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Die Mobile Schlachtbox Tierschonendes Schlachten ohne Lebendtransport

Mit der Mobilen Schlachtbox von Ernst Hermann Maier können Metzger oder Landwirte die Tiere direkt auf der Weide betäuben und töten - ganz ohne Lebendtransporte. Auch kritische Kunden könnten von der Qualität der Fleischprodukte überzeugt werden.

Die handwerkliche Schlachtung und Verarbeitung von Tieren geht immer weiter zurück. Das lag nicht zuletzt an der EU-Hygieneverordnung für Schlachträume, die 2009 in Kraft trat. Die dort geforderten Investitionen, um den Hygienevorschriften zu entsprechen, waren für viele kleine Betriebe zu hoch. Dazu gehörte beispielsweise, dass Räume, in denen Lebensmittel tierischen Ursprungs verarbeitet werden, durchgängig gefliest sein müssen. An ihre Stelle rückten zentralisierte Großschlachthöfe mit industrieller Arbeitsteilung, die Supermärke und Discounter mit günstigem Fleisch beliefern. Mit der Mobilen Schlachteinheit von Ernst Hermann Maier könnten sich kleinere Handwerksbetriebe nun ein besonderes Erkennungsmerkmal schaffen. Denn die Tiere werden nicht lebend zum Metzger transportiert, sondern in gewohnter Umgebung betäubt und getötet. Das wirkt sich auch positiv auf die Fleischqualität aus.

Tierschonendes Schlachten ohne Lebendtransporte

Bereits seit 1995 tüftelt Maier am Fuße der Schwäbischen Alb an einer Lösung, die ein tierschonendes Schlachten ohne Lebendtransporte ermöglicht. Seine Devise: "Wir verkaufen und kaufen nicht lebend." Insbesondere das Verladen und Entladen stellt für die Tiere laut Robert Gayer, Leiter des Veterinäramtes Ravensburg und einer der Autoren des Fachbuches "Tiertransporte", eine belastende Prozedur dar. Nach jahrelangen Auseinandersetzungen mit Behörden, die ihn sogar kurz vor die Zwangsversteigerung führten, erhielt Maier vor sechs Jahren endlich die Zulassung für die Mobile Schlachtbox (MSB) II, die er über den gemeinnützigen Verein Uria vertreibt.

"Wir verkaufen und kaufen nicht lebend." Ernst Hermann Maier, Landwirt auf dem Uria-Hof in Balingen-Ostdorf

Dabei betäubt der Landwirt, Metzger oder Jäger das zu schlachtende Tier im Stall oder auf der Weide mit einem Kopfschuss. Bei ganzjährig freilebenden Rindern und Schweinen ist ein Kugelschuss erlaubt, bei Stalltieren derzeit nur der Bolzenschuss. Nach der Kontrolle, ob das Tier empfindungs- und wahrnehmungslos ist, wird es mittels hydraulischer Winden an den Vorder- und Hinterbeinen in die Schlachtbox gehoben.

Zusammenarbeit zwischen Landwirt und Metzger

Anschließend werden mit einem Stechmesser die beiden Halsschlagadern geöffnet, sodass der Tod durch Blutentzug eintritt. Der anschließende Transport zur stationären Schlachtstätte erfolgt in der geschlossenen Box, die an der Traktorhydraulik angebracht ist. Die Zeit zwischen Stechen und Eintreffen im Schlachtbetrieb darf maximal 60 Minuten betragen, sonst bläht der Körper des Tieres auf. Der entsprechende Schlachtbetrieb häutet das Tier, weidet es aus, halbiert und kühlt es.

Grafik Mobile Schlachtbox

Mobile Schlachtbox vor allem für freilebende Tiere geeignet

Ralf Siegel, Metzgermeister aus Thalhausen bei Neuwied und Geschäftsführer der Landschlachterei Siegel, verwendet die MSB in seinem Betrieb bereits seit drei Jahren. Damit ist er laut Maier deutschlandweit bislang der einzige Metzger. Die MSB nutzt er speziell für Notschlachtungen und für die Schlachtungen von Rindern, die das ganze Jahr über draußen sind: "Diese Tiere einzufangen und zu transportieren ist immer ein bisschen problematisch. Da sie das Freiland gewöhnt sind, stresst sie der Transport. Und das spiegelt sich letztendlich auch in der Fleischqualität wider."

