Unternehmensführung -

Erfolgreiche Betriebsnachfolge Unternehmensbewertung: Wie viel ist mein Betrieb wert?

Jedes Jahr wird in Deutschland eine Vielzahl an Handwerksbetrieben an Nachfolger übergeben. Damit die Betriebsnachfolge erfolgreich verläuft, bedarf es einer Unternehmensbewertung. Die Handwerkskammer hilft dabei.

Firmenbewertung
Zahlreiche Betriebe werden in Deutschland jedes Jahr vom Betriebsinhaber an ­einen Nachfolger übergeben. Wer übergibt, muss den Wert seines Unternehmens analysieren und bewerten. - ©

Betriebsnachfolge ist ein strategisches Thema, das einen Vorlauf von mehreren Jahren haben sollte. Leistungsspektrum, Personalmanagement, Investitionstätigkeit und Standortsicherheit sind nur Beispiele aus einer Vielzahl von Aspekten, die rechtzeitig berücksichtigt werden müssen, um die Weichen für die Bestands­sicherung zu stellen. Sowohl bei einer familieninternen Nachfolge im Wege der Schenkung oder Erbfolge als auch bei einer externen Lösung stellt sich die Frage des Unternehmenswerts.

AWH-Standard

Die Arbeitsgemeinschaft der Wert ermittelnden Betriebsberater im Handwerk hat das AWH-Verfahren ent­wickelt, das die Besonderheiten von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) und hier insbesondere von Handwerksbetrieben bei der Unternehmsbewertung berücksichtigt. Das seit vielen Jahren eingesetzte und steuerlich anerkannte AWH-Verfahren besteht aus zwei Komponenten, nämlich der Ermittlung des Substanzwerts des Anlagevermögens und der Ermittlung des Ertragswerts des Betriebs.

Substanzwert und Ertragswert sind eng miteinander verwoben, denn der Substanzwert bildet die Wertuntergrenze ab und ist zusammen mit der Restnutzungsdauer unter anderem die Berechnungsgrundlage für die kalkulatorische Abschreibung. Der Ertragswert errechnet sich durch Kapitalisierung der zukünftig zu erzielenden Überschüsse.

Ertragswert

Stark vereinfacht und beispielhaft lässt sich die Ermittlung des Ertragswertes für ein Einzelunternehmen, das in eigenen Räumen arbeitet wie in der Tabelle „Ermittlung des Ertragswerts für ein Einzelunternehmen“ darstellen. Durch die Anwendung eines individuell ermittelten Kapitalisierungszinssatzes errechnet sich schließlich der Ertragswert. Ein Kapitalisierungszins von zum Beispiel 25 Prozent führt im Beispiel der aufgeführten Tabelle zu einem Ertragswert von 65.000 Euro.

Ermittlung des Ertragswerts für ein Einzelunternehmen

gewichteter Jahresüberschuss der letzten Jahre (bereinigt um ­einmalige Effekte wie Erträge aus dem Verkauf von Anlage­vermögen) 100.000 Euro
./. kalkulatorischer Unternehmerlohn - 60.000 Euro
+ steuerliche AfA +10.000 Euro
./. kalkulatorische Abschreibung - 5.000 Euro
./. kalkulatorische Miete - 20.000 Euro
= betriebswirtschaftliches Ergebnis 25.000 Euro
./. typisierte Einkommensteuer 35 % - 8.750 Euro
= betriebswirtschaftliches Ergebnis nach Steuern (im Sinne der eigentlichen Rendite) 16.250 Euro*

*hierauf Anwendung eines individuell ermittelten Kapitalisierungszinssatzes

Erst der Kapitalisierungszins sagt also aus, "wie oft" diese Rendite pro Jahr entrichtet werden soll beziehungsweise in welchem Zeitraum dem Nachfolger die Tilgung eines zur Kaufpreisfinanzierung aufgenommenen Darlehens gelingen kann. Im Vergleich zu Industriebetrieben ist der Kapitalisierungszins bei der Bewertung von Handwerksbetrieben hoch. Trotzdem oder vielmehr deshalb ist das AWH-Verfahren marktgerecht, weil die für Handwerksbetriebe typischen Faktoren in die Bewertung einfließen. Die Ertragslage wird geprägt durch:

