Lebenswege -

Lebenswege Vom Unternehmer zum Studenten

Er war der jüngste Handwerksmeister Deutschlands, hat mit 20 schon die Dachdeckerei des Großvaters übernommen und mit 26 eine Solarfirma gegründet. Jetzt ist Falk Quittel 29, seine Firmen sind wirtschaftlich erfolgreich. Jetzt will er seine beiden Firmen verkaufen und Medizin studieren. Der Meisterbrief macht’s möglich.

Der Mark Zuckerberg des deutschen Handwerks könnte ein glücklicher Mann sein. Denn ähnlich wie der amerikanische Student, der mit Facebook eines der heute weltweit wertvollsten Unternehmen gründete, hat auch Falk Quittel in seinem kurzen Berufsleben enorm viel erreicht. Im vergangenen Jahr haben die Dachdeckerei in Weinböhla und die Ampere Solar GmbH in Dresden zusammen einen Gewinn von 341.500 Euro erwirtschaftet.

Im Juli will er seine langjährige Freundin Claudia heiraten. Der gemeinsame Sohn Luca ist ein Jahr alt. Doch der junge Mann, der im roten Freizeithemd auf der Terrasse eines Münchener Hotels dem Reporter gegenübersitzt, behauptet: "Ich bin nicht glücklich. Manchmal habe ich das Gefühl, vor einer Wand zu stehen."

Deshalb möchte der Dachdeckermeister einen Schnitt in seinem Leben machen. Den Traum vom Medizinstudium hegt er schon lange. Jetzt will er ihn in die Tat umsetzen. Mit dem Meisterbrief hat er die nötige Zugangsvoraussetzung auch ohne Abitur. Allerdings dürfte er im heimischen Sachsen nur technische Studienfächer belegen. Andere Bundesländer sind da offener. Und so hat sich Quittel an der Universität Jena beworben, wo Anfang August die 260 Plätze für das Medizinstudium vergeben werden.

Den Numerus Clausus von 1,7 kann er ohne Abitur nicht erfüllen, aber Quittel weiß, dass 20 Prozent der Studienplätze nach Wartezeit vergeben werden. Seit seiner Meisterprüfung, deren theoretischen Teil er just an seinem 20. Geburtstag ablegte, sind inzwischen 18 Wartesemester vergangen. "Meine Chancen stehen bei 99 Prozent", hofft der Bewerber, der schon für einen "Schnuppertag" im Hörsaal saß und ab Oktober dort Stammgast sein möchte.

Bis dahin will Quittel seine Unternehmen verkauft wissen. Nach München ist er gekommen, um auf der weltgrößten Fachmesse für Solartechnik Interessenten zu finden. "Welcome to the win-win-investment with Ampere Solar" steht auf den Broschüren, die am 32 Quadratmeter großen Stand in Halle C2 der "Intersolar" ausliegen und die Erfolgsgeschichte der beiden sächsischen Handwerksbetriebe mit Zahlen untermauern. Zwischen 2008 und 2010 ist der Umsatz von 936.000 auf 2,09 Millionen Euro geklettert. Der Gewinn hat sich mehr als verdreifacht.

Makelloser Notendurchschnitt

"Falk Quittel hat aus einem gut gehenden Unternehmen ein noch besseres gemacht", sagt Andreas Leidig. Der Betriebsberater der Handwerkskammer Dresden hat Wolfgang Quittel, den Großvater, bei der Betriebsnachfolge unterstützt und steht seit gut zehn Jahren auch dem Enkel regelmäßig beratend zur Seite. Immer wieder habe ihn dieser mit neuen Vorhaben überrascht und sie stets realisiert. "Ich kenne keinen zweiten Unternehmer, der so konsequent handelt", lobt Leidig.

Dabei war Dachdecker keineswegs der Traumberuf von Falk Quittel. Trotzdem fügte er sich dem Wunsch der Familie und absolvierte eine Ausbildung im Handwerk, um rechtzeitig den Betrieb des Großvaters übernehmen zu können. "Es hat mir auch immer Spaß gemacht", gesteht Quittel. Schon die Berufsschule stellte den ehrgeizigen Jungen kaum vor Probleme.

