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Signal-Iduna-Chef Ulrich Leitermann zur Lebensversicherung "Die Reform ist in Teilen kontraproduktiv"

Signal-Iduna-Chef Ulrich Leitermann zur Reform der Lebensversicherung, Wachstum gegen den Trend und vermeintliche Probleme bei Hochwasser-Versicherungen.

DHZ: Herr Leitermann, was halten Sie vom Reformpaket der Bundesregierung für die Lebensversicherung?

Leitermann: Das Reformgesetz beinhaltet Regelungen, die nicht nur kontraproduktiv, sondern auch überflüssig sind. Ein Beispiel: Mit dem Gesetz soll die Risikotragfähigkeit der deutschen Lebensversicherung verbessert werden. Das ist zu unterstreichen. Vorgesehen ist jedoch, die Anteile der Versicherungsnehmer an den Risikogewinnen von 75 Prozent auf 90 Prozent zu erhöhen. Diese vermehrte Ausschüttung führt ja gerade nicht zur Verbesserung der Risikotragfähigkeit, sondern zu einer Schwächung.

DHZ: Gut ist aber doch, dass die Transparenz der Produkte verbessert wird.

Leitermann: Richtig, aber die Abschlussprovisionen der Vermittler auszuweisen, dient zum Beispiel nicht der Vergleichbarkeit der Produkte. Die Branche hat einen Vorschlag gemacht, der deutlich weitergeht. Demnach wollen wir ausweisen, wie die Rendite der Lebensversicherung durch die Kosten tangiert wird. Generell gilt: Wenn das Gesetz so in die Welt kommt, wird es die deutsche Lebensversicherungswirtschaft maßgeblich verändern.

DHZ: Gibt es auch positive Aspekte?

Leitermann: Gut ist, dass der Gesetzgeber die Bewertungsreserven regelt. Das ist nichts anderes als die Korrektur einer fehlerhaften Regelung aus dem Jahr 2008. Hätten die hohen Bewertungsreserven aufgrund des niedrigen Zinsniveaus Bestand, würden sie nur etwa fünf Prozent der Versicherungsnehmer zugutekommen. 95 Prozent wären schlechtergestellt. Die Kunden, deren Verträge heute auslaufen oder die die Verträge kündigen, haben ihre Verträge in der Regel deutlich vor dem Jahr 2008 abgeschlossen und konnten also niemals damit rechnen, dass sie an Bewertungsreserven in dieser Form beteiligt werden. Die Betroffenen nehmen diesen unerwarteten warmen Regen gerne mit. Aber das geht eindeutig zulasten des Kollektivs.

DHZ: Der Bereich Lebensversicherungen der Signal Iduna ist trotz des derzeit schlechten Rufs des Produkts um 6,6 Prozent gewachsen und damit deutlich besser als der Markt. Wie erklären Sie sich das?

Leitermann: Das liegt auch an unserer Zielgruppe. Die selbstständigen Handwerker wissen besser als viele andere, dass sie Vorsorge treffen müssen. Das sind ja Leute, die sehr wirtschaftlich orientiert sind und deshalb einen guten Blick auf das Thema haben. Gerade im Bereich der Handwerksorganisation sind wir auch über die Versorgungswerke deutlich erfolgreicher als die Mitbewerber.

DHZ: Im Bereich der Risikoversicherungen gab es 2013 starke Belastungen durch das Hochwasser. Was halten Sie von einer Pflichtversicherung gegen Elementarschäden?

Leitermann: Mit Pflichtversicherungen tue ich mich gesellschaftspolitisch schwer. Jeder muss doch willens sein, zu erkennen, ob er ein Risiko hat oder nicht. Muss dann immer der Staat vorschreiben, ob man dafür eine Versicherung braucht oder nicht? Bei der Kfz-Haftpflicht mag das sinnvoll sein, weil es auch darum geht, Dritte zu schützen. Wer die Notwendigkeit nicht sieht, sich selbst abzusichern gegen Elementarschäden, dem hilft der Gesetzgeber auch nicht wirklich.

DHZ: Viele Betriebe bekommen doch aber keine Versicherung, weil das Risiko zu hoch ist.

Leitermann: Das höre ich immer wieder. Das betrifft bestenfalls ein Prozent der Betriebe und privaten Haushalte. Umgekehrt sind 99 Prozent der Risiken versicherbar. Insofern wird da aus einem relativ kleinen Teil ein Problem konstruiert, das es im täglichen Leben so gar nicht gibt. Außerdem wird damit der weiterhin dringend notwendige Hochwasserschutz im wahrsten Sinne des Wortes untergraben.

Lebensversicherung: Was ist geplant?

Mit dem Reformpaket der Bundesregierung sollen die Lebensversicherer stabilisiert werden. Aufgrund niedriger Zinsen an den Kapitalmärkten fällt es ihnen immer schwerer, den Garantiezins zu halten. Der Gesetzesentwurf sieht vor, den Garantiezins zum 1. Januar 2015 für Neuverträge von 1,75 Prozent auf 1,25 Prozent zu senken. Zudem sollen ausscheidende Kunden weniger Anspruch auf Bewertungsreserven haben. Die Versicherten sollen dafür stärker an Risikogewinnen beteiligt werden. Die Mindestbeteiligung steigt von 75 auf 90 Prozent. Eine weitere Forderung ist, dass Unternehmen ihre Abschlusskosten bei Policen senken sollen. Bei Vertragsabschluss sollen zudem Provisionen offengelegt werden. Nach Informationen des Bundes der Versicherten kommt die ursprünglich im Gesetz geplante Offenlegung der Provisionshöhen für Vermittler nicht.

Was sind Bewertungsreserven?

Als Bewertungsreserve wird die Differenz zwischen aktuellem Marktwert einer Kapitalanlage und deren Kaufpreis bezeichnet. Hohe Bewertungsreserven dienen der Sicherheit von Lebens- und Rentenversicherungsverträgen, als sie dazu verhelfen, Marktschwankungen am Kapitalmarkt auszugleichen und die in Aussicht gestellten Renditeversprechen einzulösen. Realisiert werden Bewertungsreserven erst durch den Verkauf von Kapitalanlagen. Seit einer Gesetzesänderung 2008 steht Kunden, deren Verträge auslaufen, die Hälfte dieser Gewinne zu, auch wenn der Versicherer sie gar nicht realisiert. Mit der neuen Regelung sollen die Kunden geringer an diesen Kursgewinnen beteiligt werden.

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