Lebenswege -

Lebenswege Unternehmenskultur im Geiste Luthers

Andreas Müller hat Theologie studiert, ist dann aber in den Handwerksbetrieb der Familie eingestiegen. Wenn er betet, denkt er nicht an die Bilanz, sondern an seine Verantwortung für die Mitarbeiter.

Fünf Tage Hongkong. Ausgerechnet Geschäftsreisen bringen Andreas Müller Momente des Innehaltens. Zeit zur Besinnung, die dem Theologen in seinem beruflichen Alltag sonst eher selten bleibt. Denn Andreas Müller hat sich nach seinem Studium für den Eintritt ins heimische Familienunternehmen entschieden, weil ihn diese Aufgabe schließlich doch mehr reizte als ein Pfarramt und die Seelsorge.

Seither fordert der Alltag als Geschäftsführer der Firma Mühle ständig Entscheidungen, muss sich der Geist auf ganz profane Dinge konzentrieren. Trotzdem hat Andreas Müller seinen Schritt nie bereut. "Als Pfarrer wäre mir mein Beruf viel eher als Arbeit vorgekommen", gesteht der 33-Jährige, dem die weitere Entwicklung des Unternehmens manchmal gar nicht schnell genug gehen kann. So musste Müller bis nach Fernost reisen, um Ende November mit der Einsicht ins winterliche Erzgebirge zurückzukehren: "Ich muss geduldiger werden." Dabei strahlt der junge Mann ein bisschen von jener Gelassenheit aus, wie sie kirchlichen Würdenträgern im Allgemeinen eigen ist. Kein Anzeichen von Hektik oder Stress. Nur der gelegentliche Blick auf das Smartphone verrät den Unternehmenslenker.

Mühle anfangs im Gegenwind

Die Firma Mühle, genauer gesagt die Hans-Jürgen Müller GmbH & Co. KG in Stützengrün, gilt als bedeutendster deutscher Hersteller von hochwertigen Rasierpinseln. In diesem Jahr konnte Familie Müller das 65-jährige Firmenjubiläum feiern. Gegründet von Großvater Otto Johannes Müller, musste dessen Sohn Hans-Jürgen 1973 in der DDR die Verstaatlichung seines Unternehmens miterleben, blieb aber als technischer Leiter im Betrieb, den er 1990 wieder übernehmen durfte.

Andreas Müller, der heute gemeinsam mit seinem Bruder Christian in dritter Generation die Geschicke des Unternehmens leitet, kann sich noch gut an die ersten Jahre nach der Reprivatisierung erinnern. An den Kampf des Vaters um das Überleben der Firma. An Abende voller Ungewissheit, an denen nicht klar war, wie und ob es am nächsten Tag weitergeht. Das hat den Halbwüchsigen geprägt, der schon frühzeitig ein Gespür für die gesellschaftlichen Veränderungen in der DDR entwickelte.

Theologe statt Tischler

Als am 9. November 1989 der SED-Bonze Günter Schabowski während einer Pressekonferenz im Fernsehen eher beiläufig die Grenzöffnung verkündete, da drückte der 13-Jährige instinktiv auf den Aufnahmeknopf seines Kassettenrekorders, um die historische Rede festzuhalten. "Die Wende kam für mich zum richtigen Augenblick", sagt Andreas Müller, der seine Vergangenheit in der DDR trotzdem nicht als Nachteil, sondern eher als Bereicherung empfindet. "Wer das erlebt hat, kann Demokratie und Freiheit viel besser schätzen."

Aufgewachsen sind Andreas Müller und sein Bruder in einem von christlichen Werten geprägten Elternhaus, ihre Freunde fanden sie in der Jungen Gemeinde ihres Heimatortes Hundshübel, der heute zu Stützengrün gehört. Ein Studium schien da ausgeschlossen, das war Andreas Müller schon als Kind klar. Dann lernst du eben ein Handwerk, dachte der Junge damals. Am liebsten wäre er Tischler geworden, weil die so kreativ mit Holz arbeiten. "Doch als die Mauer gefallen war, habe ich alle meine Pläne sofort über Bord geworfen. Plötzlich standen uns ja alle Möglichkeiten offen", erinnert sich Müller, den es nach dem Abitur erst einmal für ein Jahr nach Kanada zog.

Andreas Müller
© Foto: Steudel

An einem theologischen College nahe Vancouver wurde der Protestant auch mit fundamentalistischen Glaubensauffassungen konfrontiert. Zu einem regelrechten Kontrastprogramm dazu gestaltete sich das Studium in Leipzig und Heidelberg, wo Andreas Müller die Theologie Martin Luthers als persönliche Glaubenswahrheit gewiss wurde. Gott nimmt die Menschen an, so wie sie sind, egal was sie geleistet oder verbrochen haben. Eine innere Erkenntnis, die auch Müllers Auffassung von Unternehmenskultur beeinflusst: Mit Druck kann man Menschen weder verändern noch anleiten.

Reichlich 30 Mitarbeiter zählt die Firma Mühle, die in diesem Jahr ihren Umsatz aller Voraussicht nach um 14 Prozent auf 4,7 Millionen Euro steigern wird. Die Investitionen der letzten Jahre von rund 1,5 Millionen Euro wurden alle aus Eigenmitteln gestemmt. Die kürzlich eingeweihte Produktionshalle und das neue Hochregallager zeugen von dem Ziel, die ohnehin hohe Fertigungstiefe noch weiter zu erhöhen.

In Wahrnehmung geschult

Am Erfolg des aufstrebenden Unternehmens hat auch Andreas Müller schon seinen Anteil, obwohl er erst vor vier Jahren in die Geschäftsleitung eingestiegen ist. Eigentlich war ihm der technische Bereich vorbehalten, doch zuerst wollte er die Strukturen der Firma ordnen. "Als Neuer hat man einen unverstellten Blick auf die Dinge. Wir haben auch Unternehmensberater ins Haus geholt, um unsere Prozesse weiter zu optimieren", blickt der Quereinsteiger zurück.

Später wurde ein technischer Leiter eingestellt, so konnte sich Andreas Müller mehr auf die Entwicklung neuer Produkte und Marketingstrategien konzentrieren. "Marketing hat viel mit Wahrnehmung zu tun und die wird beim Theologiestudium geschult", sagt Müller, der sich selbst als feinfühligen Menschen charakterisiert.

Von seinem Arbeitsplatz bietet sich Andreas Müller ein grandioser Ausblick über die Wälder des Erzgebirgskammes, deren schneebepuderte Wipfel im Advent für die richtige Weihnachtsstimmung sorgen. "Ich bete manchmal dafür, dass alles in guten Bahnen verläuft, das Unternehmen eine segensreiche Entwicklung nimmt." Wenn Andreas Müller das sagt, dann meint er nicht die Bilanz. Er meint die Menschen. Mitarbeiter, die vom Mehrwert profitieren - durch bessere Arbeitsbedingungen, moderat steigende Löhne und Gewinnausschüttungen.

In der Vorweihnachtszeit läuft bei Mühle die Hauptsaison. Das Geschäft brummt. Doch wenn Andreas Müller aus dem Fenster schaut, wird er demütig. Das Erzgebirge sei ein rauer Landstrich, der im Winter die Leute von jeher dazu gezwungen habe, kürzerzutreten. In Hongkong ist ihm das wieder bewusst geworden.

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