"Unter Vorbehalt" - Wochenrückblick - deutsche handwerks zeitung

Wochenrückblick - 31.08.2012

Die Woche mit der DHZ

"Unter Vorbehalt"

Zum Glück bietet uns die deutsche Sprache Formulierungen wie "unter Vorbehalt". Ansonsten wäre diese Woche ganz schön trostlos verlaufen. Doch jetzt zahlen wir Energiepreise unter Vorbehalt, die Kanzlerin plant Deutschlands Zukunft unter Vorbehalt und die Banken lassen den Euro schon mal unter Vorbehalt crashen. - Von Jana Tashina Wörrle

Jana Tashina Wörrle
Kasia Sander
Jana Tashina Wörrle, Online-Redakteurin der Deutschen Handwerks Zeitung.

"Wenn das Wörtchen "wenn" nicht wär', wär' ich längst schon Millionär" – mit dieser Redewendung hat sich doch schon jeder einmal an den Swimmingpool seiner eigenen Villa geträumt oder auf den Fahrersitz des neuen Porsches. Sie haben doch bestimmt auch Starqualitäten in Ihrem Beruf, in einem Hobby oder einfach als Person, die noch keiner erkannt hat? Die Bundesregierung hat es da einfacher: Sie kann grundsätzlich all das auch alleine durchboxen, wozu sie gerade Lust hat. Sie muss nur die Formulierung "unter Vorbehalt" davorsetzen.

So zeigten die Minister in dieser Woche, dass es doch plötzlich ganz einfach ist, Rentenbeitragssätze zu senken, gegen die hohen Strompreise vorzugehen und gleichzeitig die Interessen der Industrie zu befriedigen und dann auch noch die Zukunft Deutschlands grundsätzlich neu bestimmen zu wollen. "Unter Vorbehalt" ist eben alles möglich.

Unter Vorbehalt für die Katz

Angefangen hat die Woche genauso wie sie aufgehört hat: mit der Eurokrise und der unfertigen Rentenreform. Zwar hat sich bis jetzt noch immer nichts Entscheidendes geändert. Doch zwischenzeitlich haben die Finanzmärkte unter Vorbehalt einfach mal den Euro zusammenbrechen lassen, damit ihn die EZB dann mit der neuen Bankenaufsicht wieder retten kann. Alles beim Alten, aber die Erfolgsmeldungen klangen wunderschön theatralisch.

Bei der Rentenreform war es so ähnlich: Erst der Streit, dann die komplette Absage, dann wieder Streit und am Ende die Meldung: Die Beiträge werden unter Vorbehalt gesenkt. Dass es nach der Debatte im Bundesrat wieder ganz anders aussehen kann, wird dann besser nur im Subtext erwähnt. Entschieden wurde also eigentlich noch gar nichts.  

Als nächstes dann das Lieblingsthema der Minister Rösler und Altmaier: die Energiepreise. Unter Vorbehalt werden diese von den Energiekonzernen und der Regierung ja schon eine ganze Weile immer weiter nach oben getrieben – schließlich weiß keiner, was noch alles auf uns zukommt, wenn die Sonne weiter scheint und der Wind weiter weht.

Doch in dieser Woche wollte die Politik endlich etwas gegen die Kosten unternehmen. Ergebnis: Unter Vorbehalt zahlen wir jetzt nochmals ein bisschen mehr. Falls sich der Netzausbau verzögert, muss die Regierung schließlich mit irgendetwas die Strafzölle der Betreiberfirmen unserer Stromautobahnen bezahlen können. Versicherungen kosten nun mal – das weiß jeder, der ein Auto fährt nur zu gut.

Als die großen Themen dann abgefeiert waren, ging es im Kleinen weiter. Und "im Kleinen" bedeutet hier, dass es um die Zukunft Deutschlands ging. Groß ist der Name: "Bürgerdialog zur Zukunft Deutschlands". Ganz klein dagegen das, was er aussagt: ein paar Vorschläge, die sich die Kanzlerin jetzt mal ansehen will. Hier wurde wieder toll mit der deutschen Sprache gespielt, denn zur Zukunft Deutschlands wurde dabei nicht einmal "unter Vorbehalt" etwas gesagt. Es gibt ein Konzept mit Ideen, OK. Aber das war's leider auch schon. Unter Vorbehalt bis jetzt also für die Katz.

Von der Politik gelernt

Etwas kleiner waren aber auch die Entscheidungen der Richter vom Bundesarbeitsgericht. Sie haben entschieden, dass Bewerber für eine Stelle, die dann doch nicht ausgewählt werden, auch dann auf eine Entschädigung im Rahmen des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes klagen können, wenn die Stelle am Ende gar nicht besetzt wird. Vorschlag unter Vorbehalt: Wir sollten demnächst alle bei jedem Vorstellungsgespräch im Vorfeld schon mal unter Vorbehalt einen Einspruch gegen die Stellenbesetzung einlegen. Umso besser wenn die Stelle dann doch gar nicht besetzt wird. Denn dann kann man quasi jeden Grund als Diskriminierung angeben. Schließlich hätte der andere, der die Stelle auch nicht bekommen hat, ja schlechter qualifiziert, älter oder ein Mann sein können.

Vorteile kann die Taktik mit dem "unter Vorbehalt" aber auch Arbeitgebern bringen. Denn wer seine Mitarbeiter einfach mal unter Vorbehalt lobt, sorgt für gute Laune und verhindert vielleicht sogar Fehler beim Arbeiten. Etwas anderes sollte man dagegen auch unter Vorbehalt nicht tun: Einsprüche gegen offizielle Verfahren bei Behörden per E-Mail senden. Denn diese sind nicht gültig.

Gültig ist dagegen das nahende Wochenende. Und da es ja zum Glück auch wieder Sport im Fernsehen gibt, – schließlich haben in dieser Woche die Paralympics begonnen – kann man jetzt mal ohne Vorbehalt die Füße hochlegen und den Athleten schon mal unter Vorbehalt zu den herausragenden Leistungen gratulieren. Von der Politik lernen, heißt rhetorisch siegen lernen!

 
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