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Kein "angestaubter" Beruf 10 außergewöhnliche Fragen an eine Müllerin

Wenn es nach einem alten deutschen Volkslied geht, liegt vor allem das Wandern im Naturell eines Müllers. Doch so viel Zeit bleibt einer Verfahrenstechnologin Mühlen- und Getreidelmittelwirtschaft – wie der Ausbildungsberuf offiziell heißt – gar nicht mehr zum Wandern, denn bis das Mehl hergestellt ist braucht es heutzutage eine Menge Technik, IT-basierte Prozesse und Laborarbeit. Die frisch gebackene Müllermeisterin Lisa Sendker von der Sendker-Mühle in Kamen verrät in unseren zehn außergewöhnlichen Fragen unter anderem, ob sie sich durch das Schleppen von Mehlsäcken das Fitnessstudio spart, was in ihrer Weihnachtsbäckerei auf keinen Fall fehlen darf und wie man als studierte Medien- und Eventmanagerin plötzlich zur Müllermeisterin wird.

1. Ist Wandern Ihre große Lust und Leidenschaft?

Tatsächlich wurde ich bisher noch nie danach gefragt. Zuletzt bin ich in St. Gallen zur Schweizerischen Müllereifachschule gegangen. Die Landschaft in der Schweiz ist wirklich traumhaft - da kommt man fast gar nicht drum herum, mal wandern zu gehen. Die Schweiz ist damit eigentlich der perfekte Standort für eine Müllereifachschule, wenn man an Wilhelm Müllers "Das Wandern ist des Müllers Lust" denkt.

2. Ist "Müller" nicht ein ziemlich angestaubter Beruf?

Das kommt ganz darauf an, wie man die Frage deutet. Zum einen würde ich "angestaubt" im Sinne von körperlicher Arbeit verstehen, also, dass man sich auch mal schmutzig macht. Dies würde ich auf jeden Fall bejahen – ich meine, wir reden von einem handwerklichen Beruf und gerade im Umgang mit Mehl fällt natürlich auch Staub an.

Meinen Sie jedoch, dass der Beruf des Müllers "angestaubt" im Sinne von veraltet ist, würde ich dies auf jeden Fall verneinen.

Ich stufe die Müllerei als ein sehr traditionelles Handwerk ein, welches vielen Menschen gar nicht mehr als solches bekannt ist. Als Teil der Lebensmittelindustrie muss die Müllerei sich viel mehr an die modernen Standards beispielsweise in Bezug auf Hygiene und Qualität anpassen und wird damit vor eine große Herausforderung gestellt, die oft mittels modernster Anlagentechnik gemeistert wird. Der Beruf des Müllers ist somit bei Weitem nicht nur "Säcke schleppen", wie man sich das vielleicht oftmals vorstellt.

3. Was bedeuten eigentlich die Zahlen wie z.B. 405, 550, 1050 usw. auf den Mehl-Verpackungen?

Die Zahlen auf den Mehlverpackungen beschreiben die Mehltype, das heißt welchen Mineralstoffgehalt das Mehl hat. Je dunkler das Mehl ist, desto höher ist die Typenzahl. Aufgrund des höheren Schalenanteils in dem Mehl sind entsprechend auch mehr Mineralstoffe enthalten.

4. Gibt es in Ihrem Betrieb noch ein einsatzfähiges Mühlrad?

Nein, in unserem Betrieb gibt es kein Mühlrad mehr. Die Vermahlung erfolgt über Walzenstühle, auf denen das Mehl in einem Prozess aus mehreren Mahlpassagen hergestellt wird. Nach jeder Passage wird das Mehl auf den Plansichter geschickt, in dem verschiedene Siebe eingelegt sind, um das Mehl entsprechend der Qualität und Granulation in unterschiedliche Fraktionen aufzuteilen. Die Fraktionen werden dann wieder auf eine Mahlpassage auf den Walzenstuhl zurückgeführt, gemahlen und anschließend wieder gesichtet, bis schließlich das Mehl und weitere Endprodukte wie Dunste, Griesse und Kleie aus dem Mahlprozess gewonnen werden.

