Lebenswege -

Stephan Büchler im Portrait Vollgas trotz Handicap

Mit 16 Jahren verliert Stephan Büchler sein rechtes Bein. Seither packt er sein Leben an und setzt sich dabei immer neue Ziele. Viele hat er bereits erreicht.

Stephan Büchler Portrait
Was sich viele nicht trauen, macht Stephan Büchler mit einem Bein: Er war beim härtesten Downhill-Rennen der Welt dabei. -

Eigentlich wollte er Archäologe werden. Jetzt ist er Extremsportler. Und Unternehmer. Und Student, Orthopädietechniker, gibt Seminare und betreut krebskranke Kinder. Ach ja, und: Stephan Büchler ist oberschenkelamputiert.

Er war ein ganz normaler Jugendlicher, ging zur Schule, traf sich mit Freunden, machte Sport. Mit 15 änderte sich für Büchler alles. Er hatte ein Ewing-Sarkom, eine seltene Form des Knochenkrebses am Unterschenkel. Doch das erkannten die Ärzte nicht gleich. Als sie schließlich die richtige Diagnose stellten, war es zu spät. Büchler verlor sein rechtes Bein, knapp oberhalb des Knies wurde es amputiert. Das war kurz vor seinem 17. Geburtstag.

"Ich bin ein Chinaprodukt. Von mir kriegt man alles."

Von der Mitteilung bis zur Operation verging eine Woche, die härteste seines Lebens. Eine Woche, in der er von vielen immer wieder hörte, was künftig nicht mehr geht. Büchler hat sie reden lassen.

Als er nach mehr als eineinhalb Jahren aus dem Krankenhaus entlassen wurde, realisierte er erst: Das Leben ist jetzt so. Für immer ohne rechtes Bein. Er merkte: Alles, was jetzt kommt, wird er sich hart erarbeiten müssen. Alleine die Prothese beim Gehen zu belasten, kostete den Jugendlichen anfangs Überwindung. Die Ärzte besorgten ihm zwar einen Psychologen, doch das wollte der damals 17-Jährige einfach nicht: "Der kann mir das Bein auch nicht wieder anquatschen", erzählt er heute mit sarkastischem Unterton.

Stephan Büchler Laufen
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To-do-Liste für das Leben

Das Bein war weg, das musste Büchler akzeptieren. Den Rest nicht. Ein halbes Jahr nach der Amputation begann er, Sport zu machen. Vor allem das Fahrradfahren hatte es ihm angetan. Oft war er übermotiviert, immer wieder trainierte er so lange, bis sein verbliebener Oberschenkel blutig war. "Ich bin sehr streng zu mir", sagt er über sich selbst.

17 Jahre später hat Büchler alle Ziele erreicht, von denen er ursprünglich dachte, sie seien utopisch. Goldmedaille mit dem Mountainbike bei den "Extremity Games", den Paralympics der Extremsport­arten? Geschafft – genau so wie ­Silber und Bronze. "Megalvalche" – das härteste Downhill-Rennen der Welt? Büchler war dabei. 2.000 Kilometer entlang der Ostsee mit dem Fahrrad? Erledigt. Es mussten neue Ziele her, eine neue To do-Liste für sein Leben.

Triathlon und Windsurfen

Vor eineinhalb Jahren gründete er also sein Unternehmen "NoLimits SGV". Büchler hilft anderen, die kurz vor einer Amputation stehen oder sie gerade hinter sich haben. In Seminaren und Vorträgen teilt er seine Erfahrungen. Er will ihnen zeigen: Es geht weiter. Ob technische Fragen zur Prothese, Tipps für den Sport oder psychische Unterstützung – Büchler hat Antworten. "Ich bin ein Chinaprodukt. Von mir kriegt man alles", scherzt er.

Nebenbei studiert der Unternehmer. Dieses Jahr will Büchler zudem noch einen Triathlon mitmachen, demnächst Windsurfen lernen und den Wheelie-Weltrekord (Fahren auf dem Hinterrad) aufstellen. Für den Erfolg trainiert er bis zu vier Stunden am Tag. Selten passt das Wort "Unternehmer" besser zu einer Person.

