Der neue Bildungsbericht ist eine wichtige Bestandsaufnahme, doch aus Sicht des Handwerks bleiben viele Fragen offen. Lehrlinge sind Mangelware und da sollte sich die Politik vor voreiligen Schlussfolgerungen hüten. - Von Lothar Semper
Die zentralen Ergebnisse des Berichts "Bildung in Deutschland 2012" wurden politischerseits so zusammengefasst: Es gibt mehr Abiturienten und Studenten, gleichzeitig sinkt die Zahl der Schulabbrecher. Zudem haben Jungakademiker auf dem Arbeitsmarkt gute Chancen und auch die Lage auf dem Lehrstellenmarkt entspannt sich langsam.
So weit, so gut – oder besser so schlecht. Aus Sicht des Handwerks stellen sich da mehrere Gegenfragen: Warum ist es eine gute Botschaft, wenn es mehr Abiturienten und Studenten gibt? Wann endlich hört die unsägliche Debatte auf, dass wir davon immer mehr brauchen, egal, was diese mit ihren Abschlüssen anfangen? Die Schlussfolgerung, dass sich die Lage am Lehrstellenmarkt langsam entspanne, geht an der Realität vollkommen vorbei. Hier hat sich nämlich ein Paradigmenwechsel vollzogen. Nicht Lehrstellen sind Mangelware, sondern Lehrlinge – zum einen wegen des demografischen Wandels und zum anderen aufgrund eines falsch propagierten Bildungswahlverhaltens.
Und manchmal hat man auch den Eindruck, als wäre es Aufgabe der Berufsausbildung, die Zahl der Jugendlichen im sogenannten Übergangssystem – 300.000 Schulabgänger landen immerhin vorübergehend dort – zu reduzieren. Es ist jedoch eindeutig Aufgabe der Schulen und des Elternhauses, die Jugendlichen ausbildungswillig und ausbildungsfähig zu machen. Der Ausbildungsbetrieb kann nicht reparieren, was vorher versäumt wurde. Schon eine Halbierung der Zahl der Jugendlichen in diesem Übergangssystem würde helfen, den Lehrlingsmangel spürbar zu entspannen.
Der Bildungsbericht selbst ist eine gute und vorurteilslose Bestandsaufnahme. Eine Auseinandersetzung mit deren Ergebnissen lohnt. Was ärgert, sind voreilige politische Schlussfolgerungen. Der Bildungsbericht weist zum Beispiel auf folgende Entwicklungen hin: Das Durchschnittsalter bei Beginn einer dualen Ausbildung beträgt mittlerweile 19,5 Jahre. Womit wird die Zeit zwischen Schulabschluss und Ausbildungsbeginn vertrödelt?
Eine besonders wichtige Frage richtet sich an die Politik: Wie gestaltet sich das Verhältnis von Hochschule und beruflicher Bildung, wenn die Hochschulen zum quantitativ stärksten Ausbildungssektor werden? Damit müssen wir uns dringend auseinandersetzen. Ein Fakt ist dabei auch noch zu berücksichtigen: Die geringe Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland ist maßgeblich das Verdienst unseres dualen Systems der Berufsausbildung!
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