5. Wie kommt man als junger Mensch auf die Idee Müllerin zu werden und dann noch den Meister darin zu machen?

Im Normalfall würde man eine Ausbildung als Müller/in machen und im Anschluss den Meister. Bei mir lief das Ganze etwas anders. Ich habe direkt nach meinem Abitur Medien- und Eventmanagement in Köln studiert und letztes Jahr meinen Bachelor in diesem Fach absolviert. Im Anschluss an das Studium bin ich ein halbes Jahr später zur Meisterschule in Stuttgart gegangen. Danach ging es direkt in die Schweiz für den Techniker. Mein Ziel war es, in den elterlichen Mühlenbetrieb einzusteigen, der von meinem Vater in der dritten Generation geführt wird. Durch das abgeschlossene Bachelorstudium und einige Praktika in unserem Familienbetrieb war es mir möglich, direkt den Meisterkurs zu belegen. Wie man vielleicht schon an meiner Ausbildung sieht, finde ich es interessant, ganz unterschiedliche Bereiche zu verbinden und somit einen sehr abwechslungsreichen Beruf auszuführen. Zudem ist das Müllerhandwerk etwas sehr außergewöhnliches und gerade als kleiner Handwerksbetrieb wird man vor eine große Herausforderung gestellt, dem Markt weiter standzuhalten, was das Ganze ziemlich spannend macht.

6. Schleppen Sie eigentlich den ganzen Tag Mehlsäcke und sparen sich dadurch das Fitnessstudio?

Nein, ich schleppe eher selten Mehlsäcke – gerade bei körperlichen Tätigkeiten, die eine entsprechende Kraft erfordern, bin ich auf die Hilfe meiner Kollegen angewiesen. Dennoch kommt es natürlich vor, dass ich mir selber einen 25 kg-Mehlsack über die Schulter werfe. Das gehört einfach dazu. Jedoch muss ich schon eingestehen, dass meine Kollegen Tätigkeiten wie zum Beispiel das Absacken und Palettieren einfach besser bewerkstelligen. Da fehlt mir die Kraft und ich würde vermutlich die doppelte Zeit benötigen.

7. Was ist Ihr Lieblingsbackwerk beim Bäcker?

Es mag damit zusammenhängen, dass ich quasi in einer Roggenmühle groß geworden bin. Mein Lieblingsbackwerk beim Bäcker bleibt einfach das Roggenbrot, was vor allem durch das besondere Aroma gekennzeichnet ist. Hinzu kommt, dass es für mich einfach nach Heimat schmeckt.

8. Woher beziehen Sie Ihr Getreide? Haben Sie dafür eigene landwirtschaftliche Flächen?

Wir besitzen keine eigenen landwirtschaftlichen Flächen, aber beziehen unser Getreide überwiegend von Landwirten aus der Region. So können wir sicherstellen, wo unsere Rohstoffe herkommen und somit eine hohe Qualität durch die Zusammenarbeit mit den Landwirten gewährleisten.

9. Gibt es im Müllerhandwerk auch Trends, zum Beispiel in Sachen Mehl oder in Sachen Herstellung?

Natürlich gibt es auch im Müllerhandwerk Trends. Diese können ganz unterschiedlicher Art sein. Zum Beispiel gibt es Trends in Bezug auf die hergestellten Endprodukte. Hier spielen unter anderem aktuelle Ernährungstrends eine Rolle. Momentan würde ich beispielsweise glutenfreie Produkte oder Urgetreidesorten wie Emmer, Einkorn und Dinkel als Trend einstufen.

10. Die Weihnachtszeit naht: Welches Mehl darf in Ihrer Weihnachtsbäckerei auf keinen Fall fehlen?

Ganz klassisch wird natürlich viel Weizenmehl für die Herstellung von Weihnachtsplätzchen verwendet. Ich persönlich verwende auch gerne Vollkornmehle zum Backen. Außerdem lassen sich aus den zuvor genannten Urgetreidesorten auch tolle Gebäcke herstellen, die sich meiner Meinung nach geschmacklich etwas von Weizengebäcken abheben und zudem reich an Mineralien sind. Letztendlich ist dies natürlich aber alles Geschmackssache.

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