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Das Berufsbild der Graveure Meister des feinen Unterschieds

Der Beruf des Graveurs bietet ein breites Betätigungsspektrum. Doch um mehr Nachwuchs zu bekommen, müsste er sein Profil schärfen. Zwei Betriebsinhaber berichten, wie sie den Wandel sehen.

Gravierstichel in Frässpindel
So wurden die Fräser vor der CNC-Zeit angetrieben: Gravierstichel in einer riemengetriebenen Frässpindel. - ©

Zwischen Kunst und Kommerz, zwischen Kreativität und industrialisierter Hochtechnologie – ein Spannungsfeld, das sich in vielen Handwerksberufen wiederfindet. Bei den Graveuren gilt dies ebenso, denn neue CAD-, Laser- und Drucker-Techniken drängen den menschlichen Faktor in den Hintergrund. Das reine Handwerk droht zu verschwinden.

Niclas Gottfried
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Niclas Gottfried ist überzeugt, dass das eine nicht ohne das andere geht. Wer Qualität liefern wolle, könne sich nicht auf die rein technische Komponente der Fertigung verlassen und auf den handwerklichen Hintergrund seiner Profession verzichten. Der Geschäftsführer eines Graveurbetriebs in Solingen – einer ehemaligen Hochburg der Graveure – will diese Fähigkeiten und Tugenden auch gar nicht missen. Denn für ihn sind sie die Basis, die seinem Betrieb auch das Auskommen sichert.

Die fachliche Basis sichert dem Betrieb das Auskommen

Laser-Beschriftung (blau eingefärbt)
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Dem Kunden falle es vielleicht nicht sofort auf, ob zum Beispiel die Beschriftung der Frontplatte einer Maschine den richtigen Schriftschnitt hat. Dass es im direkten Vergleich aber besser lesbar ist, sieht er sehr wohl, wenn der Graveur es ihm vermittelt. Denn mithilfe seines geschulten Blicks erhalte ein gefertigtes Teil den Feinschliff, das gewisse Etwas. Gottfried: "Sie können die Dinge am Computer besser machen, aber nur, wenn Sie wissen, wie es funktioniert."

Am Ende mache es auch den geschäftlichen Unterschied aus, ob einer sein Handwerk von der Pike auf gelernt hat. Ein Graveur, der sich nicht mit dem Standard zufrieden gibt, sichere sich langfristig seinen Kundenstamm.

Die Sicherung des Nachwuchses macht ihm dagegen, wie in so vielen anderen Berufen, mehr Sorgen. Beim Zentralverband Oberflächentechnik ist er zuständig für die Fachgruppe Graveure und stellt gerade eine Projektgruppe für die Modernisierung des Berufsbildes zusammen, das ihm in Teilen zu schwammig und ungenau erscheint. "Wir müssen das Profil schärfen", sagt er und meint, dass vielen jungen Menschen – in diesem wie auch in anderen Berufen – nicht klar ist, was sie als Graveur erwartet.

Vor allem, wenn es darum geht, eine Fachrichtung einzuschlagen. Die Ausbildung habe einen hohen grafischen ­Anteil, sagt Gottfried. Das Künstlerische spiele dort eben noch eine größere Rolle. Industrielle Anwendungen, auf die sich viele Anbieter konzentrieren, folgen zumeist im späteren Berufsleben. Das Künstlerisch-Grafische werde jedoch nur als Nische überleben. Wer den Beruf ergreife, müsse sich entscheiden, in welche Richtung er will. "Der Azubi muss erkennen, an was sein Herz hängt", sagt Gottfried.

Mit der Hand und dem Stichel

Andreas Wölfle
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Andreas Wölfles Herz hängt an seinem alteingesessenen Gravur-Betrieb. Seit 127 Jahren schon bieten die ­Wölfles Gravuren in Freiburg an. Als Handgraveur arbeitet er – wenn man so will – zumindest in Teilen in der Nische. Der Hauptteil seines Geschäfts besteht aus der Gravur von Pokalen und Medaillen. Viele Aufträge kommen außerdem von Goldschmieden in seiner Gegend, für die der Graveurmeister Schmuck graviert.

Wölfle legt dabei Wert auf die Feststellung, dass er diese Arbeiten mit der Hand und dem Stichel macht – spanabhebend, versteht sich. Das heißt, dass das Material bei der Gravur nicht einfach nur verdrängt wird und am Ring bleibt bei der Gravur, sondern dass dabei wirklich Material abfällt. Arbeitsgänge, bei denen die Hand- der Maschinenarbeit noch überlegen ist.

Angst macht Wölfle weniger dieses Nischendasein als die Verdrängung der Aufträge in Richtung Internet. Sein Umsatz leide deutlich unter der wachsenden Anzahl der Onlinebestellungen – ebenso wie unter Modewellen und Geschmacksfragen. Gefragt ist dagegen Flexibilität – auch im Angebot. "Nur mit Gravuren wird man nicht überleben können", sagt Wölfle. Er setzt unter anderem auf Digitaldruck und bietet Beschilderungen, Folienbeschriftungen oder Foto­rückwände für Küchenzeilen.

Handgravierte Goldringe
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"Der Azubi muss erkennen, an was sein Herz hängt."

Auch wenn sich das Tätigkeitsfeld der Graveure damit erzwungenermaßen erweitert – neue Lehrlinge gewinnt die Branche damit nicht. 1984 bis 1988, als Andreas Wölfle seine Ausbildung absolvierte, wurden in Hessen und Baden-Württemberg noch zwei Klassen in der Berufsschule unterrichtet. Heute bekomme man mit Mühe und Not eine Klasse gefüllt.
Niclas Gottfried bildet derzeit zwei Lehrlinge aus. Er versucht, Jugendlichen immer das Spannende des Berufs zu vermitteln: die hohe Eigenständigkeit, die Fähigkeit, Lösungen für ganz individuelle Probleme anzubieten. Denn der wirtschaftliche Erfolg liegt in den feinen Unterschieden.

Graviertechnik

Das Berufsbild des Metalldrückers entwickelte sich vor ca. 170 Jahren. Aus der zunächst einfachen Tätigkeit gingen nach und nach die Berufe Flach-, Stempel-, Schilder-, Relief-, Formenbau- und Gold- und Schwarzdruckgraveur hervor, heute zusammengefasst unter der Bezeichnung Graveur. Das Gravieren von Schmuck, das Herstellen von Stempelwerkzeugen, von Siegeln und Petschaften, das Anfertigen von Beschilderungen und Ehrenpreisen nimmt einen breiten Raum ein. Hinzu kommen die Anfertigung von Prägewerkzeugen für Münzen und Medaillen, die Herstellung von Formen und Gesenken für Gebrauchsgegenstände, die Anfertigung von Werkzeugen für die Herstellung von Bestecken und Tafelgeräten, Damaszierungen und Guillochierungen zur Oberflächengestaltung und vieles mehr. Derzeit gibt es rund 750 Betriebe mit 5.000 Beschäftigten.

Quelle: biv.org

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