Lebenswege -

Lebenswege Motiviert bis in die Haarspitzen

Die Friseurmeisterin Edith Milchmeier-Merl hat im Eiltempo Karriere gemacht. So war sie nicht nur Deutsche Meisterin und Europameisterin ihres Fachs, sondern konnte insgesamt drei WM-Titel holen. Nach zwei unverschuldeten Filialbränden in einem Jahr muss sie nun wieder ihre Existenz aufbauen.

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Im Wettbewerb nicht zu schlagen: die dreifache Friseurweltmeisterin bei einem öffentlichen Auftritt. -

Edith Milchmeier-Merl nippt an ihrem Latte macchiato und grübelt. Ihre Gedanken kreisen um den September und Oktober 2011. Dann bricht es aus ihr heraus: "Zwei Brände in einem Jahr, das ist doch unwahrscheinlicher als ein Sechser im Lotto."

Am 3. September 2011 schien für die junge Friseurmeisterin das Glück perfekt. In der "Alten Kapelle" in Regensburg gab sie ihrem Matthias vor laufenden Fernsehkameras das Ja-Wort. Der "Traumhochzeit in Bayern", wie der Bayerische Rundfunk titelte, folgte kurze Zeit später der Tiefpunkt im bisherigen Leben der heute 30-Jährigen.

Doppelter Schlag

Umgeben von Sonne, Sand und Meer erfuhr das junge Ehepaar in den Flitterwochen am Telefon, dass es im ehemaligen Rathaus von Geisenfeld nahe Ingolstadt zu einem Großbrand im Dachstuhl gekommen war. In einer Wohnung über dem Friseursalon der Familie Milchmeier hatten zwei Betrunkene vor dem Zubettgehen vergessen, die Herdplatte auszuschalten. Die Männer kamen bei dem Brandunfall ums Leben, die anderen Bewohner des Hauses konnten vor den sich ausbreitenden Flammen gerettet und in Notunterkünften untergebracht werden.

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© privat

Für Edith Milchmeier-Merl war der Anruf wie ein Déjà-vu. Im Januar 2011 hatte es bereits in einem anderen Salon der Familie gebrannt. Auch damals hatten sie den Brand nicht selbst verschuldet, ein technischer Defekt hatte das Feuer verursacht. Tote und Verletzte gab es zum Glück nicht, der finanzielle Schaden betrug rund 60.000 Euro.

Keiner zahlt

Dass der zweite Brand eine ganz andere Tragweite hatte, wurde der Friseurmeisterin erst richtig bewusst, als sie sich zurück in Deutschland selbst ein Bild machen konnte. Nicht nur das Feuer, sondern vor allem das eingesetzte Löschwasser hatte den Salon im Erdgeschoss samt Inventar komplett zerstört.

Tragisch für die Familie Milchmeier war, dass sie die Filialen erst in den Jahren zuvor für rund 200.000 Euro hochwertig saniert hatten. Noch schlimmer wog jedoch, dass die verstorbenen Unfallverursacher nicht haftpflichtversichert waren. Finanzielle Hilfe für den Wiederaufbau des Gebäudes erhoffte sich die Familie deshalb beim zuständigen Denkmalschutzamt. Die müssten doch auch ein Interesse daran haben, dass das Stadtbild schnell wieder hergestellt wird, dachten sie. Doch die Denkmalschutzbehörde verwies auf die leeren Kassen. "Die haben uns nicht nur Hilfe verweigert, sondern noch Druck gemacht, dass wir das Denkmal schnellstmöglich wieder aufbauen müssen", blickt Edith Milchmeier-Merl wütend zurück. Die Familie stand vor einem Scherbenhaufen. ­­Wo sollten sie so viel Geld für die Sanierung auftreiben? Und wie sollten sie die zehn Mitarbeiter des Salons weiterbezahlen?

Handwerk in die Wiege gelegt

Solche Rückschläge waren der Friseurmeisterin bis dahin fremd. Wie aus dem Lehrbuch verlief ihre noch junge Karriere, bei der es immer nur eine Richtung gab: nach oben.