Mobile Schlachtbox entspricht der EU-Hygieneverordnung

Für Siegel ist es oberstes Gebot, dass seine Tiere ordentlich behandelt werden. Daher nimmt er auch die Investitionskosten und den Mehraufwand in Kauf, der durch die zusätzliche Fahrstrecke entsteht. "Am Anfang wurde die Schlachtbox von den Landwirten belächelt", sagt Siegel. "Inzwischen haben auch sie festgestellt, dass das eine gute Sache ist." Darüber hinaus entspricht die Box voll und ganz der EU-Hygieneverordnung 853/2004. Sie enthält beispielsweise ein Handwaschbecken mit Frischwasser- und Schmutzwasserbehälter, das per Fuß betätigt wird, inklusive Einweghandtücher und Seifenspender.

Genehmigung beim Veterinäramt notwendig

Jeder EU-zertifizierte Schlachtbetrieb kann beim zuständigen Veterinäramt eine Genehmigung für die MSB II als mobiler Teil seines Schlachtbetriebes erhalten. Dabei muss der Metzger nicht der Eigentümer der Box sein, das können auch ein oder mehrere Landwirte übernehmen. Bei den Anträgen und Formulierungen bietet Uria Hilfestellung an, denn der Umgang mit den Behörden ist nicht immer einfach. Maier hat sogar den Eindruck, dass die Box systematisch behindert wird. Dazu gehört beispielsweise, dass eine Schlachtbox bisher nur auf eine Metzgerei zugelassen werden kann. Möchte ein anderer Metzger die Box einsetzen, muss er diese erst für seinen Schlachtbetrieb zulassen. In diesem Punkt wünscht sich Maier seitens der Behörden mehr Flexibilität: "So könnten sich mehrere Metzger eine Box teilen."

Bolzenschuss- und Kugelschussverfahren möglich

Für die Anwendung des Bolzenschuss müssen Metzger und Landwirt in der Regel keine Genehmigung beantragen, da sie mit der Berufsausbildung bereits erworben wird. Häufig verfügen viele Betriebe bereits über die dafür nötigen Fangvorrichtungen. Die ideale Lösung stellt für Maier das Kugelschussverfahren dar. Hierfür muss der Landwirt, Jäger oder Metzger einen Sachkundenachweis nach §7 Waffengesetz, §5 und §11 Tierschutzgesetz und §4 Tierschutzschlachtverordnung erbringen. Danach ist eine tierschutzrechtliche Einwilligung durch das zuständige Veterinäramt und eine waffenrechtliche Genehmigung durch das Ordnungs- oder Landratsamt nötig.

Die Mobile Schlachtbox

Alleinstellungsmerkmal für Metzger

Nach Maier sollte es noch mehr Landwirte und Metzger geben, die ein Umdenken wagen. "Wenn ein Tier getötet werden muss, dann hat es das Recht auf eine gute Behandlung. Mit der MSB hat man die Möglichkeit, jedes Schlachttier vor Ort zu betäuben und zu töten. Das ist für die Metzger ein tolles Alleinstellungsmerkmal, das sie auch gezielt bewerben können."

Kunden geben für Tierwohl mehr Geld aus

So zeigt eine Studie des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft, dass fast 80 Prozent der Befragten bereit sind, für mehr Tierwohl auch mehr zu bezahlen. Darüber hinaus stärkt die MSB die Kreisläufe zwischen Metzger und Landwirt. Die gegenseitige Zusammenarbeit hilft, regionale Strukturen zu schützen. So sieht es auch Gero Jentzsch, Pressesprecher des Deutschen Fleischerverbandes. "Für die Industrie ist das Konzept nicht geeignet, denn hierfür ist vor allem die räumliche Nähe wichtig. Und das wünschen sich auch die Kunden immer mehr."

Infos zur Mobilen Schlachtbox

Kosten: 7.000-15.000 Euro, je nach Ausstattungsart

Hersteller: Agrima GmbH, Dorfstraße 42, 72336 Balingen-Ostdorf

Voraussetzungen: EU-zugelassene Schlachtstätte; Landwirt darf maximal 60 Minuten Fahrtzeit entfernt sein; Erlaubnis zur Anwendung des Bolzen- oder Kugelschusses

Tierarten: Für Rinder, Schafe, Ziegen und Schweine geeignet

Anträge und Beratung: Ernst Hermann Maier, 1. Vorsitzender bei Uria, Telefon: 07433/21774

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HOLZNER ALEXANDER

Hof nahe Schlachtung in Südtirol

Mit Rundschreiben des Landestierärztlichen Dienstes von Südtirol vom 20: Mai 2017,
ist die Hof nahe Schlachtung in Südtirol erlaubt. Somit ist Südtirol die erste europäische Region, die die Hof nahe Schlachtung EU-konform geregelt und umgesetzt hat.