Das zweite Lehrjahr schloss Quittel mit einem Notendurchschnitt von 1,0 ab. So konnte er seine Lehrzeit von drei auf zweieinhalb Jahre verkürzen und direkt im Anschluss mit der Meisterschule beginnen ohne die damals noch vorgeschriebenen Gesellenjahre und ausgestattet mit einer Begabtenförderung der Handwerkskammer. Mit 20 Jahren war Falk Quittel schon Chef von acht Mitarbeitern – so steil kann eine Karriere im Handwerk verlaufen.

Aus Schwärmerei wird Ernst

„Aber gleich bei meinem ersten Auftrag habe ich vergessen, die Dachziegel zu bestellen“, schmunzelt Quittel über seinen holprigen Start in die Selbstständigkeit. Zum Glück stand da noch der Großvater mit Rat und Tat zur Seite. Er habe nicht reingeredet, aber geholfen, wenn es nötig war. Aus der Schwärmerei für die Medizin hat Quittel schon damals keinen Hehl gemacht. In seinem Umfeld hat deswegen aber niemand für möglich gehalten, dass daraus irgendwann Ernst wird.

Im Januar hat er zunächst seine Freundin eingeweiht und um Unterstützung gebeten. Sie war auf seiner Seite. Die Offenbarung gegenüber dem Großvater hat Falk Quittel dann doch schlaflose Nächte bereitet. Immerhin hat sein Opa den Dachdeckerbetrieb über viele Jahre unter den schwierigen Bedingungen der sozialistischen Planwirtschaft geführt.

"Inzwischen bedauert er am meisten, dass ich während des Studiums nicht mehr zu Hause sein kann", sagt der Enkel, der wenige Tage vor der Messe in München schließlich auch seine insgesamt 14 Mitarbeiter in seine Pläne einweihte. Das Führungspersonal hätte sofort Verständnis für seine Entscheidung gezeigt. Bei den anderen Mitarbeitern schwinge schon die Angst um den Arbeitsplatz mit. "Aber warum sollte ein Investor die Strukturen nicht erhalten?“, fragt Quittel und liefert die Antwort gleich hinterher: „Die Mitarbeiter sind doch die Grundlage für den wirtschaftlichen Erfolg."

Drei Gruppen an Interessenten

Für den Verkauf seiner Unternehmen verfolgt Falk Quittel eine feste Strategie. Die möglichen Interessenten teilt er in drei Gruppen: Solarteure aus Süddeutschland, die wachsen möchten. Denn in Bayern oder Baden-Württemberg seien viele Dächer schon mit Solarmodulen belegt. Sachsen hingegen habe bei der Photovoltaik bundesweit nur einen Marktanteil von zwei Prozent. Außerdem böten sich in Tschechien und Polen weitere Märkte mit großem Potenzial.

Quittel könnte sich aber auch einen Dachdecker als Käufer vorstellen, dessen Unternehmen in eine neue Branche einsteigen möchte. Mit der Kombination von klassischer Dachdeckerei und Solarbetrieb hat der Sachse beste Erfahrungen gemacht. "Es gibt kaum Solarteure, die das Dach so gut beherrschen wie wir. Das schafft Vertrauen bei den Kunden", sagt Quittel. Als dritten Käufertyp sieht er Finanzinvestoren, die ihr Image aufbessern möchten. Denn nicht erst seit der Katastrophe von Fukushima gelten erneuerbare Energiequellen als saubere Alternative gegenüber fossilen und nuklearen Brennstoffen.

Falk Quittel wirkt entspannt. Die Weichen für sein weiteres Leben sind gestellt. "Es gibt kein Zurück", sagt er unmissverständlich. Der Erlös aus dem Verkauf seiner Firmen wird ihm für das Studium materielle Sicherheit bieten. Verläuft alles nach seinen Vorstellungen, dann hat er mit Mitte 30 den Abschluss als Arzt in der Tasche. Sohn Luca wird dann die zweite Klasse besuchen. Und der Papa wird weiter seinen Traum leben. Am liebsten bei den Ärzten ohne Grenzen.

Unterbeiträge zu diesem Artikel
© deutsche-handwerks-zeitung.de 2017 - Alle Rechte vorbehalten
Kommentare

Mehr Informationen dazu finden Sie hier.

* = Pflichtfelder. Bitte ausfüllen