nach Augenmaß und mit viel Gefühl auf einem grünen Flügel verteilt werden. Zittern wäre jetzt fatal, denn es entsteht das Markenzeichen der Firma Wendt & Kühn, die seit 100 Jahren im Prinzip die gleichen Produkte herstellt und heute so glänzend dasteht wie nie zuvor.

Neu: Wendt & Kühn-Welt

Zum Jubiläum wurde am Sitz der Manufaktur in Grünhainichen bei Chemnitz die Wendt & Kühn-Welt eingeweiht, eine Art Erlebnis-Verkaufsraum, in dem nicht nur die Figuren des aktuellen Sortiments präsentiert werden, sondern in dem der Familienbetrieb über seine Geschichte und die Tradition erzgebirgischen Kunsthandwerks informiert. 1,5 Millionen Euro wurden in den Umbau des historischen Fachwerkhauses im Ortskern investiert und elf neue Arbeitsplätze geschaffen.

Filigrane Arbeit: 100 Jahre Figuren-Manufaktur Wendt & Kühn

Seit Oktober können sich hier die Kunden nicht nur über die verwendeten Holzarten und das Spektrum von mehr als 400 Farbtönen informieren, aus denen die Objekte ihrer Begierde entstehen. Sie können auch einer der Frauen bei der Arbeit zuschauen, die den berühmten Grünhainichener Engeln ihr einzigartiges Aussehen verleihen.

Mit 70 Mitarbeitern, darunter nur ein Mann, ist die Malerei die größte Abteilung in der Manufaktur, die 1915 von zwei Absolventinnen der Königlich-Sächsischen Kunstgewerbeschule Dresden gegründet wurde. Aber während Margarete Kühn nach ihrer Heirat schon fünf Jahre später wieder ausschied, machte Margarete Wendt die Manufaktur zu ihrem Lebenswerk. Die meisten Figuren im Sortiment tragen ihre Handschrift. Bis heute basieren alle Figuren von Wendt & Kühn auf dem Musterkatalog mit 2.500 Entwürfen der Gründerinnen sowie von Grete Wendts Schwägerin Olli, die ebenfalls an der Dresdner Kunstgewerbeschule studiert hatte.

Entwürfe in zeitloser Formensprache

Wendt & Kühn

Die heutigen Geschäftsführer Claudia Baer und Florian Wendt, beide Enkel von Olli Wendt, fühlen sich der Tradition des Unternehmens verpflichtet, das ausschließlich aus dem Fundus der Zeichnungen ihrer Gründerinnen schöpft. „Sie haben mit ihrer Formensprache etwas Zeitloses eingebracht, was ihnen damals womöglich gar nicht bewusst war. Heute wundern sich unsere Kunden oft, wie alt die Entwürfe der Figuren sind“, sagt Claudia Baer.

Offenbar bedient Wendt & Kühn in der Schnelllebigkeit der Gegenwart die Sehnsucht der Menschen nach Ruhepolen. Das Figuren-Universum verkörpert eine heile Welt jenseits der Reizüberflutung, mit der das Internet nahezu alle Lebensbereiche durchdringt. Pummelige Engel musizieren gegen den Zeitgeist der Wegwerfgesellschaft an. In vielen Familien werden sie weitervererbt wie wertvolle Schmuckstücke.

Als VEB Werk-Kunst durch die Planwirtschaft

Der wirtschaftliche Erfolg gibt der Unternehmensphilosophie der Beständigkeit Recht. Von ihr ließ sich auch Hans Wendt leiten. Der Neffe von Grete Wendt führte das Unternehmen nach der Zwangsverstaatlichung 1972 als Betriebsdirektor unter dem Namen VEB Werk-Kunst durch die sozialistische Planwirtschaft und machte es nach der Reprivatisierung 1990 fit für den Neustart. Mehr als vier Jahrzehnte prägte der Vater der heutigen Geschäftsführer die Geschicke des Familienbetriebs.