Prothesen sind Kunst

Büchler will so normal wie möglich leben. Doch ihm geht es nicht darum, so zu tun, als hätte er noch beide Beine. Sein rechtes Bein ist und bleibt künstlich. Daher sind auch seine Prothesen Kunst – bunt und auffällig. Fleischfarbene Prothesen sind ganz schrecklich, findet Büchler. Darum baut und entwirft er sie selbst.

Ein Jahr nach der Amputation hatte er eine Ausbildung zum Orthopädietechniker begonnen, das Archäologiestudium war vergessen: "Ehrlich gesagt habe ich das nicht gemacht, um anderen zu helfen. Ich habe das gemacht, um erst einmal mir zu helfen", sagt Büchler.

Heute will er anderen zeigen, dass ein normales Leben trotz Amputation möglich ist: Man kann Joggen ­gehen, auch wenn man keine 100.000-Euro-Prothese hat. Sein eigenes Laufbein kostet 15.000 Euro. "Jeder Kassenpatient kann das bekommen", sagt der Handwerker.

Genauso positiv, wie Büchler gegenüber dem Leben eingestellt ist, genauso intensiv kann er sich über gewisse Dinge aufregen. Etwa, wenn hunderte Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken. Wenn ihn, den zu 60 Prozent Schwerbehinderten, gesunde Jugendliche um Geld anschnorren. Wenn Leute sagen, amputierte Sportler hätten einen Vorteil, wie beim erfolgreichen Leichtathleten Markus Rehm. Oder wenn er sieht, wie wenig Behinderte in Deutschland gefördert werden.

"Keine Krankenkasse zeigt Amputierten, welche Möglichkeiten sie noch haben", sagt Büchler. Und: Warum bekommt ein Parathlet für eine Goldmedaille bei den Olympischen Spielen nur 15.000 Euro, sein gesunder Kollege aber das Doppelte?

Alles was er gelernt hatte, kann er jetzt wieder

Doch das ist nicht der Grund, warum die Paralympics für Büchler kein Thema sind. Zumindest noch nicht. "Warum trennt man das denn überhaupt?", fragt er. Das wirke immer wie: "Oh, schau, die Behinderten machen auch mal Sport", meint der Goldmedaillengewinner.

Oft bekommt Büchler von anderen zu hören, was für ein Glück er doch habe. Er mit seinem Erfolg. Darüber kann der Sportler allerdings nur lachen. Er hätte auch gerne zwei Beine, aber das ist nicht zu ändern. Also macht er das Beste daraus. Alles was er bis zur Amputation gelernt hatte, kann er jetzt wieder. "Als ich vor zwei Jahren mit dem Laufen begonnen und gesehen habe, dass es funktioniert, hätte ich heulen können."

Sport ist seine Droge

Büchler ist jetzt 35. Vor einiger Zeit ist seine Beziehung zerbrochen. Daraufhin zog er von Kiel zurück nach Wismar, der Stadt seiner Kindheit. Ab 40 will er Familie und Kinder, bis 50 möchte er Leistungssport machen. Es geht immer weiter.

Mutter und Tante schütteln nur mit dem Kopf, wenn er immer wieder mit neuen Projekten ankommt. "Sie dachten anfangs, ich rede nur viel", erinnert sich Büchler lachend. "Bis sie gesehen haben: Der macht es wirklich." Er hat es allen gezeigt.

Büchler bringt die Leute in seiner Umgebung dazu, zu vergessen, dass ihm ein Bein fehlt. Er selbst kann das nicht. Da sind diese Phantomschmerzen. Rund um die Uhr. Vor allem den Vorderfuß spürt er ständig – so als wäre er noch da. An schlechten Tagen, vor allem wenn das Wetter entsprechend ist, schmerzt außerdem die Ferse. Das zumindest suggeriert ihm sein Gehirn. Dass manche Amputierte zu Schmerzmitteln und Drogen greifen, kann er nachvollziehen.

Büchlers Droge ist der Sport. Wenn er läuft oder Fahrrad fährt, sind die Schmerzen weg – oder immerhin ausgeblendet. Hin und wieder hilft dagegen auch ein Bier mit Freunden. So wie im ganz normalen Leben.

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