Nicht alle Potenziale ausgeschöpft - Politik + Wirtschaft - deutsche handwerks zeitung

Politik + Wirtschaft - Ausgabe 18/2011

Nicht alle Potenziale ausgeschöpft

Firmen unterschätzen Wandel

Dr. Steffen Kröhnert ist Soziologe am Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Foto: privat

Deutschland steht vor einer Trendwende: Die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter zwischen 20 bis 65 Jahren wird von nun an mindestens fünf Jahrzehnte lang abnehmen. Das heißt von heute 50 Millionen Menschen auf nur 35 Millionen im Jahr 2060. Der deutschen Wirtschaft fällt die enorme Aufgabe zu, Innovation und Wirtschaftswachstum angesichts einer Abnahme der erwerbsfähigen Bevölkerung um 30 Prozent zu bewerkstelligen.

Jahr für Jahr werden weniger junge Menschen als Auszubildende und Berufseinsteiger zur Verfügung stehen. Unternehmen müssen daher lernen, mit mehrheitlich über 50-jährigen Arbeitnehmern zurechtzukommen, eine Altersgruppe, die noch in den 90er Jahren zahlreich in den Vorruhestand entlassen wurde.

Zu den demografischen Problemen kommen, gerade für das Handwerk, andere hinzu: Etwa ein Viertel der Jugendlichen verlässt die Schulen mit keinem oder einem sehr schwachen Schulabschluss und ist so für technisch anspruchsvolle Berufe kaum zu gebrauchen. Altehrwürdige Handwerksberufe gelten plötzlich als uncool, weil viele Jugendliche lieber "etwas mit Medien" machen wollen. So mancher, vorwiegend an Computerspielen sozialisierte Schüler verfügt nicht über die Kommunikationsfähigkeit, die im Umgang mit Kunden nötig ist.

Die Antwort kann nur sein, stärker auf die Menschen zuzugehen. Auch schwierigen Jugendlichen muss mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden. Junge Frauen, die in vielen Handwerksberufen kaum vertreten sind, machen nicht nur bessere Schulabschlüsse, ihre Erwerbsbeteiligung kann im Gegensatz zu jener der Männer auch noch deutlich ansteigen. Auch drängen Migrantenkinder nicht so stark in akademische Berufe wie deutsche Jugendliche und sind Kandidaten für eine Ausbildung. Und: Arbeitsplätze müssen so gestaltet werden, dass Ältere sie auch tatsächlich bis zum Rentenalter ausfüllen können. Branchen, die sich dem Wettbewerb als attraktiver Arbeitgeber nicht stellen, bleibt irgendwann das Personal weg.

 
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