Sie wuchs in einer wahren Familiendynastie des Friseurhandwerks auf. Ihre Mutter Maria machte sich 1971 als Friseurmeisterin selbstständig. Auch Opa Josef, ihr Urgroßvater Georg und dessen Geschwister waren im Friseur- und Schönheitsbereich tätig. "Druck, deshalb auch den Friseurberuf ergreifen zu müssen, verspürte ich nicht", betont sie. Ihre Mutter hätte sie lieber in einer Steuerkanzlei gesehen, sie selbst wollte als junges Mädchen Tierärztin werden und ihre Liebe zu den Pferden zum Beruf machen. Dass der Alltag einer Tierärztin aber wenig mit ihrer Wunschvorstellung zu tun hat, merkte sie bei einem Praktikum schnell. Heute sagt sie: "Friseur ist mein Traumberuf, indem ich meine Kreativität am besten ausleben kann", und strahlt dabei über das ganze Gesicht.

Traum vom WM-Titel

Nach dem Erwerb der mittleren Reife stieg sie sofort in die Friseurlehre ein und entwickelte von Beginn an den Ehrgeiz, die Beste ihres Fachs werden zu wollen. "Ich war und bin extrem ehrgeizig und stecke nicht auf, bis ich ein Ziel erreicht habe", beschreibt sie sich selbst. 2001 wurde sie mit 19 Jahren Deutschlands jüngste Friseurmeisterin. Nebenbei absolvierte sie die Ausbilder­eignungsprüfung mit der Note 1,0. Viele hätten sich wohl spätestens dann mit einer leitenden Position im familiären Betrieb zufrieden gegeben.

Doch Edith Milchmeier-Merl hatte ­einen anderen Traum, den sie erreichen wollte: Weltmeisterin im Friseurhandwerk. Dafür stand die junge Frau nicht nur acht Stunden pro Tag im Salon am Stuhl, sondern trainierte nach Feierabend und selbst an den Wochenenden bis spät in den Abend mit Schere und Kamm. Zeit, mit Freundinnen in die Disko oder ins Kino zu gehen, blieb da keine mehr. "Alles war dem WM-Titel untergeordnet." Auch auf ihre zweite große Leidenschaft – die Pferde – muss­te sie dafür verzichten. 15 Jahre war sie als Turnierreiterin aktiv gewesen und hatte in dieser Zeit ihre Freude daran entdeckt, sich mit anderen im Wettkampf zu messen.

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© privat

Stolz berichtet sie heute von dem Lohn ihres Verzichts und ihrer Anstrengung: Drei WM-Titel, davon zwei im Junioren- und einer im Seniorenfach, stehen zu Buche. Bis heute ist sie die letzte Deutsche, die die Weltmeisterschaft gewinnen konnte. Sie schwelgt gerne in Erinnerung an diesen berauschenden Lebensabschnitt mit Reisen in Metropolen wie Chicago, Singapur, Moskau oder Montevideo.

Trotzdem habe sie nie mit dem Gedanken gespielt, dem beschaulichen Geisenfeld den Rücken zu kehren. "Dazu bin ich zu bodenständig und zu sehr mit meinen Kunden verbunden."

Aufstehen und weiter

Ihr Hunger nach Wettkampftiteln ist inzwischen gestillt, der Ehrgeiz aber geblieben. Und so stand es für sie nie infrage, den Salon trotz aller Hindernisse mit ihrer Familie wieder aufzubauen. Die Mitarbeiter sind geblieben und arbeiten vorübergehend in einem Ausweichsalon in Geisenfeld. Mit Hilfe von Banken konnte die Familie die Finanzierung für den Wiederaufbau stemmen. Schon im November soll die Eröffnung stattfinden. "Wir hoffen, es brummt", sagt sie voller Tatendrang und nimmt noch einen großen Schluck von ihrem Latte macchiato.

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