Wendt & Kühn

Im Jubiläumsjahr von Wendt & Kühn wird der Umsatz erstmals die Marke von zehn Millionen Euro übersteigen. „Es war richtig, sich nicht der Mode anzupassen und jedem Trend nachzulaufen“, bilanziert Claudia Baer. Dennoch würde das Sortiment so ausgestaltet, dass es in die heutige Zeit passt. So können neuerdings Figuren auf Wunsch mit personalisierten Aufschriften ver­sehen werden – beliebte Geschenke für Geburt, Taufe oder Schulanfang. Firmengründerin Grete Wendt hätte wohl nichts dagegen gehabt. „Sie war nie dogmatisch und bis ins hohe Alter offen für Neues“, erinnert sich Claudia Baer an ihre Großtante, die 1979 mit 92 Jahren gestorben ist.

Kaum Ärger mit Plagiaten aus Fernost

Neben dem zeitlosen Design prägt die Figuren von Wendt & Kühn eine hohe handwerkliche Qualität. „Deswegen haben wir auch kaum Ärger mit Plagiaten aus Fernost“, sagt Produktionsleiter Enrico Schwalbe. Problematisch sei eher die Suche nach Fachkräften. „Wir stellen jedes Jahr vier Azubis ein, die Holzspielzeugmacher lernen. Aber nicht alle halten durch“, erklärt Schwalbe, der sich auch in der Prüfungskommission der Handwerkskammer Chemnitz engagiert. Und so greift die Manufaktur auch auf Seiteneinsteiger zurück. Carmen Fischer ist gelernte Chemielaborantin und kam vor 15 Jahren zu Wendt & Kühn. „Nach vierwöchiger Probearbeit wurde ich damals eingestellt“, sagt die Malerin.

Ein Betriebsrundgang bei Wendt & Kühn beginnt im Holzlager, wo sich Rundstäbe stapeln, deren Jahres­verbrauch aneinandergereiht eine Strecke von 100 Kilometern ergäbe. Außerdem lagern 160 Kubikmeter Schnittholz im Freien. Zum Einsatz kommen Linde, Buche und Ahorn, dazu noch Erle und Fichte als Klanghölzer für die Spieldosen.

Wendt & Kühn

Dreherei und Teilefertigung sind die Domäne der Männer, die nur zwischen zehn und 15 Prozent der 180-köpfigen Belegschaft stellen. Schon in der Leimerei übernehmen die Frauen das Heft des Handelns. Hier werden die mitunter winzig kleinen Einzelteile zu Figuren zusammengefügt. Das aktuelle Sortiment von 400 Figuren entsteht aus rund 3.000 bis 4.000 Einzelteilen.

Eine Spieldose bei Walt Disney

Nächste Station ist die Taucherei, wo die Rohlinge zweimal weiß grundiert und dann lackiert werden. Erst nach einer Trocknungszeit von zehn Tagen wandern sie weiter in die Malerei, wo die Figuren jene Anmutung erhalten, die sie bei den Kunden weltweit so beliebt macht. Als wohl berühmtester Fan der Grünhainichener Figuren gilt Walt Disney, der eine Spieldose, ein Blumenkind, Marienkäfer, Schmetterlinge und eine Gänsefamilie besaß.

Die Königsdisziplin in der Malerei ist das Bemalen der Gesichter, das vier Mitarbeiterinnen vorenthalten bleibt. Das soll die Unverwechselbarkeit der Figuren sichern. Bevor die fertigen Produkte verpackt und versandt werden, dauert es trotzdem noch zwei Wochen.

Grund dafür ist der Spiritus-Kopallack, der den Holzfiguren ihren eindrucksvollen Glanz verleiht, aber lange Trocknungszeiten erfordert. „Der Durchlauf einer Figur im Unternehmen liegt deshalb bei acht Wochen. Kurzfristige Aufträge können wir nicht umsetzen“, erklärt Produktionsleiter Enrico Schwalbe. Kein Wunder, dass in Grünhainichen schon vor Weihnachten am Frühjahrssortiment gearbeitet wird.

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