Thomas Rätzke ist Buchbindermeister. Gerade erst hat er ein 407 Jahre altes Buch restauriert
Wie viele Hände das Buch wohl schon in der Hand hatten, wie viele Finger wohl schon über die Seiten blätterten? Kriege tobten, Staaten wurden gegründet und das Automobil erfunden - trotzdem überstand das Buch Jahrhunderte. Das heute gelbliche Papier und der schwere Einband riechen nach Geschichte. Das Buch, das Thomas Rätzke restaurierte, ist ein Exemplar der „Summa Theologica“ des wohl bekanntesten Kirchenlehrers der christlichen Geschichte: Thomas von Aquin (etwa 1225-1275). Römische Zahlen verraten das Jahr des Druckes: 1604.
407 Jahre später. Das Geschäft von Buchbindermeister Thomas Rätzke in der Nähe der Alten Oper. Wer hier eintritt, tritt heraus aus der Welt von Hör- und Onlinebuch. Sein Laden ist eine Liebeserklärung an das Buch: In der engen Werkstatt mit den hohen Wänden stehen traditionelle Maschinen und Apparate, juristische Wochenschriften warten darauf, zu einem Band zusammengefügt zu werden. „Schon etwas Besonderes“, sagt 60-Jährige, sei die Arbeit an dem Aquin-Buch gewesen. 40 bis 50 Stunden hat er daran gearbeitet. Das Papier sei hochwertig und gut zu bearbeiten. Weniger Spaß bereiten ihm Bücher aus der Zeit der Industrialisierung, erzählt er. Aufpassen müsse man nämlich, dass einem die in erster Massenproduktion entstandenen Seiten wegen der schlechteren Verarbeitung nicht gleich in der Hand zerbröselten.
Rätzke ist verheiratet, der Sohn studiert, die Tochter absolviert eine Lehre zur Bürokommunikationskauffrau. Den Betrieb hat er von seinem Vater übernommen. Seit 1950 ist der Betrieb in der Fürstenbergerstraße ansässig, 1956 wurde er in die Handwerksrolle eingetragen. Kunden, die das in der Nähe liegende Gymnasium besucht haben und sich damals Hefte kauften, kommen heute teilweise immer noch als Stammkunden in den traditionellen Handwerksbetrieb.
Eigentlich, so erzählt Thomas Rätzke, wollte er Vermessungswesen studieren und zur Bahn. Doch da es in puncto Anstellung zu dieser Zeit nicht rosig aussah, entschied er sich, im Familienbetrieb einzusteigen. Er macht die Ausbildung, es folgt eine Zeit am renommierten „Centro del bel libro“ in Ascona und der Meisterbrief 1982.
Den Großteil seines Umsatzes macht er heute mit dem Binden der Fachzeitschriften. „Wir merken auch, dass die Konjunktur wieder angezogen ist“, erzählt er. Während große Firmen zwar weniger Aufträge vergeben, kämen immer mehr Private zu ihm, die die Schätze ihrer Bibliotheken restauriert haben möchten. Diese Kunden erreiche er über Mundpropaganda, denn die Liebhaber tauschen sich untereinander aus. Briefe von Geschäftskontakten aus dem Ausland zeigen, wie sehr das Buchbinderhandwerk bei Sammlern noch geschätzt wird.
Doch Thomas Rätzke bietet in seinem Betrieb jedoch noch viel mehr an als Restaurationen. Kreative Ideen setzt er praktisch um, wie ein Kochbuch als Geschenk zur Hochzeit zum Beispiel, zusammengestellt aus den Rezepten der Gäste oder individuelle Einbände, etwa aus Seidentüchern. Der Fantasie und den persönlichen Wünschen der Kunden sind keine Grenzen gesetzt.
Für die Buchrücken alter oder fremdsprachiger Buchausgaben muss er die passenden Druckformen finden, um sie authentisch zu beschriften. „Das ist manchmal nicht so einfach, wenn man einer bestimmten Sprache nicht mächtig ist“, schmunzelt Rätzke und erinnert sich an die Biografie, die er einst für einen Frankfurter Rabbiner fertigte. Verschmierte, einzelne Seiten alter Bücher könne er bei der Sanierung ersetzen. Der Trick: Die Seite einscannen, die Anmerkungen mit dem Bildbearbeitungsprogramm entfernen und die Seite auf papierähnlicher Qualität drucken. Computer oder Buch? Das ist sowieso eine Frage, mit der das Buchbinderwesen sich seit Jahrzehnten befassen muss. Einige Kunden, so erzählt er, nutzten elektronische Ausgaben, etwa einer Fachzeitschrift, um die Passage zu finden, ziehen es jedoch dann vor, den gesamten Text im gedruckten Heft zu lesen. Insgesamt ist die Zahl der Buchbinderbetriebe aber natürlich geschrumpft. In Frankfurt und Umgebung gebe es derzeit rund 10 bis 15 Betriebe, schätzt Rätzke, der sich in der Innung auch schon als Schriftführer, Kassenprüfer und Gesellenprüfungsausschuss engagierte. Was einen guten Buchbinder ausmacht? Rätzke überlegt lange, bis er eine Antwort gibt. Exaktes und sauberes Arbeiten sind wohl das A und O im Buchbinderhandwerk. „Fantasie und Erfahrung machen den Rest.“ sagt Thomas Rätzke, der privat gerne Werke von Ephraim Kishon liest.
Auszubildende habe er immer wieder. Doch da sich der 60-Jährige nebenher noch als Christdemokrat in der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung engagiert, muss er das Geschäft auch hin und wieder zu ungewöhnlichen Zeiten öffnen und schließen. Das ließe sich dann manchmal nur schwer vereinbaren. Sein politisches Engagement liegt ihm sehr am Herzen, immer hat er dabei auch die Sorgen des Handwerks im Hinterkopf. Dafür, dass Pendler, die nach Frankfurt kommen, öfter mal öffentliche Verkehrsmittel nutzen, setzt er sich ein - die Parkplatzsituation sei in Frankfurt manchmal nicht ganz einfach. Auch vor seinem Laden nicht. Daran, dass manche Fraktionssitzungen oder Treffen zu einem für Selbstständige schwierigen Zeitpunkt stattfinden, erinnert er ebenfalls nur zu gerne kritisch.
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