"Die Orthopädietechnik hat sich stark gewandelt" - Paralympics - deutsche handwerks zeitung

Paralympics - 31.08.2012

Interview mit Verbandspräsident Lotz

"Die Orthopädietechnik hat sich stark gewandelt"

Die Orthopädietechnik ist bei den Paralympics in London mit von der Partie. Die Handwerker prüfen und reparieren vor Ort die Prothesen und Rollstühle der Athleten. "Durch die Prominenz der Paralympics rückt auch unser Handwerk mehr in den Mittelpunkt", sagt Klaus-Jürgen Lotz, Präsident des Bundesinnungsverbands für Orthopädietechnik, im Interview mit der "Deutschen Handwerks Zeitung". Ein Gespräch über die Trends, Wandel und Zukunft in der Orthopädietechnik. - Von Burkhard Riering

Dieser Artikel ist Bestandteil des Themenpakets Paralympics
BIV-OT
Klaus-Jürgen Lotz (li.) bei der Eröffnungsfeier der Paralympics.

DHZ: Herr Lotz, die 14. Paralympics 2012 in London sind ein Riesenspektakel und übertreffen alles Bisherige. Welche Bedeutung haben diese Paralympics für das deutsche Orthopädietechnik-Handwerk?

Lotz: Wir sind schon seit Jahrzehnten eng verbunden mit dem Behindertensport. Dass die Wertschätzung der Paralympics jetzt in der Öffentlichkeit steigt, wurde endlich auch mal Zeit. Und durch die Prominenz der Paralympics rückt auch unser Handwerk mehr in den Mittelpunkt, das freut uns natürlich. Es steckt viel Arbeit dahinter, viel Forschung und Entwicklung.

DHZ: Hier geht es um die Nische der Ausnahmesportler. Was hat der behinderte Nichtsportler davon?

Lotz: Sehr viel, denn die Produkte, die aus der Forschungsarbeit entstehen, können später auch für die Allgemeinheit interessant werden. Die Forschung bringt die Orthopädietechnik im Ganzen voran.

DHZ. Wie hat sich das Handwerk in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt?

Lotz: Vor 25, 30 Jahren war noch sehr viel mehr Individualität gefragt, alles war sehr spezialisiert, fast alles wurde ausschließlich von Hand gemacht. Inzwischen ist die Industrie so weit, auch Produkte anbieten zu können, die schon vorkonfektioniert sind. So kann der Orthopädietechniker seine Kunden oft schneller und besser bedienen. Die Qualität ist enorm gestiegen.

DHZ: Geben Sie uns ein Beispiel.

Lotz: Früher wurden zum Beispiel die Schäfte für Unterschenkelprothesen mit viel Aufwand aus Holz ausgefräst. Heute haben Sie die Möglichkeit, auf Karbon und andere Kunstfasern zurückzugreifen, um stabilere und leichtere Ergebnisse zu bekommen. Mit Materialien muss sich ein Orthopädietechniker heute auskennen. Auch die Bereiche Elektrotechnik und Biomechanik sind heute viel entscheidender als früher. Das begeistert auch viele junge Leute, ins Orthopädietechnik-Handwerk zu gehen.

Junge Leute mögen Hightech in der Orthopädietechnik

DHZ: Diese Entwicklung bringt auch viele neue Änderungen für die Ausbildung mit sich?

Lotz: Natürlich hat sich das Berufsbild mitverändert. Es ist viel mehr Hightech dabei, was gut ankommt. Bei dem Wort Karbon denken viele gleich: Klasse, wie in der Formel eins. Für die jungen Leute bieten wir einen spannenden Beruf mit einer guten Kombination aus reinem Handwerk, also mit den Händen arbeiten, der Fertigung und Kundenkontakt. Das kommt gut an.

DHZ: Keine Nachwuchsprobleme?

Lotz: Nein, bei uns sind die Zahlen seit Jahren stabil, wir brauchen noch nicht jammern. Das Gute bei uns ist, dass sich die jungen Leute vorher immer mit dem Beruf auseinandergesetzt haben und das wirklich wollen. Unsere Abbrecherquote ist gering. Allerdings können die nächsten Jahre schon zu einem Problem werden, denn es gibt auch einige Schwierigkeiten, die wir bestehen müssen.

Kassen ärgern das Handwerk

DHZ: Sie sprechen politische Herausforderungen an?

Lotz: Wir sind immer mit Gesetzentwürfen konfrontiert, die große Veränderungen für unsere Branche bedeuten würden, da müssen wir immer aufpassen. Vor allem mit den Gesetzlichen Krankenkassen müssen wir uns verständigen, jedoch werden hier zunehmend die Leistungen gekürzt. 85 Prozent unserer Patienten sind gesetzlich krankenversichert. Wenn wir uns aber monatelang damit herumschlagen müssen, ob das Kind jetzt einen elektronischen Rollstuhl kriegen kann oder nicht, dann entnervt das schon. Bedenken Sie: Die Kassen geben pro Jahr 170 Milliarden Euro aus, aber bei uns landen davon nur 1,7 Prozent. Und hochwertige Orthopädietechnik kostet eben Geld.

DHZ: Haben Sie zurzeit viel mit der Politik zu tun?

Lotz: Gesundheitspolitik verändert sich dauernd. Ein Beispiel: Der Gesetzentwurf der Bundesregierung, nachdem die Kassen jeden Auftrag ausschreiben wollten, wäre fatal für die Versorgung gewesen. Wenn es nur noch um billig geht, führt das zu Dumping-Verträgen, und die Qualität sinkt. Wir haben alle Kräfte gebündelt und gemeinsam mit den anderen zuständigen Verbänden erreicht, dass das Gesetz noch einmal geändert wird. Insgesamt muss man sagen, dass die Zusammenarbeit mit der AG Gesundheit des Deutschen Bundestags ganz gut funktioniert, die Parlamentarier sind heute höher sensibilisiert für die Nöte der Patienten.

Trend zu Fusionen in der Branche

DHZ: Wie geht es den deutschen Sanitätshäusern und Betrieben Ihrer Branche insgesamt?

Lotz: Die vergangenen fünf Jahre ist die Anzahl der Betriebe stabil geblieben. Doch ein Drittel lebt mittlerweile nur noch von der Substanz, um die Firma am Leben zu erhalten. Da werden keine nennenswerten Renditen mehr erzielt. Deswegen geht der Trend in der Branche mehr zu Fusionen und Kooperationen.

DHZ: Und solche Allianzen funktionieren?

Lotz: Sie sind notwendig. Nicht jedes Haus kann sich noch eine hochmoderne und vollständige Werkstatt leisten. Da ist es doch besser, sie gehen zusammen. Der eine ist dann hier spezialisiert, der andere dort. Diese Kräfte zu bündeln, ist oftmals eine durchweg positive Entscheidung. Ich glaube, hier ist ein Wandlungsprozess im Gange, der für die nächste Generation der Betriebsinhaber sehr relevant werden wird.

DHZ: Sie selbst haben seit vielen Jahren einen Betrieb in Gießen. Hat der Beruf heute noch etwas mit dem zu tun, als Sie angefangen haben?

Lotz: Ich habe den Beruf einst angefangen, weil meiner Ansicht nach das Metier spannend war und ich es toll fand, Menschen mit meinem Beruf helfen zu können. Wenn Sie einem amputierten Menschen helfen, wieder auf die Beine zu kommen, und der einem weinend um den Hals fällt, dann ist das schon etwas Besonderes. Und das ist heute auch noch so.

 
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