  • die Inhaberfamilie,
  • die Kundenabhängigkeit,
  • das Produkt- und Leistungsprogramm,
  • die Wettbewerbssituation,
  • die Betriebsausstattung,
  • die Beschäftigtenstruktur.
Diese eingehende Analyse des Betriebs macht eine Unternehmensbewertung überhaupt erst möglich. Der Ertragswert beinhaltet die Grundlagen des Unternehmens als intakte Einkommensquelle, also das betriebsnotwendige Anlagevermögen sowie den betriebsnotwendigen Materialbestand. Die eigentliche Attraktivität des Betriebs kommt erst im Firmenwert zum Ausdruck, der der Differenz aus Ertrags- und Substanzwert entspricht. Der Firmenwert resultiert in erster Linie aus einem guten Unternehmensruf sowie den Kunden und den Mitarbeitern.

Ertragswert = Firmenwert + Substanzwert

Insgesamt ergibt sich nun für unser Beispiel in der Tabelle oben bei einem angenommenen Substanzwert von 30.000 Euro (hierin ist die betrieblich genutzte Immobilie nicht enthalten) ein Firmenwert von 35.000 Euro. Werden weitere Aktiva wie Bankguthaben und halbfertige Erzeugnisse sowie Passiva wie Anzahlungen oder Lieferantenverbindlichkeiten übernommen, so sind im letzten Schritt entsprechende Hinzurechnungen beziehungsweise Abzüge vorzunehmen.

Kalkulatorischer Unternehmerlohn

Die Beispielrechnung zeigt gerade auch den Einfluss des kalkulatorischen Unternehmerlohns auf den Unternehmenswert. Basis kann der Tariflohn eines Betriebsleiters im jeweiligen Handwerk sein. Hinzu kommen ein Zuschlag für den fehlenden Arbeitgeberanteil an der Sozialver­sicherung sowie ein individueller Zuschlag für die Unternehmertätigkeit.

Das Institut für Mittelstandsforschung (IfM) in Bonn führt dazu in der Studie "Unternehmensnachfolgen in Deutschland 2014 bis 2018" aus, dass nur Unternehmen als übernahmewürdig anzusehen sind, die einen kalkulatorischen Unternehmerlohn einschließlich Eigenkapitalzinsen und Risikozuschlag erwirtschaften. Der für die Fortführung eines Unternehmens ohne Kapitaleinsatz erforderliche Jahresmindestgewinn beträgt nach dieser Studie 53.989 Euro. Ein angemessener kalkulatorischer Unternehmerlohn wird aber meistens sogar höher sein.

Schenkung oder Erbfolge

Bei einer Schenkung oder Erbfolge muss der Unternehmenswert auf diesen Zeitpunkt festgesetzt werden. Bei der spätestens zum 30. Juni 2016 umzusetzenden Reform des Erbschaft- und Schenkungsteuergesetzes ist davon auszugehen, dass Betriebsvermögen weiterhin steuerlich begünstigt sein wird, allerdings die Lohnsummenklausel bei mehr Betrieben gelten wird. Bei einer Unterschreitung der Mindestlohnsumme oder einem Verstoß gegen die Behaltensregelungen fällt anteilig Steuer an. Sollen nach dem Übergang laufende Zahlungen an die Eltern entrichtet werden, stellt sich zudem die Frage, ob die Ertragskraft des Betriebs ausreichend ist.

Verkauf

In der Praxis fallen die Vorstellungen von Käufer und Verkäufer dann weit auseinander, wenn Inhaber den Verkauf mehr als ihre Altersversorgung und weniger als Maßnahme der Bestandssicherung sehen. Die Unternehmensbewertung liefert eine Hilfestellung für die Ermittlung eines angemessenen Kaufpreises.

Maßstab der Unternehmensbewertung ist der Betrieb als intakte Einkunftsquelle für den Nachfolger. Das setzt aber voraus, dass nach Berücksichtigung eines kalkulatorischen Unternehmerlohns ausreichend Spiel für den Kapitaldienst aus der Kaufpreisfinanzierung und erforderliche Investitionen verbleibt.

Beim Schritt in die Unternehmensnachfolge und bei der Unternehmensbewertung berät Sie Ihre zuständige Handwerkskammer.

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