Lehrgeld bezahlt, Krise erfolgreich gemeistert - Baden-Württemberg - deutsche handwerks zeitung

Baden-Württemberg - Ausgabe 4/2009

Lehrgeld bezahlt, Krise erfolgreich gemeistert

Bevor das Kind in den Brunnen fällt: Besser gleich Beratungsdienste des Handwerks nutzen

Festen Boden unter den Füßen: Uwe Sindlinger (rechts) und Christoph Deyle haben die Geschäfte im Griff.Foto: Hauser

Uwe Sindlinger (33) und Christoph Deyle (34): Zwei Zimmerleute, die auszogen sich selbstständig zu machen. Engagement, Mut, Optimismus, jede Menge Fachwissen – das alles brachten sie mit, als sie vor drei Jahren die traditionsreiche Zimmerei Wager in Esslingen übernahmen. Ein Jahr lang ging es geradewegs bergauf, das Unternehmen wuchs rasch. Zu rasch, wie die beiden heute wissen. Die folgende Krise haben sie gut gemeistert, das Unternehmen befindet sich längst wieder auf Erfolgskurs. Ein Coach, vermittelt durch die Beratungsdienste des Handwerks, begleitete den Betrieb durch die schwierige Zeit.

Die beiden kannten sich schon als Lehrlinge. Uwe Sindlinger und Christoph Deyle lernten zwar in verschiedenen Ausbildungsbetrieben Zimmerer, aber die jungen Männer wohnten beide in Esslingen, besuchten zusammen die Berufsschule und tauschten in Bus und Bahn ihre Erfahrungen aus.

Maurer und Bautechniker

Der eine wurde schließlich Bautechniker und legte die Ausbildereignungsprüfung ab, der andere machte den Meister. So ganz hatten sie sich nie aus den Augen verloren. Und als Sindlinger durch seine Bank von einem Handwerker hörte, dem im eigenen Betrieb der Nachfolger fehlte und der einen Übernehmer suchte, dachte er natürlich sofort an den Freund: „Lass uns das zusammen machen, zu zwei geht’s leichter.“ Für und Wider wurde erwogen, Pläne wurden gewälzt, die Familien um ihre Meinung befragt, mit Banken verhandelt und schließlich Verträge unterschrieben. Sindlinger, der Theoretiker, und Deyle, der Praktiker, sind zwei, die sich gut ergänzen und die zupacken können. Ein großer Kundenstamm und der eigene Bekanntheitsgrad machten den Start leicht. Sie übernahmen einen Mitarbeiter und legten los. Vom Erfolg beflügelt wagten sie sich gleich im zweiten Jahr auf Neuland und übernahmen als Bauträger zwei Großaufträge. Pech für die beiden, dass andere mit den Terminen patzten und so zwei große Projekte plötzlich gleichzeitig zu schultern waren. Mitarbeiter und Aushilfen wurden gebraucht, vorübergehend wuselten 20 Leute über den Hof. Ein Subunternehmer musste her. „Wir wurden komplett überrannt“, stellt Sindlinger selbstkritisch fest. Es sei viel gearbeitet worden, aber wenig in der Kasse geblieben.

Notbremse gezogen

Bevor es vollends ganz brenzlig wurde, zogen Sindlinger und Deyle die Notbremse und fragten bei ihrer Handwerkskammer um Rat. „Der Berater kam sofort und machte sich ein Bild von der Lage“, erzählt Sindlinger. Über ihn kam die Vermittlung an die Kollegen von der BWHM, der Beratungstochter des Handwerkstages, zustande. Aus dem großen Beraterpool suchte Marinanne Hertle dann gemeinsam mit den Unternehmern zwei Coaches aus. Rasch war klar: Der Betrieb brauchte andere Strukturen. Sindlinger: „In vielen, vielen Stunden haben wir zusammen ein Konzept ausgearbeitet.“ Danach wussten Sindlinger und Deyle „wo unsere Stärken liegen und wovon wir besser die Finger lassen sollten“. Sie expandieren jetzt langsamer, dafür aber sicher. Sie haben die Geschäfte wieder voll im Griff und können auf ein erfolgreiches Jahr zurückblicken. Und dass sie das mit Herz und Sachverstand tun, hat sich inzwischen herumgesprochen. Was sie heute anders machen würden? Sindlingers Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: „Gleich bei der Betriebsübernahme Rat einholen und nicht erst, wenn Not am Mann ist.“ eh

 
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